Kultur in Altomünster:Schläft ein Lied in allen Dingen

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Kultur in Altomünster: Musik berührt und macht Mut. Pianist Markus Kreul führt es vor.

Musik berührt und macht Mut. Pianist Markus Kreul führt es vor.

(Foto: Toni Heigl)

Pianist Markus Kreul demonstriert die Kraft der Musik anhand von ausgewählten Kompositionen

Von Dorothea Friedrich, Altomünster

Was löst Musik in uns aus, was kann sie bewirken? Diesen Fragen spürt der Pianist und Hochschullehrer Markus Kreul intensiv nach, so auch am vergangenen Sonntag m Evangelischen Gemeindezentrum Altomünster. "Die Kraft der Musik 2.0" hat er sein Programm genannt. Im vergangenen Jahr hatte er sich erstmals diesem unendlich vielfältigen Thema gewidmet, hatte kurz vor dem sogenannten Lockdown light, der sich eine gefühlte Ewigkeit hingezogen hatte, mit Worten und Tönen Mut und Zuversicht vermittelt. Das ist ihm auch heuer wieder gelungen, denn schließlich gibt es schon wieder massive Corona-Einschränkungen. So galt auch im Evangelischen Gemeindezentrum die 2G-Regel. Zusätzlich waren die Stühle in großem Abstand voneinander platziert worden, was beim Publikum gut ankam. "Hauptsache, wir können überhaupt noch irgendwohin" oder "richtig so", lauteten einige Kommentare.

Doch zurück zur Musik, die an diesem Abend ihre ganze Kraft entfalten durfte. Ob Playlist im Auto oder Schlaflied fürs Kind, ob als Auslöser von Erinnerungen - Stichwort "Unser Lied" - oder als Therapeutikum: "Musik ist tief in uns verwurzelt", ist Kreul überzeugt. Und dazu bedarf es nicht einmal eines Orchesters: Das Erwachen der Stadt oder ein Spaziergang am Meer seien "Klangsinfonien", sagt er und schildert das so eindringlich und poetisch, dass man förmlich "den Urschrei aus Pauken und tiefen Streichern" hört. Dann spielt Kreul ein Stück aus Hans Ottos "Buch der Klänge". Diese Musik ist ein mildes Narkotikum; sie beamt einen in eine Welt ohne Corona, überrollt alle Sorgen und Ängste mit ihren sanften Klangwellen. Wunderbar. Eine ganz andere Kraft entfaltete die Musik für den italienischen Ingenieur und Komponisten Egidio Umari. Dieser hatte in seinem Büro stets ein Klavier stehen und sah in der Musik "in allen Lebensbereichen auch eine tief empfundene Art der Mitteilung", was bis heute kein Musiklexikon gewürdigt hat.

Von Franz Liszt, dem Superstar am Klavier, ist überliefert, was er erfahren musste, nachdem er sich in ein Kloster zurückgezogen und dort die niederen Weihen empfangen hatte: "Was man zu suchen hat, findet sich inwendig nicht auswärts." Ob er es gefunden hat? Darauf geben auch seine "Pilgerjahre in Italien" nicht wirklich Antwort. Noch einmal anders verhält es sich mit den "Intimen Skizzen" des tschechischen Komponisten Leoš Janáček: Die vier Klavierstücke sind musikalische Briefe an seine Geliebte und sollten nie veröffentlicht werden. Sie zu hören, ist ein wenig, als belausche man heimlich die Liebesbeteuerungen des Komponisten.

Kreul gelingt es durch die gekonnte Verbindung von Worten und Tönen die vielen Facetten von Musik als Lebenselixier, ja als Überlebensmöglichkeit aufzuzeigen. Schon die Entstehungsgeschichte des Dachau-Lieds, das die KZ-Häftlinge Jura Soyfer und Herbert Zipper unter unmenschlichen Bedingungen getextet und komponiert haben, geht unter die Haut, viel mehr aber sind es noch die Töne, die Kreul so intensiv dem Klavier entreißt, dass das Blut in den Adern gefriert. Da bringt eine Mazurka von Fréderic Chopin das atemlos lauschende Publikum wieder auf den Boden zurück. Nicht nur, weil Kreul Schumann-Botschafter ist, darf das Ehepaar Clara und Robert Schumann an diesem Abend nicht fehlen. Hat das Paar doch nicht gerade ein leichtes Leben gehabt. Roberts trauriges Ende und Claras Leben als gefeierte Pianistin, Komponistin, Managerin und Mutter von acht Kindern lassen auf Kreuls Frage "Woher nimmt sie die Kraft?" nur eine Antwort zu: "Es muss die Kraft der Musik sein." Sie zeigt sich aufs Schönste in der innig gespielten Romanze op. 22, einem Werk, dem ein besonderer Zauber innewohnt. "Das ist hörbar und fühlbar, der Ort aus dem Kraft der Musik kommt", sagt Kreul. Ebenso hör- und fühlbar ist diese Kraft auch bei einer Kostprobe aus dem Skizzenbuch von Wolfgang Amadeus Mozart, das dieser als Achtjähriger komponiert hat - und das vom Vater glücklicherweise nicht redigiert worden ist. Für den Autor Eric-Emanuel Schmitt bedeutet hingegen die Entdeckung der Mozart'schen Musik: "Adieu Verzweiflung, adieu Niedergeschlagenheit", wie er in "Mein Leben mit Mozart" schreibt und aus dem Kreul diesen Wendepunkt im Leben des Autors vorliest.

Bleibt noch die wunderbare Zugabe: Robert Schumanns "Träumerei", die all das, was Kreul an Worten und Tönen so kenntnisreich zusammengetragen hat, auf den Punkt bringt: Musik trägt den Menschen durch alle Stationen seines Lebens, sie ist Kraftquell und Mutmacher, in schwierigen und in glücklichen Zeiten.

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