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Konzert in Sankt Jakob :Farbiger Wohlklang

Das Vokal Ensemble München singt betörend schöne Madrigale

"Exzellent! Eminent!" Solche Ausrufe drängten sich nach dem Konzert mit dem Vokal Ensemble München in Sankt Jakob am Sonntag förmlich auf. Damit ist aber nicht nur das Ausgezeichnete dieses Chorkonzerts bezeichnet, sondern mehr noch das Außergewöhnliche, das Besondere. Das Vokal Ensemble München ist ein in seiner Besetzung von fünf Sopran- und vier Altstimmen, drei Tenören und drei Bässen ein kleiner, aber stimmlich absolut ausgewogener Kammerchor von nur 15 Stimmen. Geleitet wird er von Viktor Töpelmann, einem vor allem in London ausgebildeten Musiker, der seinen offenbar perfekt einstudierten Chor mit knappen Dirigierbewegungen zu sehr lebendigem Singen bringt. Das alles ist aber nichts Außergewöhnliches, in Dachau haben wir einen etwas stärker besetzten Kammerchor von der gleichen Ausgewogenheit und Klarheit der Stimmen. Das Außergewöhnliche und Begeisternde dieser Konzertstunde war das Programm.

Das Vokal Ensemble München hatte englische und deutsche Madrigale aus dem 17. und 20. Jahrhundert angekündigt. Das allein machte schon Appetit auf dieses Konzert; denn wann und wo hört man schon die wunderschöne Musik etwa von William Byrd und Hans Leo Hassler im Konzert - und in vollendeter Aufführung, wie sich sehr schnell herausstellte? (Der Dachauer Kammerchor singt leider nur geistliche Musik, seine Chorleiter verstehen sich ausschließlich als Kirchenmusiker.) Aber es blieb nicht bei William Byrd und Hans Leo Hassler, der Chor sang auch rare Stücke von Hugo Distler (aus dessen Mörike Chorliederbuch op. 19) und von dem Engländer Gerald Finzi (1901 - 1956), von dem man noch nie etwas gehört hat, nicht einmal den Namen. Große Spannung, zumal es in der Vorschau und im Programmheft zu lesen war, gerade Finzis Musik werde immer wieder als typisch englisch gehört. Was ist in der Musik "typisch englisch"?

Das kam in dieser Chorstunde mit der Gegenüberstellung der Musik von Gerald Finzi und den Chorliedern von Hugo Distler deutlich heraus. Zunächst Finzi, von dem der Chor fünf seiner 1939 erschienenen "Seven Poems of Robert Bridges" sang. Man hörte einen sehr wohlklingenden Chorsatz - keine Dissonanzen. Vor allem deutsche Musik dieser Zeit hört sich anders an, nämlich von Dissonanzen geschärft, die Tonalität bis an ihre Grenzen ausgeweitet oder auch schon ganz und gar atonal.

Hugo Distlers Chormusik ist davon noch wenig betroffen, in seinem Chorsatz reiben sich die gesungenen Linien, aber die Tonalität wird nie verlassen, und immer krönt ein strahlender harmonischer Akkord das Werk. Distler gilt heute als anspruchsvoll, aber auch sehr schön und wird auch von Laienchören gern gesungen. Doch Distlers Chorsatz ist streng. Dagegen ist der Satz von Finzi ausgesprochen locker. Seine Musik kann sogar bunt wirken. Sie ist in erster Linie dem Wohlklang und der Farbigkeit verpflichtet, rein tonal, denn die "Modernität" der Komposition ist für sie kein Thema. (Theodor Adorno hat gegen solche Musik regelrecht gewütet.)

Das Dachauer Publikum - es sind an diesem schönen Sonntagnachmittag bei weitem nicht so wenige Zuhörer gekommen wie befürchtet - kommt also in den Genuss unbeschwert schöner, man möchte sagen farbenfroher Musik und dazu in Berührung mit bezaubernd schöner Dichtung.

Den Dichter Eduard Mörike zu rühmen, erübrigt sich. Vielleicht lag es nun doch an den Vertonungen von Hugo Distler, dass einem seine Gedichte in dieser Stunde besonders, ja bis zum Erschrecken ("Die Tochter der Heide") nahe gingen. Doch Robert Bridges war (neben Gerald Finzi) die zweite Entdeckung dieser Stunde. Das ist poetische Schönheit pur, auf die der Komponist Finzi locker mit musikalischer Schönheit antworten konnte.

Das Hauptwerk von Robert Bridges ist sein Epos "The Testament of Beauty". Ein solches Testament der Schönheit war das ganze Konzert. Es hatte nur einen Schönheitsfehler. Der Chor sang die 17 Chorsätze seines Programms innerhalb einer Stunde ohne jede Unterbrechung a cappella ab. Wenn es nur zwei kleine Instrumentalstücke gegliedert hätten, wäre die Schönheit absolut perfekt gewesen.

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