Krähen Jagd auf Plünderer und Nesträuber

Schüsse schrecken derzeit Anwohner vor allem in der Nähe der Amper in Dachau auf. In dieser Jahreszeit nehmen Jäger Krähen ins Visier.

Von Magdalena Hinterbrandner

Die Schüsse fallen fast wöchentlich an der Amper in Mitterndorf. "Am Wochenende, meistens am Samstag, schon um halb sechs Uhr morgens", sagt Anwohner Paul Klementz. Irgendwann hat ihm das keine Ruhe mehr gelassen. "Ich wohne schon so lange hier, aber noch nie wurde während der Sommerzeit so viel geschossen". Das beunruhigt ihn.

Die Krähen machen es den Jägern in ihren Revieren zu schaffen. Laut Landratsamt habe die Population der Krähen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, gleichzeitig sei Schonzeit für Wild- und Stockenten. Da führe eins zum andren. Krähen sind bekannt als Nesträuber, Nester der Bodenbrüter und Singvögel seien dadurch in Gefahr. Deshalb werde auf die Vögel geschossen, lautet die Erklärung aus dem Landratsamt.

Der Vorsitzende der Ortsgruppe Dachau des Bund für Naturschutz, Peter Heller, bestätigt zwar, dass die Population der Krähen deutlich zugenommen habe, "aber Schießen geht gar nicht." Zudem sei es widersinnig: "Wenn man auf die Krähen schießt, verteilen sich die Vögel und vermehren sich dann wieder. Das ist ja eher kontraproduktiv", sagt Heller. Vögel könnten hingen mit harmlosen, schillernden Gegenständen wie beispielsweise CDs vergrämt werden. Saatkrähen stünden zudem unter ganzjährigem Schutz und dürften nicht gejagt werden. Für Rabenkrähen allerdings gilt dieser unbeschränkte Schutzstatus nicht, erklärt Heller.

"Man schießt ja auch auf Wildschweine"

Die Umweltreferentin des Dachauer Stadtrats Sabine Geißler (Bündnis für Dachau) kann der drastischen Maßnahme nichts abgewinnen. Dass derzeit in Mitterndorf Jagd auf Krähen gemacht wird, wurde den Stadträten nicht mitgeteilt. Im Stadtrat sei lediglich die Tatsache diskutiert worden, dass es vor einiger Zeit am Bahnhof nur so von Krähen wimmelte und was man dagegen tun könne.

Krähen mit ihrem lauten Gekrächze stören schon mal Anwohner. Die klugen und gelehrigen Tiere können als Räuber etwa Enten gefährlich werden. Andererseits vertreiben sie Tauben.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Zwar klagen laut bayerischem Bauernverband in Dachau keine Landwirte über die Vögel, doch anscheinend ist das Krähenaufkommen wirklich so hoch, dass Bodenbrüter vor ihnen beschützt werden müssen. Das Landratsamt bestätigt das zumindest. "Krähen plündern bei den anderen Tieren, sie rauben aus fremden Nestern und dadurch sind dann vor allem die Bodenbrüter in Gefahr", sagt Silke Lein, Pressesprecherin des Landratsamtes Dachau. Zum Schutz der Nester der Singvögel- und Bodenbrüter-Familien also schießen die Jäger in ihren jeweiligen Revieren die Krähen. Für Silke Lein war es zwar auch neu, dass auch speziell auf Krähen geschossen wird, doch ein wenig einleuchtend ist es schon. "Man schießt ja auch auf Wildschweine", sagt Lein. Sie selbst ist privat auch im Bund für Naturschutz und vertraut ganz auf das Wissen der Jäger. "So eine Jagdausbildung ist sehr schwierig und langwierig, ich bin mir sicher, die Jäger wissen, was sie tun."

"Wie viele Tiere, in diesem Fall die Krähen, der Jäger schießt, ist ihm in seinem Revier selbst überlassen", sagt der erste Vorsitzende des Jagdvereins Dachau, Ernst-Ulrich Wittmann. Dass Krähen überhaupt geschossen werden dürfen, stehe auch im bayerischen Jagdgesetz. Und auch die Abteilung für öffentliche Sicherheit und Ordnung im Landratsamt bestätigt: vom 16. Juni bis 14. März ist Schießzeit für Krähen.

Wie viel geschossen wird, liegt im Ermessen des Jägers

Der erste Vorsitzende vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern der Kreisgruppe Dachau, Ludwig Wilhelm, klärt den Konflikt der Meinungen auf: "Grundsätzlich stehen Rabenvögel, sowie alle Singvögel unter Naturschutz", erklärt Wilhelm. Aber es könne Ausnahmefälle geben, wenn durch zu viele Krähen der Nachwuchs der Bodenbrüter im Frühjahr gefährdet wird. Dann könne auf Entscheidung des Jägers gejagt werden. "Das sind aber dann die Rabenkrähen, auf die man schießt." Neben den Rabenkrähen gibt es noch viele weitere Krähenarten, wie die Saatkrähe, welche lange stark gefährdet war. "Wer auf die schießt, hat selbst einen Schuss", sagt Wilhelm ganz klar. Er selbst sieht die Jagd trotzdem sehr kritisch. "Das geb ich ganz offen zu, für mich ist so eine Jagd nicht zielführend." Anwohner Paul Klementz bleibt skeptisch. Ihn stört das Gekrächze der Vögel weit weniger als die Schießerei.

Umweltreferentin Sabine Geißler ist entsetzt über den Abschuss der Vögel. Befürworten würde die Stadträtin das nicht.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Er sei sich da nicht ganz so sicher, ob der wirkliche Sinn des Vogelschießens hier noch erfüllt werde, sagt er, und ob das lange Schießen noch etwas mit Hege und Pflege des Reviers zu tun habe, oder ob das nicht eher an "Jagd-Leidenschaft" grenze. In welchen Maßen geschossen wird, liegt tatsächlich im Ermessen des Jägers. Ein Gesetzesverstoß liegt weder laut Jagdgesetz noch nach der Beurteilung des Landratsamtes vor.

"Natürlich dürfen nur Jagdberechtigte auch wirklich jagen", sagt Pressesprecherin Silke Lein. Solange das der Fall ist, kann man über die Krähenjagd zwar diskutieren, aber sie kaum verbieten.