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Kranzniederlegung in Hebertshausen:Ein Ort des deutschen Vernichtungskriegs

Das Mahnmal am ehemaligen SS-Schießplatz Hebertshausen, der Ort eines Massenmordes.

(Foto: Toni Heigl)

Zwischen 1941 und 1942 sind mehr als 4000 Sowjetsoldaten bei Dachau ermordet worden. Jahrzehntelang wollte die Politik nicht an sie erinnern

Von Thomas Altvater, Hebertshausen

Zwei Kilometer nördlich des Appellplatzes am ehemaligen Konzentrationslager Dachau ist es an diesem Sonntag um 13 Uhr still. Die diesjährige Gedenkfeier wurde wenige Tage zuvor aufgezeichnet und per Livestream im Internet übertragen. Zwischen 1941 und 1942 ermordete die Lager-SS auf dem ehemaligen SS-Schießplatz Hebertshausen mehr als 4000 sowjetische Kriegsgefangene. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 wählten Gestapo und Wehrmacht Tausende kriegsgefangene Rotarmisten aus, um sie - Politkommissare, Juden und willkürlich Herausgegriffene - zu ermorden. Auf dem 1937 errichteten SS-Schießplatz bei Hebertshausen zwangen die Rotarmisten sie, sich nackt auszuziehen. Die SS-Männer ließen die wehrlosen Soldaten in Fünferreihen aufstellen, ketteten sie dann mit Handschellen an Holzpfähle und erschossen sie.

Heute, fast 80 Jahre später, wird zunächst ein Video der Kranzniederlegung eingespielt, gefolgt von andächtigen Klängen des Trompeters Frank Uttenreuter, die fast 40 Leute online mithören. Als Erster ergreift der Shoah-Überlebende Ernst Grube das Wort, er steht vor dem Denkmal und blickt frontal in die Kamera. Der 88-Jährige ist einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen und Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau. Die Nazis deportierten Grube als Jugendlichen in das Ghetto Theresienstadt nahe Prag in Tschechien. Auf dem früheren SS-Schießplatz sagt Grube: "Unser Erinnern richtet sich gegen das Vergessen, das Relativieren und Ausblenden dieser immensen Verbrechen, denn alte und neue nationalistische Kräfte profitieren vom Vergessen und von einer Erinnerung ohne Verantwortung."

Ernst Grube mahnt, zu wenig sei der Anteil der Sowjetunion an der Befreiung Deutschlands von der NS-Diktatur in der Vergangenheit gewürdigt worden. "Die Rote Armee hat die Hauptlast getragen", sagt Grube, trotzdem sei es nie zu einer angemessenen Entschädigung der ehemaligen sowjetischen Soldaten gekommen. Vielmehr kritisiert Grube, dass das "antikommunistische Feindbild" der Nazis in Kernbestandteilen auch nach 1945 die offizielle Politik der Bundesrepublik beeinflusst habe. "Können Sie sich vorstellen", fragt Grube in die Kamera, "dass Menschen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion eine Wiederholung der mehrmals stattgefundenen Kriege bis vor die Tore Moskaus befürchten, in einer Situation, in der sich die Nato bis an die Grenzen ihres Landes ausgedehnt hat?"

Grube kritisiert in seiner Rede auch die deutsche Außenpolitik. Er sagt: "Deutschland ist einer der größten Waffenlieferanten der Welt und trägt dadurch weltweit zu Elend, Unterdrückung, Plünderung, Existenzvernichtung und Krieg bei." Stattdessen sollte die Schaffung einer friedlichen Welt "allerhöchste weltpolitische Verantwortung" haben, so Grube, einer Verantwortung, die sich Deutschland aufgrund seiner Geschichte eigentlich stellen müsse. "Menschenrechte und Friede werden offiziell beschworen", erklärt er, "doch im Mittelmeer ertrunkene Menschen bezeugen das Gegenteil". Seine Rede beendet Grube mit einem Appell: "Wir müssen uns mehr für Abrüstung anstatt für Aufrüstung einsetzen."

Um dem Schicksal der vielen ermordeten, aber auch den wenigen überlebenden Rotarmisten ein Gesicht zu geben, verliest die Historikerin und Referentin Irina Grinkevich, die sich im Dachauer Förderverein für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit engagiert, im Anschluss zwei Biografien: Moisej Beniaminowitsch Temkin überlebte den Schießplatz wie durch ein Wunder, anders als Ignat Babitsch, in dessen Namen stellvertretend für die 4000 ermordeten Soldaten gedacht wurde. "Nur der Zufall hat entschieden, wer von den beiden überleben durfte", erklärt Grinkevich am Ende.

Der Ort des Massenmordes geriet nach Kriegsende lange Zeit fast in Vergessenheit. Bayern und der Bund wollten kein Geld für seine Erhaltung geben - in der Zeit des Kalten Krieges wollte die Politik nicht an die Rote Armee erinnern. Zivilgesellschaftliche Vereine, die KZ-Gedenkstätte Dachau und Überlebende des NS-Terrors engagierten sich für die Erinnerung an die Opfer. 2014 wurde der Ort als Gedenkstätte gestaltet.

© SZ vom 03.05.2021
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