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Krimi-Lesung in Dachau:Von Killern und Kuschelkätzchen

Simone Dorra und Ingrid Zellner

Die Autorinnen Simone Dorra und Ingrid Zellner (re.) haben schön öfter gemeinsam Bücher geschrieben.

(Foto: Privat)

Als Krimi ist Ingrid Zellners Buch "Mordshass" nur mäßig spannend. Viel interessanter ist die Darstellung der Geschlechterrollen

In Comics und Fernsehserien haben sich Crossover bewährt. Wenn sich Figuren aus unterschiedlichen Erzählwelten plötzlich begegnen, finden Fans das in der Regel spannend. Die Dachauer Autorin Ingrid Zellner hat mit ihrer Kollegin Simone Dorra einen Kriminalroman geschrieben, der genau diesem Konzept folgt. "Mordshass" heißt das Ergebnis ihrer Coproduktion. Zwei anscheinend verkettete Fälle führen die Welten der beiden Autorinnen zusammen: Im baden-württembergischen Waiblingen wird die indische Studentin Vidya Kapoor vergewaltigt und ermordet. Einen Tag später taucht die Leiche des mutmaßlichen Täters, Pierre Meyer, auf. Simone Dorras Ermittler-Duo Malte Jacobsen und Melanie Brendel von der Kripo Waiblingen (bekannt aus den Krimis "Nachtruhe" und "Römermaske") nehmen die Untersuchung auf. Das Opfer war eine Freundin von Ingrid Zellners Kommissar Surendra Sinha von der K1 Friedrichshafen (bekannt aus "Gnadensee" und "Adlerschanze"). Sinha gerät deshalb unter Verdacht, Meyer in Selbstjustiz umgebracht zu haben. Über die Frage, ob der Kollege aus Friedrichshafen zum Täter geworden sein könnte, gerät das sonst so eingespielte Team Jacobsen-Brendel immer wieder in Konflikte. Doch der ermordete Meyer war ein mehrfacher Sexualstraftäter, und er hat viele Feinde. So klappern die Kommissare seine ehemalige Opfer ab, die sich in der Regel dem Verdacht mit einem stichhaltigen Alibi entziehen können. Die Erzählung schleppt sich so erst mal durch die Ermittlungsroutinen und arbeitet Hinweis für Hinweis an Tatverdächtigen ab, die nie lange solche bleiben. Widersprüchliche Hinweise oder dubiose Zeugenaussagen sucht man meist vergebens. Ein besonders komplexes Rätselspiel ist der Krimi nicht.

Dafür bindet neben der Polizeiarbeit ein zweiter Erzählstrang die privaten Sorgen der reichlich Kaffee konsumierenden Kriminalbeamten ein: Melanie Brendel belastet die Alzheimererkrankung ihres Vaters, Malte Jacobsen ein schmerzender Zahn. Jacobsen und Brendel lieben sich außerdem insgeheim, können es sich und dem jeweils anderen aber nicht recht eingestehen. Dieses scheinbar nur an sich selbst beziehungsweise an der Angst oder emotionalen Unreife der Protagonisten scheiternde Liebesverhältnis begleitet die übrige Handlung konstant. Wer des Klischees müde ist vom Mann, der seine Gefühle einfach nicht ausdrücken kann und sich stattdessen in Wutausbrüche flüchtet, dürfte viele der Passagen, die sich auf Jacobsen konzentrieren, eher anstrengend finden.

Glücklicherweise ist da noch der sensible andere Kommissar Sinha, der während seiner Beurlaubung keine Privatermittlungen anstellen darf, es selbstverständlich aber trotzdem tut, um sich vom Mordverdacht zu befreien, der auf ihm lastet. Neben der unerlaubten Privatschnüffelei und einer aufkeimenden Sympathie zu Brendel weiß die Erzählung sonst wenig mit Sinha anzufangen. Zu oft muss man mitverfolgen, wie er mit einem Findelkätzchen kuschelt. Das ist zwar süß, trägt aber nichts zum Fortgang der Handlung bei und wird nach einiger Zeit dann auch etwas ermüdend.

Mehr emotionale Tiefe und Sinnhaftigkeit gewinnt der Roman überall dort, wo Meyers Vergewaltigungsopfer auftreten und eine intensive Auseinandersetzung mit den furchtbaren Folgen stattfindet, die eine Sexualstraftat noch Jahre später für Opfer und ihre Angehörige haben. Wut, Schmerz und Gefühlsregungen generell darzustellen, gelingt den Autorinnen Zellner und Dorra dabei eher im Dialog, wenn Subtext und sprachliche Eigenheiten zu einem glaubhaften individuellen Ton zusammenfinden, als in der Erzählstimme, die allzu oft emotionale Reaktionen erklären, statt sie glaubhaft darzustellen.

Inhaltlich stark sind die Unstimmigkeiten zwischen den beiden Ermittlern aus Waiblingen, die als unausgesprochene Eifersüchteleien Jacobsens beginnen, schließlich aber zu einer direkten Konfrontation führen. Jacobsen lässt seine eigene wachsende Unsicherheit derart an seiner insgeheim geliebten Kollegin aus, dass die eigentlich wertschätzende Beziehung zu Brendel ernsthaft bedroht ist.

"Mordshassthematisiert, wie eine Frau, die sich ihr Ansehen als Polizistin erkämpfen musste, Angriffe auf ihre private und berufliche Integrität erdulden muss, die gar nichts mit ihrem Verhalten zu tun haben, sondern allein mit dem männlichen Ego. Der Roman findet so in seiner zweiten Hälften neben einer Schilderung der Ermittlungen stellenweise in Rollenbildern und Geschlechterverhältnissen noch ein Thema.

Krimi - Liebe - Abenteuer: Simone Dorra und Ingrid Zellner lesen aus ihren Büchern "Mordshass" und "Kuckuckssohn", Freitag, 6. September, 19 Uhr, Café DAH-Inn, Dachau, Karlsberg 18.

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