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Kultur in Dachau:"Das Grün geht uns verloren"

Die Ausstellung von Andreas Kreutzkam und dem verstorbenen Günther Urban ist ein inniger Dialog

Günther Urbans Leidenschaft für Holzschnitte bildete sich nicht nur in den vielfältigen Drucken ab, die der Dachauer Künstler im Laufe seines Lebens erschuf hat. 2017 organisierte er eine große Ausstellung im Wasserturm, die die Entwicklung des Holzschnitts über 100 Jahre Dachauer Kunstgeschichte zeigte. Grundlagen seiner profunden Kenntnisse gab er bei Projekten an Grundschulkinderweiter. Urban teilte seine Begeisterung gerne mit anderen und ganz besonders mit Andreas Kreutzkam. Mit ihm verband ihn eine ganz besondere künstlerische Freundschaft. "Wir haben uns auf Anhieb verstanden", erzählt Kreutzkam. Zwischen den beiden passte alles - sogar das Druckformat, was nicht ganz unwichtig ist, wie man noch sehen wird. Die meisten Dachauer Künstler, die Holzschnitte anfertigen, arbeiten mit viel kleineren Platten.

Im Januar starb Günther Urban im Alter von 68 Jahren, entkräftet und ausgezehrt von seiner schweren Krankheit. Doch die letzte gemeinsame Ausstellung mit Werken von Günther Urban und Andreas Kreutzkam findet trotzdem statt. Nicht als Retrospektive auf Urbans Werk, sondern als Gemeinschaftsschau mit Reverenz an einen lieben Freund und geschätzten Künstlerkollegen. Die Ausstellung trägt den Titel "Zwiegespräch" und als solches ist sie auch angelegt: als künstlerischer Dialog über Formen, Strukturen, Farben, in denen Gedanken und Emotionen ihren Ausdruck finden, gerne mit kräftigem Grün und Blau. Das seien ihrer beider Lieblingsfarben, erklärt Andreas Kreutzkam.

Das Zwiegespräch ist nicht auf Distanz angelegt, sondern auf größtmögliche Nähe: Eine Druckplatte wird dazu teilweise bearbeitet und dem Künstlerfreund zur Weiterarbeit gegeben - man müsste besser sagen: anvertraut. Zwischendurch werden Probedrucke erstellt und dann weitergewerkelt. So hatten sich die beiden das vorgestellt. Die einzelnen Schritte sollten in der Ausstellung sichtbar gemacht werden. Und zumindest die ersten Schritte kann man sehen. Vorskizzierte Holzplatten, die aber teilweise nicht fertig ausgearbeitet wurden, und eine Reihe von Drucken mit filigraner Struktur in sattem Grün. "Das Grün geht uns verloren", das war der Ausgangsgedanke für diesen Dialog, der wegen Urbans Tod plötzlich abbrach. "Ich hätte das Gespräch gerne zu Ende geführt", sagt Andreas Kreutzkam.

Dadurch dass beide mit demselben Format arbeiten, lassen sich ihre Druckplatten perfekt übereinanderlegen. Wie in einem guten Gespräch haben sich Urban und Kreutzkam gegenseitig Raum gelassen, sich auszudrücken, aber sie wagen auch den Einspruch: Farben und Strukturen dürfen sich auch überlagern und widersprechen, doch am Ende verbindet sich beides zu etwas Neuem, einem harmonischen Ganzen. Ein heranbrausender Zug verschmilzt mit dem klotzigen Dachauer Theo-8-Gebäude, und auf einmal hat dieses Motiv eine erstaunliche Leichtigkeit. Das muss man erst mal können.

Andreas Kreutzkam nickt und lächelt wissend. "Das Spannende am Druck ist ja: Er wirkt immer anders." Besonders eindrucksvoll dokumentiert das ein Holzschnitt, den Urban zermürbt von den Strapazen der Chemotherapie, regelrecht ins Holz gehackt hat. Je nachdem in welchen Farben und auf welchem Papier es gedruckt ist, wirkt es mal aggressiv, mal quirlig und in der Kombination Weiß und Fliederfarben sogar leicht und zärtlich. Am Schluss war Günther Urban schon zu sehr entkräftet, um seine Drucke zu signieren. Das hat sein Sohn Korbinian für ihn übernommen - aber nur bei den Arbeiten, die Günther Urban fertig gesehen hat und die seine Zustimmung gefunden haben.

Titel tragen die Drucke fast nie, das würde den Blick des Betrachters zu sehr lenken, die Gedanken zu sehr filtern. Eine Ausnahme sind Andreas Kreutzkams Arbeiten mit Baummotiven, die an beiden Enden der Galerie hängen. "Lebensspanne" sind sie benannt. 1981 entstanden die ersten, fein ziselierten Arbeiten mit einer angehauchten Farbigkeit - ein Jahr bevor sein Sohn Benjamin geboren wurde. 2016 folgen die Schattenrisse der Gehölze, die Andreas Kreutzkam jeden Abend vor seinem Wohnzimmerfenster in Bergkirchen sehen kann. 2016, das war das Jahr, als sein Sohn Benjamin starb. Kreutzkam spricht darüber offen und mit großer Dankbarkeit für die 34 Jahre, die ihm mit seinem Sohn vergönnt waren.

Andreas Kreutzkam mit einem Porträt-Bild von Günther Urban.

(Foto: Toni Heigl)

Und doch bleibt eine Lücke, auch in dieser Ausstellung. Eine Druckplatte, die Günther Urban nur angefangen hat, hat sein Freund Kreutzkam unvollendet gelassen. Es ist ein florales Motiv, das nur eine Handbreit des Papiers bedeckt; der Rest ist Schwärze. Weil Urban nicht mehr die Kraft hatte, mehr Platten herzustellen, hat Kreutzkam Variationen geschaffen, indem er die Platten drehte. Ein Pfarrer meinte beim Anblick des abstrakten Gebildes, es sehe aus wie eine aufsteigende Seele.

Zwiegespräche. Ausstellung von Andreas Kreutzkam und Günther Urban in der KVD-Galerie. Zu sehen von Donnerstag, 4. Juni, bis Sonntag, 28. Juni. Öffnungszeiten Donnerstag bis Samstag 16 bis 19 Uhr und Sonntag 12 Uhr bis 18 Uhr. Statt Vernissage gibt es ein Video zur Ausstellung unter www.kavaude.de. Die Besucherzahlen sind begrenzt, Mund- und Nasenschutz ist erforderlich.

© SZ vom 04.06.2020

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