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Krankenhaus:"Applaus allein reicht nicht aus"

Aktive Mittagspause

Zum Zeichen dafür, wie prekär die Lage ist, hat eine Station sämtliche Gefährdungsanzeigen des Jahres an einer Schnur befestigt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Pflegekräfte protestieren gegen die in ihren Augen schlechten Arbeitsbedingungen am Helios Amper-Klinikum

Von Christiane Bracht, Dachau

Die Botschaft ist klar: "Applaus allein reicht nicht aus", steht auf einem Pappkarton. Eine Mitarbeiterin vom Helios Amper-Klinikum Dachau hält ihn hoch. Etwa 40 Beschäftigte haben sich am Freitag in der Mittagspause vor dem Eingang des Krankenhauses versammelt. Der Frust der Pfleger und Krankenschwestern, Physiotherapeuten und Labormitarbeiter ist spürbar. Sie wollen auf ihre missliche Lage aufmerksam machen. Während der Corona-Krise waren sie für viele die Helden, die abends von zahlreichen Fenstern und Balkonen aus beklatscht wurden, jetzt sind sie in Vergessenheit geraten. "Uns wurde viel versprochen", sagt Martin Tobies vom Betriebsrat. 1500 Euro hätte jeder bekommen sollen - als Anerkennung, doch am Ende seien es lediglich 500 Euro gewesen und das längst nicht für jeden.

Doch das Finanzielle ist gar nicht mal das, was den Mitarbeitern am meisten auf den Nägeln brennt. "Wir wollen die Arbeitsbedingungen nicht mehr hinnehmen: Es ist zu viel Arbeit für zu wenige Köpfe", ruft Matthias Gramlich ins Megafon und erhält viel Beifall von seinen Kollegen. Unternehmenssprecherin und Ärztlicher Direktor stehen im Hintergrund. Sie beäugen das Geschehen genau. Manch einer fühlt sich dadurch gehemmt, doch Gramlich nicht. "Wir sollen rennen, schuften und den Mund halten. Aber heute nicht", stellt er klar. Die Corona-Krise sei eine Wahnsinnsbelastung gewesen. Man habe viel zu wenig Personal und zu wenig Schutzmaterial gehabt, erklärt er später. Und danach hätte man den Mitarbeitern auch keine Pause gegönnt, sondern es sei einfach weitergegangen. "Wir wissen manchmal nicht, wie wir den nächsten Tag bewältigen sollen", sagt er. Immer müsse man fünf Dinge gleichzeitig machen. Die anderen nicken.

Zum Zeichen dafür, wie prekär die Lage ist, hat eine Station sämtliche Gefährdungsanzeigen des Jahres an einer Schnur befestigt. Die Protestierenden halten sie hoch. Es sind alles Situationen gewesen, die keiner mehr verantworten wollte, weil zu wenig Personal auf der Station war. "Wir fürchten, dass es so weitergeht, dass die Unterbesetzung ein Dauerzustand wird", sagt Gramlich. Seit Corona sei das Gesetz, dass eine Untergrenze vorschreibt, ausgehebelt und auch vorher hätten die Kliniken lieber die geringe Strafe bezahlt, als auf eine Operation zu verzichten, sagt ein Mitarbeiter. Das Bündnis "systemrelevant und ungeduldig" will den Kampf der Pfleger unterstützen. Das Bündnis kämpft vor allem gegen die Privatisierung der Kliniken, aber auch für einen verbindlichen Personalschlüssel.

Verdi ist bereits in die Tarifverhandlungen eingestiegen. Die Gewerkschaft will für eine Ballungsraumzulage kämpfen, die die Klinikmitarbeiter in Fürstenfeldbruck und Freising längst bekommen - nur die in Dachau eben nicht. Um 4,5 Prozent höhere Löhne gehe es natürlich auch, so Gewerkschaftssekretär Christian Reischl. 300 Unterschriften habe man bereits gesammelt. Um mehr Druck auf die Politik ausüben zu können, will Verdi den Kampf heuer zusammen mit dem öffentlichen Dienst und dem Nahverkehr führen. Die Mitarbeiter der Amper-Klinik versprechen sich viel von dieser Symbiose.

© SZ vom 19.09.2020

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