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Kritiker der Militärdiktatur:Mit Poesie gegen den Hass

Dogu

Cengiz Dogu.

(Foto: Stefan Salger)

Der türkischstämmige Dichter Cengiz Dogu ist im Alter von 74 Jahren verstorben

Von Walter Gierlich, Dachau

"Warum sind Sie aus Ihrem Land geflohen? Du kannst mit einer Ironie antworten: Weil es in meinem Land keinen Platz mehr im Kerker gibt." Diese Zeilen hat der türkisch-deutsche Dichter Cengiz Dogu seinem Gedichtband "Das Lager gleicht nicht den Kerkern Anatoliens" vorangestellt. Sie haben heute für viele Intellektuelle und Politiker aus dem Land seiner Herkunft wieder Gültigkeit - wie 1981, als Dogu nach einem Militärputsch aus der Türkei nach Deutschland flüchtete. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Cengiz Dogu bereits am 14. November nach langer Krankheit und doch unerwartet im Alter von 74 Jahren in einem Dachauer Pflegeheim gestorben.

Der 1945 im türkischen Bergama (Pergamon) geborene Autor studiert von 1965 bis 1974 in Istanbul türkische Sprache und Literatur. In sein Studium, das später von nationalistisch gesinnten Professoren annulliert wurde, fallen 1966 die Anfänge seines politischen Engagements. Er gründet 1968 den "Studentenverein für Türkologie", nähert sich dann der Türkischen Arbeiterpartei an.

Nach dem Militärputsch 1971 kommt Cengiz Dogu ins Gefängnis, wird aber nach 20 Tagen wieder entlassen. Nach der nächsten blutigen Machtübernahme durch das Militär 1981 muss Dogu um sein Leben fürchten und flieht. Von 1981 bis 1988 lebt er im Sammellager für Asylbewerber in Neuburg an der Donau, wo er den Gedichtband "Das Lager gleicht nicht den Kerkern Anatoliens" verfasst. Da sein Asylantrag abgelehnt wird, muss er jahrelang mit der Abschiebung in die Türkei rechnen. Dies, obwohl sich viele Menschen mit ihm solidarisieren und für sein Bleiberecht einsetzen: Abgeordnete des Europaparlaments, der Schriftstellerverband, Asylkreise.

1989 heiratet er Lili Schlumberger-Dogu, damals Sprecherin des Bayerischen Flüchtlingsrats, zieht zu ihr nach Dachau und wird 1991 schließlich doch noch als Asylberechtigter anerkannt. 1997 erhält er die deutsche Staatsbürgerschaft.

Cengiz Dogu, der insgesamt drei Lyrikbände veröffentlicht hat, engagiert sich in Deutschland mit Lesungen und Aktionen für Flüchtlinge, Menschenrechte und gegen Rassismus. 1989 wird der Dichter Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller, von 1994 bis 2006 Mitglied der Münchner Gruppe des "Werkkreises Literatur der Arbeitswelt". Er schreibt auch Gedichte über die KZ-Gedenkstätte Dachau und Überlebende des Naziterrors. Dogus Werk stellt am Schicksal des Flüchtlings die Frage nach der Zukunft einer Welt, in der jetzt Abermillionen Menschen auf der Flucht vor politischer Verfolgung, Hunger und Tod sind. Mit den Jahren zieht sich Dogu zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück. 2008 erscheint der Gedichtband von den Kerkern Anatoliens in einer erweiterten Neuauflage, doch Lesungen will der Dichter wegen seiner stets fortschreitenden Krankheit zu dieser Zeit schon nicht mehr geben.

An diesem Freitag, 13. Dezember, wird Cengiz Dogu auf Wunsch seiner Witwe Lili Schlumberger-Dogu in ganz kleinem Kreis auf dem Waldfriedhof beerdigt. In seinem Gedicht "Die jungen Tode 5" heißt es: "Nunmehr vermische ich mich mit der Erde, mit den Trauben vermische ich mich, mit den Weizenkörnern."

© SZ vom 11.12.2019

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