Im Schaufenster des Modehauses Rauffer, zu den Füßen einer Schaufensterpuppe, steht Weihnachtswunder Nummer 39 – eine ganze Welt in einer Holzbox. Durch den Rundbogen einer Mauer öffnet sich der Blick in ein schummriges Torhaus. Erschöpft von der Herbergssuche, haben Maria und Josef Halt gemacht. Warme Abendsonne fällt durch das rückwärtige Tor, dahinter ist die ganze Weite einer italienischen Landschaft zu erahnen. Und das alles auf dem Raum von etwa zwei Schuhkartons.
Gebaut hat dieses Wunderwerk Krippenmeister David Seifert von den „Ampertaler Krippenfreunden“. Bereits zum fünften Mal organisiert der Verein den Dachauer Krippenpfad. Der weihnachtliche Schaufenster-Parcours führt von der Bahnhofstraße zur Dachauer Altstadt. Neben Krawattenkollektion, Volumen-Shampoo und asiatischen Instant-Nudeln: allüberall liebevolle Inszenierungen der Weihnachtsgeschichte, mal alpenländisch, mal orientalisch. Oder eben italienisch.
In Garmisch und Tirol hat der Krippenbau eine lange Tradition, im Münchner Umland ist er ein eher junges Phänomen. Neben Dachau haben inzwischen auch Ebersberg und Neufahrn Krippenwege, aber in der Region waren die Ampertaler Krippenfreunde Pioniere. Gegründet wurde Verein im Jahr 2014. Er zählt heute 53 Mitglieder – alles „Kripperlnarrische“, wie sie sich selbst beschreiben.
Und die Begeisterung steckt an. Wenn die Krippenfreunde im Oktober ihre Krippenbaukurse starten, verzeichnen sie von Jahr zu Jahr eine höhere Nachfrage. Vorsitzender Roland Breitmoser weiß warum: „Jeder kann sich mit seinen eigenen Ideen einbringen“, sagt er. „Wenn man sich unter Gleichgesinnten trifft, ist das einfach schön.“ Es gehe um Brauchtumspflege, aber eben auch um die Gemeinschaft. Die sei ganz wichtig.

Im vergangenen Jahr haben die Dachauer Krippenfreunde mal ausgewertet, wer ihre Kurse besucht. Das Ergebnis war überraschend. Die Statistik zeigte ein nahezu ausgeglichenes Geschlechterverhältnis: Krippenbau ist keine Männerdomäne, auch Frauen machen es dem Jesuskind gern schön. Es scheint ein klassenloses Hobby zu sein, beliebt bei Alt und Jung. Mitmachen kann jeder. „Es schadet allerdings nicht, wenn Sie handwerklich geschickt sind“, sagt Breitmoser – auch wenn die ausgebildeten Krippenbauer David Seifert und Thomas Babinsky helfend zur Seite stehen.
Beim Spaziergang mit den beiden Krippenfreunden durch die weihnachtlich geschmückte Altstadt lernt man schnell, worauf es ankommt. „Eine Krippe wird nie gerade gebaut“, erklärt Roland Breitmoser. „Das ist der Unterschied zur Modelleisenbahn: Hier bauen Sie immer perspektivisch.“ Das Paradebeispiel: eine Spiegellaterne im Inneren einer Milchkanne. Optische Tricks lassen den Raum tiefer erscheinen, als er ist. Wie auf einer Theaterbühne, nur in Miniaturformat. „Der Hintergrund macht bei den kleinen Krippen viel aus“, sagt Florian Breitmoser, der Sohn. Dadurch bekomme man „noch viel mehr Perspektive“.


Bevor man mit dem Bau einer Krippe loslegt, müsse man sich erst mal für einen Maßstab entscheiden: den sogenannten „Krippenmeter“. Er bestimmt die Größe der Figuren, wie Roland Breitmoser erklärt. 14er-Figuren brauchen höhere Stufen als Zwölfer-Figuren, die Proportionen müssen zusammenpassen. Und weil nach den Gesetzen der Perspektive Figuren im Hintergrund kleiner erscheinen, steht dann trotzdem auch mal ein Sechser-Hirte mit Zwergschaf ganz hinten in der Kulisse. Als Behältnis dienen Kästen und Laternen, Milchkübel, ein halbes Fass, ein Uhrengehäuse oder auch mal ein Röhrenradio. „Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt“, sagt Florian Breitmoser.
Was nicht heißt, dass es keine Regeln gäbe. Im Stile der Garmischer, beziehungsweise Tiroler Schule werden meist nur drei verschiedene Szenen dargestellt: die Herbergssuche, die Verkündigung des Engels und die Geburt Jesu. Von anderen Werken darf man sich dabei durchaus inspirieren lassen. „Aber es wird nie eine Krippe nachgebaut“, betont Roland Breitmoser. „Das ist Gesetz!“
Wasserwaagen sind verpönt, da mag der Stall noch so schief stehen
Wasserwaagen sind ebenfalls verpönt, da mag der Stall von Bethlehem noch so schief stehen, das ist Tradition. Und was ebenfalls gegen die Ehre eines echten Krippenbauers geht, sind fabrikfertige Bäume aus dem Modellbauregal. Doch ganz ohne Tricks geht es manchmal nicht. Beim Tannenbaum besteht nur der Stamm aus Holz, die Nadelzweige sind aus Plastik. Merkt aber keiner, wenn es geschickt von Hand nachbearbeitet ist. Und das kann man ja auch irgendwie gelten lassen als Handarbeit.


Das wichtigste Material für die Krippen ist aber nicht Holz, wie man annehmen könnte, sondern Styrodur, ein Abfallprodukt von der Baustelle. Grundiert, verputzt und mit Pulverfarben bearbeitet, bekommt es die Optik schweren Mauerwerks. So wie in der Schneekrippe von Thomas Babinsky in der Auslage des CSU-Bürgerbüros. Die filigranen Fenstersprossen sind aus Gips gegossen; aus Gips ist auch der Schnee, aufgeschäumt durch Zugabe von Natron. Das macht ihn schön fluffig.
Für die Landschaften verwenden die Krippenbauer am liebsten pflanzliche Materialien. Das Gras auf der Weide besteht aus Moos, gemahlen mit der Kaffeemühle. Dunkelgrün angesprühtes Lampenputzergras macht sich gut als Zypresse, die Bergazalee aus dem Hochgebirge gibt einen perfekten Spalierbaum. Für die Kripperlbauer ist die Natur ein einziger großer Bastelladen und alles gratis. Man muss nur genau hinschauen – und zugreifen. „Im Sommer wird man zum Sammler“, sagt Breitmoser und lacht.
Aufgebaut ist der Dachauer Krippenpfad noch bis Dreikönig am 6. Januar. Für den Winter 2026 planen die Krippenfreunde erstmals eine große Ausstellung im Dachauer Schloss. Den nächsten Dachauer Krippenpfad gibt es denn erst wieder 2027. „Wir wollen den Leuten ja immer wieder etwas Neues zeigen“, sagt Breitmoser. „Sonst wär’s ja langweilig.“
Weitere Informationen unter www.ampertaler-krippenfreunde.de

