Kreis-CSU Hängepartie

Die CSU zittert vor der Stichwahl zwischen ihrem Kandidaten Stefan Löwl und Martin Güll. Von ihrem Ausgang hängt auch die politische Zukunft des Kreisvorsitzenden Bernhard Seidenath ab, dessen Führungsstil schon manchen in der Partei verärgert hat.

Von Helmut Zeller

Nicht nur beim Spiel ohne Grenzen der VR Bank Dachau auf der Thomawiese klettert der Landtagsabgeordnete und CSU-Kreisvorsitzende Bernhard Seidenath hoch hinaus.

(Foto: Jørgensen)

Im Leben geht es doch immer wieder sehr ungerecht zu. Und erst recht in der Politik. Da kann einer von einem Tag auf den anderen tief fallen - und muss erleben, wie sich die Parteifreunde von ihm abwenden. So weit ist es mit dem CSU-Kreisvorsitzenden Bernhard Seidenath nicht. Aber das Wahldebakel seines Spitzenkandidaten Stefan Löwl hat den 45-jährigen Politiker aus der Erfolgsspur geworfen. Eine brütende Stille liegt über der Dachauer CSU. Noch halten sich Seidenaths Kritiker zurück. Vor der schicksalhaften Stichwahl zwischen ihrem Mann und dem Sozialdemokraten Martin Güll am 30. März gibt man sich nach außen einig und geschlossen. Denn es steht zu viel auf dem Spiel: Nach 37 Jahren ist die CSU drauf und dran, den Posten des Landrats zu verlieren. So weit darf es nicht kommen. Wenn doch, sagt der Dachauer Ortsverbandsvorsitzende Peter Strauch, dann wird die Schuldfrage "mit Sicherheit sehr stark diskutiert" - und das geht gegen Seidenath. Er verantwortet nicht nur die Niederlage vom Sonntag. Sie hat auch alte Wunden in der Partei aufbrechen lassen. Der Groll auf den Führungsstil des CSU-Chefs wächst. Und nicht nur die Dachauer haben sich von ihm ungerecht behandelt gefühlt.

Die CSU musste in der Kommunalwahl auch noch das zweitschlechteste Kreistagsergebnis seit 1972 hinnehmen und hat einen Sitz verloren. Seidenath erklärte den Ausgang der Stichwahl zur Schicksalsfrage der CSU im Landkreis. Doch er muss auch für sich selbst um das Wahlergebnis zittern. Vor allem im Dachauer Ortsverband erinnert man sich gut daran, wie Seidenath seinen Kandidaten Löwl durchgeboxt hat. Die Entscheidung der CSU-Delegierten im März 2013 erweckte nach außen, wie immer bei der CSU, den Eindruck großer Geschlossenheit. Stefan Löwl, 40, Abteilungsleiter für Umweltschutz im Landratsamt Dachau, wurde mit 144 von 146 Stimmen als Landratskandidat nominiert.

Aber es ging nicht ohne Scherben ab. Helmut Zech, Bürgermeister von Pfaffenhofen an der Glonn, hatte Ambitionen. Die Findungskommission favorisierte jedoch Josef Kaspar, Kreisrat aus Markt Indersdorf. Der aber wollte seine erfolgreiche Kanzlei nicht gegen das Landratsamt eintauschen. In der Kommission saßen die Führungsspitzen: Politiker wie Landrat Hansjörg Christmann, Bezirkstagspräsident Josef Mederer, Dachaus Oberbürgermeister Peter Bürgel und der Kreisvorsitzende. Schließlich einigte man sich auf den 31-jährigen Dachauer Stadtrat Florian Schiller. Christmann gefiel der junge Mann. Doch dann präsentierte Seidenath überraschend einen neuen unbekannten Namen - Stefan Löwl. Besonders pikant: Nicht einmal Christmann soll gewusst haben, dass Seidenath schon ein vertrauliches Gespräch mit dem Mitarbeiter der Behörde des Landrats geführt hatte. Der Parteichef boxte Löwl durch.

