"Kräutergarten"-Gelände in Dachau:"Wir wollen das Areal nutzen"

Lesezeit: 3 min

"Kräutergarten"-Gelände in Dachau: Zwischen 1939 und 1945 starben auf der Plantage mehr als 800 KZ-Häftlinge. Mittlerweile verfällt sie zusehends.

Zwischen 1939 und 1945 starben auf der Plantage mehr als 800 KZ-Häftlinge. Mittlerweile verfällt sie zusehends.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Seit Jahren verfällt der sogenannte Kräutergarten, in dem Hunderte von KZ-Häftlingen zu Tode geschunden wurden. Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, signalisiert, dass der Freistaat nun doch bereit sein könnte, das historische bedeutsame Areal von der Stadt Dachau zu übernehmen. Der OB bleibt skeptisch.

Von Jacqueline Lang, Dachau

Der "Kräutergarten", wie er verharmlosend genannt wurde, war Teil des Lagerkomplexes des KZ Dachau. Auf der riesigen Plantage zwangen einst SS-Männer im Auftrag von Heinrich Himmler, KZ-Häftlinge zu unmenschlicher Arbeit auf den schweren Moorböden. Himmler wollte mit den Bioprodukten, die er auf der Plantage anbauen ließ, die "deutsche Volksgesundheit" verbessern, aber auch die Kampfkraft der Wehrmachtsoldaten stärken. Zwischen 1939 und 1945 starben auf der Gelände östlich der Alten Römerstraße mehr als 800 Häftlinge, der Großteil von ihnen Juden, sowie Sinti und Roma. Ein Großteil der Anlage existiert heute nicht mehr, nur ein paar rostige Skelette der historischen Gewächshäuser auf einem abgesperrten Gelände stehen noch.

Seit vielen Jahren gibt es immer wieder Gespräche darüber, auf dem historisch bedeutsamen Areal einen Gedenkort für die Öffentlichkeit zu schaffen, solange von den baulichen Zeugnissen der Geschichte überhaupt noch etwas zu retten ist. Ideen zur Nutzung wie zur Gestaltung einer Ausstellung gibt es spätestens seit 2012. Vor mittlerweile zehn Jahren fand ein Fachsymposium zu dem Thema statt. Schon damals war klar: Man muss jetzt handeln. Nur politisch tat sich nichts: Das Gelände gehört der Stadt. Die sieht sich aber finanziell überfordert, einen solchen Gedenkort in adäquater Qualität zu errichten, daher will die Stadt das Areal an den Freistaat abgeben - der aber immer wieder neue Gründe fand, warum das nicht gehe, jedenfalls nicht so schnell.

Nun mehren sich die Anzeichen, dass es schon in wenigen Tagen zur einer Übereinkunft beider Seiten kommen könnte, um das verrottende Areal als Erinnerungsort doch noch zu retten. Dies hatte Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, bereits am Wochenende bei den Gedenkfeierlichkeiten zur Befreiung des Dachauer Konzentrationslagers angedeutet, und auf Nachfrage bestätigt er, dass dazu bereits ein Gespräch zwischen ihm und dem Dachauer Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) vereinbart worden sei. Sogar einen Termin haben die beiden schon gefunden: Stattfinden soll das Gespräch, nachdem es aufgrund einer Corona-Erkrankung Frellers schon einmal verschoben worden war, nun am kommenden Montag.

Auch wenn Freller dem Gespräch ausdrücklich nicht vorgreifen will, macht er doch deutlich, dass es einen "guten Willen auf beiden Seiten" gebe, zu einer Einigung zu kommen. Die soll - das ist kein Geheimnis - im Idealfall so aussehen: Die Stadt Dachau, der das Areal derzeit noch gehört, wird den "Kräutergarten" der Stiftung beziehungsweise dem Freistaat überlassen. Vermutlich für den symbolischen Betrag von einem Euro, ein Angebot das in dieser Form bereits seit 2018 im Raum steht.

"Wir wollen das Areal nutzen", sagt Karl Freller

"Wir wollen das Areal nutzen", betont Freller im Gespräch mit der SZ mehrmals die Grundsatzentscheidung. Zu klären gelte es mit der Stadt Dachau kommende Woche nun vor allem Fragen praktischer Natur. Etwa welche Zufahrtswege genutzt werden könnten, natürlich werde es auch um die Sache mit den Altlasten im Boden gehen.

Oberbürgermeister Florian Hartmann erhofft sich in dieser Angelegenheit endlich eine klare Ansage seitens des Staatlichen Bauamts Freising. Anders als Freller sieht Hartmann im Thema Altlasten keineswegs nur eine Formalie. In den vergangenen Jahren war dies sogar das am vehementesten vorgebrachte Argument, warum der Freistaat Bayern das Gelände noch nicht übernehmen könne: Es sei ja nicht klar, wie belastet das Grundstück sei und welche Folgekosten damit auf ihn zukommen.

Der Stadt selbst sei von Vorkommnissen, die dort zu Altlasten geführt haben könnten, "nichts bekannt", auch werde das Areal nicht im Altlasten-Kataster geführt. Das angrenzende Grundstück sei zwar wohl tatsächlich kontaminiert, so Hartmann, aber laut einem bereits vorliegenden Gutachten könne ein Risiko für den "Kräutergarten" ausgeschlossen werden. Für Oberbürgermeister Hartmann stellt sich deshalb seit Jahren die Frage, welche Untersuchungen sich der Freistaat denn noch wünscht, bevor er eine Entscheidung treffen kann. Eine Antwort sei man der Stadt in der Vergangenheit stets schuldig geblieben.

Zum ersten Mal wird das Staatliche Bauamt Freising mit am Verhandlungstisch sitzen

Gerne sei man sogar bereit, sich an den Kosten für etwaige weitere Untersuchungen noch zu beteiligen, wirbt Hartmann. Nur brauche es eben eine klare Ansage seitens des Staatlichen Bauamts, was man denn nun eigentlich untersuchen wolle. Fachleute im eigenen Haus, die das klären könnten, habe die Stadt nämlich nicht.

Auch wenn Hartmann angesprochen auf das Gespräch am Telefon etwas weniger euphorisch klingt als Freller, zeigt er sich doch vorsichtig optimistisch, dass der auf zwei Stunden angesetzte Gesprächstermin in der kommenden Woche endlich etwas mehr Klarheit bringen könnte. Das hat einen fast schon banalen Grund: Zum ersten Mal werden laut Hartmann Vertreter der verantwortlichen Stelle, dem Staatliche Bauamt, mit am Tisch sitzen. Ob die Anwesenden allerdings auch die nötige Entscheidungsgewalt haben, die es braucht, um die Einigung zu erzielen, wird sich laut Hartmann erst noch zeigen müssen. An ihm solle es nicht scheitern, betont er. "Ich kann morgen zum Notar gehen."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema