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Kritik an der Kirche:Dachauer Katholikenrat kritisiert den Zustand der Kirche

Sexueller Missbrauch, Zölibat, Klerikalismus: Der Dachauer Katholikenrat fordert eine offene Diskussionskultur und Reformen

Der Dachauer Katholikenrat fordert die katholische Kirche auf, sich grundlegenden Reformen zu öffnen und eine offene Diskussions- und Streitkultur einzuführen. Dazu gehören der Zugang von Frauen zu allen Ämtern und die Abschaffung des Zölibats. Die Kirche müsse das Thema sexueller Missbrauch offen behandeln und daraus Konsequenzen ziehen, so das Resümee einer gemeinsamen Veranstaltung des Katholikenrats, der Organisation "Wir sind Kirche" und des Dachauer Forums. Hiltrud Schönheit, Vorsitzende des Münchner Katholikenrats, forderte in einem Vortrag einen tief greifenden Wandel der katholischen Kirche.

Im Jahr 2010 schwappte eine Welle von Fällen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Deutschland hoch. Die Deutsche Bischofskonferenz reagierte darauf, indem sie die MHG-Studie, eine Analyse des Missbrauchs in der Kirche, in Auftrag gab. Was aus der 2018 veröffentlichten Studie gefolgert wird und wie die Institution Kirche in Zukunft aussehen kann, versucht der sogenannte synodale Weg zu beschreiben. Ein Missbrauchsfall im Landkreis Dachau ist laut Pfarrer Josef Mayer vom Petersberg nicht bekannt. Trotzdem stellten sich die Katholiken im Landkreis dem Thema.

Klosterkirche

Die Kirchenschiffe sind prunkvoll in Gold verziert.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

38 000 Personalakten von kirchlichen Amtsträgern wurden für die Studie analysiert. Das erschreckende Ergebnis: 4,4 Prozent der Kleriker sind Täter. Doch die Studie decke nur die bekannten Fälle ab, so Schönheit. "Es gibt einen ganz großen Bereich in der Kirche, der ist noch nicht einmal in der Studie drin". Sie schließt daraus, dass es sich beim Missbrauch keineswegs um Einzelfälle, sondern um ein systematisches Vorgehen handle. Um herauszufinden, wie es dazu kommt, müssten die Täterprofile einbezogen werden. Laut der Studie sind unter den Beschuldigten weniger als ein Drittel Pädophile. Andere hätten eine narzisstisch-soziopathische Persönlichkeitsstruktur. Doch die größte Gruppe machten die regressiv-unreifen Typen mit defizitärer Persönlichkeit und fehlenden Sozialkompetenzen aus. Deswegen fordert die Referentin: "Hier muss die Kirche wirklich genauer hinschauen." Auch, weil die Priester ihre Tat häufig abstritten. Sie nähmen nicht wahr, welche Folgen ihr Handeln für die Opfer hat. "Diejenigen, die als Kinder missbraucht worden sind, kommen in ihrem Leben oft überhaupt nicht mehr klar", sagt Schönheit. Häufig, vor allem in Frauenklostern, führe dies zu Suizid.

Pfarrer Josef Mayer und Christian Weisner von "Wir sind Kirche" sind sich einig: Was der Kirche vor allem fehle, sei eine Diskussions- und Streitkultur. "Dass wir nicht in der Lage sind, miteinander Wege zu suchen", stört Mayer besonders. Auf höheren hierarchischen Ebenen würden viele Gespräche generell verweigert. Ein weiteres Problem der Kirche sei der bestehende Klerikalismus, meint Schönheit. Wie in einer Monarchie gebe es keine Gewaltenteilung und keine unabhängige Justiz. Laut der Referentin lautet bei sexuellem Missbrauch das Delikt in Rom lediglich: "Verstoß gegen das sechste Gebot". Laien könnten die kirchlichen Regeln nicht kontrollieren. Für Schönheit ist der sexuelle Missbrauch "das höchste Stadium des Klerikalismus". Unter Klerikern verbreitet sei zudem die Ansicht, die Täter seien nicht primär eine Gefahr für die Minderjährigen, sondern für das kirchliche System - eine Umkehrung der Rollen von Täter und Opfer. Denn dass die Kirche abseits der Beschuldigten "in Heiligkeit erstrahlt", sei reine Illusion, so die Referentin.

Statt um das Image nach außen müsse es in der "traumatisierten Institution" um eine interne Tiefenwirkung gehen. Zudem brauche die Kirche Offenheit für Diskussion, Prävention und Reformen. Reformen etwa, wie sie der synodale Weg vorschlägt. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken fordert den Zugang von Frauen zu allen Ämtern und die Abschaffung des Zölibats. Weisner erklärt, das Zölibat sei zwar keine direkte Ursache des Missbrauchs, aber ein Risikofaktor und erleichtere die Vertuschung. Was Reformen angeht, ist Weisner skeptisch. Es sei eben schwierig, auf der Ebene der Weltkirche etwas zu ändern. Schönheit weist darauf hin, dass die Bischofskonferenz versuche, wirklichen Reformen auszuweichen. Zum Beispiel hätten die Bischöfe dem Forum "Sexualmoral" den aussagelosen neuen Titel "Leben in gelingenden Beziehungen" gegeben.

Auch Annerose Stanglmayr, Geschäftsführerin des Dachauer Forums, sorgt sich um den Zustand der Kirche. Sie spricht von Entmutigung. Da Engagement in der Kirche zu keinem Ergebnis führe, sei es effektiver, seine Energie anderen Ehrenämtern zu widmen. Als notwendigen ersten Schritt zur Gerechtigkeit sieht sie die Öffnung des Dekanats für Frauen. Damit ist sie bei der Veranstaltung nicht alleine. "Wenn meine Kinder sagen, Kirche sei ungerecht, fehlen mir die Argumente", sagt ein Zuhörer. Die Marke Kirche sei beschädigt, so sieht es Pfarrer Mayer. Anstelle des Versuchs, Dinge ungeschehen zu machen, könne man neues Vertrauen nur durch authentische Persönlichkeiten gewinnen, so Mayer. "Eine Öffnung der Kirche zur Welt", das erachtet Christian Weisner als notwendig.

Bei der Veranstaltung ging es jedoch auch darum, wie Gläubige Widerstand gegen Missstände in der Kirche leisten können. "Laut werden", waren sich alle Zuhörer einig. Um die Tabuisierung der Sexualität zu überwinden, müsse ein "Raum des Sagbaren" geschaffen werden, so die Referentin. Die Aussage der Bischöfe "Ihr müsst Vertrauen zu uns haben" sei angesichts des Missbrauchs hinfällig. Da die Bischöfe die Studie initiiert hätten, könnten sie sich nicht dahinter verstecken. Schönheit erklärt: "Wenn man etwas mit Macht unter dem Teppich hält, explodiert es irgendwann. Ich hoffe, dass es noch nicht zu spät ist."