Die Kränkung saß tief. Noch im August, beim Stadtratsausflug nach Krakau und zur KZ-Gedenkstätte Auschwitz, hatten Mitglieder der CSU-Fraktion sie nicht überwunden - obwohl doch kaum jemand auf dieser Reise an Kommunalpolitik dachte. Peter Strauch erklärt heute: "Natürlich wollten wir Dachauer den Florian Schiller." Aber er macht auch klar: "Wir stehen voll hinter unserem Kandidaten Stefan Löwl." Aber es ging nicht auf: In der Stadt hat Löwl lediglich 40,35 Prozent der Stimmen erreicht, weniger noch als der SPD-Bewerber. Überhaupt die Dachauer Wahlergebnisse: Oberbürgermeister Peter Bürgel muss wieder in die Stichwahl und zwei Stadtratssitze sind verloren - der von Seidenath ausgebremste Florian Schiller hat es gerade noch geschafft. Er wurde von Listenplatz sieben auf 14 zurückgeworfen und flog aus dem Kreistag heraus. Auch Tobias Stephan verpasste den Einzug in das Gremium - jetzt vertritt den Dachauer Ortsverband, mit mehr als 300 Mitgliedern der stärkste im Landkreis, neben Bürgel nur noch Stephanie Burgmaier im Kreistag.

Dem Spitzenkandidaten Löwl macht niemand einen Vorwurf. "Der Mann ist kompetent und gut, aber wir konnten ihn dem Wähler nicht vermitteln", sagt Strauch. Löwl verausgabte sich völlig: Er nahm für die Zeit des Wahlkampfs eine Unterkunft in Karlsfeld und zog während seiner Ochsentour durch das Dachauer Land die CSU-Basis auf seine Seite. Doch Seidenath hat ein Problem unterschätzt: Der Kandidat ist kein Einheimischer. Der gebürtige Schwabe wohnt im oberfränkischen Hof und blieb für viele konservative Wähler ein Fremder. Löwl, der als Favorit galt und dem Landrat Christmann noch 53 bis 55 Prozent prophezeite, brachte es nur auf knapp 42 Prozent der Stimmen, vier mehr als der SPD-Bewerber Güll. "Bernhard Seidenath ist Kreisvorsitzender und bezeichnend dafür verantwortlich. Stefan Löwl ist sein Kandidat", sagt Strauch.

Seidenaths Führungsanspruch ist erschüttert. Verliert seine Partei jetzt auch noch die Stichwahl, dann könne er sich auf "einen heftigen Gegenwind" gefasst machen. Das sagt einer aus der Parteispitze im Landkreis, der in dieser für die CSU prekären Situation nicht mit Namen genannt werden will. Im Fall einer Wahlniederlage könnten dann auch unangenehme Dinge zur Sprache kommen, die unter den Teppich gekehrt wurden, solange Seidenath auf einer Erfolgswelle schwamm. Zu oft schon hat er maßgebliche Parteimitglieder verärgert. Im Alleingang, ohne Rücksprache mit Landrat Christmann, kandidierte er im April 2013 für den Vorsitz des Roten Kreuzes im Landkreis, nachdem der langjährige Vorsitzende Albert Drittenpreis nicht mehr antrat. Oder: Dachau Agil erarbeitete 2012 ein landkreisweites seniorenpolitisches Konzept. Dann tischte plötzlich Seidenath ein eigenes Programm auf, das er mit Vertretern von Sozialverbänden gebastelt hatte. Er wollte nichts von der jahrelangen Arbeit des Regionalvereins Agil gewusst haben.

Besonders zielstrebig ging der Zuzügler, 1998 zog er von München nach Haimhausen, bei der Nominierung des Landtagskandidaten 2008 vor. Seidenath soll in fast jedem der 17 CSU-Ortsverbände einen Gewährsmann aufgebaut haben, der auf das Stimmungsbild einwirkte - gegen seine Mitbewerber, den Sulzemooser Bürgermeister Gerhard Hainzinger, die damalige Dachauer CSU-Stadtratsfraktionssprecherin Gertrud Schmidt-Podolsky und die stellvertretende Landrätin Eva Rehm. Die Delegierten in der ASV-Halle in Dachau stimmten denn auch für den damals noch stellvertretenden Kreisvorsitzenden. Da fiel schon mal das Wort vom "Strippenzieher". Das ist im politischen Geschäft auch nicht ungewöhnlich - aber elegantes Networking gefällt nicht jedem. Im Dachauer Land prägten über Jahrzehnte hinweg eher kantige und aufrichtige Persönlichkeiten wie Christmann oder der frühere Abgeordnete Blasius Thätter die Partei. Der Politikstil Seidenaths kommt auch beim Wähler nicht immer an. Sein Abstimmungsverhalten zum Flughafenausbau im Landtag kostete ihn Sympathien - aus Versehen, wie Seidenath sagte, hatte er für die dritte Startbahn gestimmt.

