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Kreative Lösungen sind gefragt:Rezepte gegen den Flächenfraß

Supermärkte brauchen viele Parkplätze. Große Flächen wie hier in Altomünster werden deshalb zugepflastert.

(Foto: Toni Heigl)

87 Prozent des Bodens sind im Landkreis Dachau noch unbebaut. Dennoch fehlen Gewerbeareale. Die Industrie- und Handelskammer plädiert deshalb für Nachverdichtungen, revitalisierte Brachflächen und interkommunale Zusammenarbeit

Von Petra Schafflik, Dachau

Das Stichwort vom Flächenfraß wird intensiv in der Öffentlichkeit diskutiert, vor allem, seit ein Volksbegehren den Verbrauch von Grund und Boden in Bayern strikt eingrenzen möchte. Gerade die Wirtschaft sieht sich in diesem Zusammenhang in der Kritik. Doch von einem inflationären Zubetonieren der Landschaft durch Unternehmen könne jedenfalls im Landkreis keine Rede sein, betont Peter Fink, Unternehmer und Vorsitzender des Regionalausschusses Dachau in der Industrie- und Handelskammer München und Oberbayern. Ein Blick in die Statistik zeige: "Der Landkreis ist grün."

87 Prozent des Bodens sind nach den Daten des statistischen Landesamts Freiflächen, nur 0,9 Prozent werden von Gewerbe, Industrie, Handel und Dienstleistung beansprucht. "Die Wirtschaft geht sorgsam und effizient mit der Ressource Boden um", betont Fink bei einem Pressetermin zur Sitzung des Regionalausschusses. Allerdings würden auch künftig neue Gewerbeflächen benötigt, damit sich die Wirtschaft entwickeln kann. "Bauen auf der grünen Wiese ist aber nicht der Königsweg." Die im IHK-Regionalausschuss organisierten Unternehmen plädieren für kreative Lösungen wie Nachverdichtung, Revitalisierung von Brachflächen und interkommunale Kooperationen.

Eine Obergrenze für den Flächenverbrauch, wie sie das Volksbegehren anstrebt, lehnt die IHK ab. Damit würden unterschiedliche Nutzungen wie Wohnen, Freizeit und Gewerbe unnötig in Konkurrenz zueinander gesetzt. Der sowieso schon kaum noch bezahlbare Wohnraum im Ballungsgebiet würde dadurch weiter verteuert, gesellschaftlich wichtige Projekte könnten ins Hintertreffen geraten.

Die Unternehmen plädieren aber für neue Ansätze. Aktuell entwickelt jede Gemeinde eigene Flächen für Betriebsansiedlungen, weil die Gewerbesteuer eine wichtige Einnahmequelle im Rathaussäckel darstellt. Der IHK-Ausschussvorsitzende Fink ist für Kooperation über Ortsgrenzen hinweg, die aber andere Rahmenbedingungen voraussetzt. "Wichtig wären Modelle, mit denen die Kommunen dauerhaft aus der Zwangsjacke der Gewerbesteuer herauskommen." Als Vorbild nennt Fink den interkommunalen Gewerbepark Inning/Wörthsee als Nachbarschaftsprojekt zweier Gemeinden. "Solche Projekte sollten öfter umgesetzt werden."

Kreative Ideen sind gefragt, denn ohne neue Gewerbeflächen wird es nicht gehen, so der Vorsitzende des IHK-Regionalausschusses. Zwar arbeite die Wirtschaft im Landkreis flächenschonend. Die Wertschöpfung ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen, der Anteil von Gewerbe und Industrie an der Gesamtfläche im Landkreis aber gleich geblieben. "Die Produktivität je Gewerbefläche ist gestiegen." Aber in dieser Zeit haben sich vermutlich auch neue Betriebe in bereits vor dem Stichtag als Gewerbefläche ausgewiesenen Bereichen angesiedelt. Diese Reserven sind nun so gut wie ausgeschöpft. Das Ansiedlungspotenzial im Landkreis ist zwischen 2011 und 2015 um 64 Prozent gesunken, erläutert die IHK-Standortexpertin Tina Emslander. Aktuell stünden nur mehr vier Gewerbegebiete zur Verfügung. Damit die Wirtschaft weiter wachsen kann, nehmen die Unternehmer die Politik in die Pflicht. Lösungen seien gefragt, damit Firmen nicht abwandern, sondern am Stammsitz oder zumindest innerhalb des Landkreises wachsen können. Wie ein aktives Flächenmanagement, das vorhandene Areale durch dichtere Bebauung intensiver nutzt, Brachflächen und Baulücken erschließt. Und eben ein gemeindeübergreifendes Flächen- und Infrastrukturmanagement.

Eine Abwanderung dynamischer Betriebe in strukturschwächere Gebiete, wo ausreichend Flächen bereit stehen, sehen die Unternehmen nicht als Option. Bei der großen Mehrheit der Firmen, die einen neuen Standort suchen, handele es sich um bestehende, lokale Unternehmen, die wachsen möchten. Diese Betriebe seien örtlich vernetzt, eingebunden in die regionalen Wirtschaftskreisläufe mit Lieferanten und Kunden. "Eine Umlenkung des Wachstums in andere Regionen geht an der Realität vorbei, ist Mitarbeitern wie Zulieferbetrieben kaum zu vermitteln."

Die Unternehmen appellieren deshalb an die Gemeinden, sich nicht als Inseln zu betrachten, sondern gemeinsam mit Nachbargemeinden an einem Strang ziehen. "Kirchturmdenken hilft niemanden, gemeindeübergreifendes Flächenmanagement schon", betont Standortexpertin Tina Emslander.

© SZ vom 22.03.2018
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