Seine Parteikarriere behielt Seidenath immer im Blick. Im April 2011 übernahm er in der Nachfolge von Hansjörg Christmann den Kreisvorsitz - der dienstälteste Landrat Bayerns begann, sich aus dem politischen Geschäft zurückzuziehen. Aus Altersgründen kandidierte er jetzt nicht mehr als Landrat. Der Jurist Seidenath führte den Kreisverband aus schwierigen Zeiten heraus. Die CSU hatte in den Landtagswahlen 2008 fast 25 Prozent der Stimmen eingebüßt. Für Seidenath als Landtagskandidaten votierten nur schmale 38 Prozent. Fünf Jahre später dann Hochgefühle: Die CSU erreichte wieder die absolute Mehrheit, Seidenath errang 47 Prozent der Stimmen. Doch jedes Mal blieb sein Ergebnis deutlich unter dem der Partei. Auch unter dem von Politikern wie der CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt oder dem Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer. Der lag in den Kreistagswahlen am 16. März gleich um 11 000 Stimmen vor Seidenath.

Das ist verwunderlich. Seidenath ist in 18 Vereinen Mitglied und übt eine Vielzahl von Ehrenämtern aus. Dass es wichtig ist, dass ein Politiker gut rüberkommt bei den Leuten, das wusste er schon vor seiner ersten Wahl in den Landtag. Bis 2008 war er nämlich Pressesprecher im Sozialministerium und kümmerte sich unter anderem um die Außenwirkung von Ministerin Christa Stewens. Vielleicht drängt er sich deshalb immer vor die Kameras der Pressefotografen. Das soll seinem Kandidaten ein bisschen geschadet haben, weil doch mancher schon die Frage stellte, ob der Löwl überhaupt alleine stehen könne? Aber das ist ein bisschen ungerecht. Löwl und Seidenath mögen sich, teilen zum Beispiel eine große Sympathie für die Bundeswehr. Löwl hat eine Ausbildung zum Reserveoffizier in der Logistiktruppe der Bundeswehr absolviert und ist Major der Reserve. Vier Jahre lang leitete er die Kreisgruppe Schwaben-Mitte eines Reservistenverbands. Der Abgeordnete Seidenath ist Vorstandsmitglied im Arbeitskreis Wehrpolitik und engagiert sich im Bundeswehr-Sozialwerk e.V. Er erwähnt auf seiner Homepage eine Auszeichnung: die Ehrenmedaille für beispielhafte Erfüllung der Soldatenpflichten.

Seidenath wird als fleißiger und effizienter Parteisoldat geschätzt. Und es gab auch Lichtblicke in der Kommunalwahl: Die Bürgermeisterämter in Markt Indersdorf, Altomünster und Hebertshausen gingen an die CSU. Das Wort vom Wahldebakel lehnt er denn auch energisch ab. Das sehe niemand so - "und ich bin recht gut vernetzt". Der Sieg hat viele Väter, die Niederlage nur einen - und der Kreisvorsitzende weiß, wer das sein wird. Auf die Frage nach den Konsequenzen einer verlorenen Stichwahl lacht Seidenath auf. "Jetzt werde ich nicht spekulieren. Dazu gibt's vor dem 30. März nichts zu sagen." Kritik an seinem Führungsstil habe er nie gehört. "Ich habe einen neuen Stil eingeführt. Aber durchboxen ist nicht." Jetzt müsse man sich mit gesamter Kraft auf die Stichwahl konzentrieren. Hasselfeldt glaubt, wie sie sagt, an den Sieg von Löwl. Doch: "Egal wie es ausgeht, es wird in aller Ruhe analysiert und die Schwachstellen werden ausgemerzt." Das klingt bedrohlich. Ganz so schlimm kommt es für den Kreisvorsitzenden aber nicht. "Wir haben ja keinen anderen", sagt ein anderes prominentes CSU-Mitglied.