Konzert in Dachau:Comeback mit Pauken und Trompeten

Lesezeit: 3 min

Konzert in Dachau: Nach langer Pause tritt das Ensemble "Vocal AmpArt" wieder im Dachauer Schloss auf.

Nach langer Pause tritt das Ensemble "Vocal AmpArt" wieder im Dachauer Schloss auf.

(Foto: Toni Heigl)

Nach zwei Jahren Konzert-Abstinenz tritt die Liedertafel unter neuem Namen, aber mit gewohnt hoher Qualität auf: Der Auftritt des Ensembles "Vocal AmpArt" ist eine Wohltat für die Ohren.

Von Dorothea Friedrich, Dachau

Die Stimmung ist freudig bis euphorisch. Könnten doch die Voraussetzungen für den ersten Auftritt von Vocal AmpArt nicht besser sein: ein strahlender Frühsommer-Sonntag, fröhliche Menschen, die rund ums und im Dachauer Schloss ein Wiedersehen nach zwei Jahren Corona-Zwangspause feiern, ein gut besetzter Renaissance-Festsaal und ein Programm, das Jubilieren quasi inkludiert: Antonio Vivaldis mitreißendes Gloria RV 589, Georg Friedrich Händels Konzert für Orgel und Orchester HWV 290 und Wolfgang Amadeus Mozarts Vesperae Solennes de Confessore KV 339.

Was gerade etwas verunsicherte Zeitgenossinnen und Zeitgenossen in Sachen Vocal AmpArt des Rätsels Lösung schon sehr viel näher bringt: einer der großen Dachauer Chöre, die Liedertafel Dachau und nicht eine Boy Group oder ein A-Cappella-Ensemble verbirgt sich hinter dem Namen. Warum? Die Liedertafel hat sich 143 Jahre nach ihrer Gründung umbenannt, weil sie "ihr Erscheinungsbild modernisieren will", wie es im Programmheft heißt. Sei's drum.

Denn glücklicherweise ist die Qualität auf hohem "alten" Niveau geblieben. Das zeigten Sängerinnen und Sänger, das Seraphin-Ensemble München, Konzertorganistin Angela Metzger sowie die Solisten Elif Ayetekin (Sopran), Anna-Luise Oppelt (Alt), Bernhard Schneider (Tenor) und Christof Hartkopf (Bass) unter dem Dirigat von Chorleiter Emanuel Schmidt eindrücklich in diesem wahrhaft gloriosen Konzert, das alle Beteiligten mit Bravour meisterten.

Konzert in Dachau: Chorleiter Emanuel Schmidt.

Chorleiter Emanuel Schmidt.

(Foto: Toni Heigl)
Konzert in Dachau: Sopranistin Elif Aytekin.

Sopranistin Elif Aytekin.

(Foto: Toni Heigl)
Konzert in Dachau: Konzertorganistin Angela Metzger.

Konzertorganistin Angela Metzger.

(Foto: Toni Heigl)

Vom ersten Ton an überzeugte die Zusammenarbeit von Liedertafel und Seraphin-Ensemble. Der Auftakt von Vivaldis "Gloria" war barocker Glanz vom Feinsten, einschließlich Pauken und Trompeten. Wobei der Paukist eine besondere Erwähnung verdient: Der Dachauer Multipercussionist Christian Benning war zwischen zwei Tourneeterminen kurzfristig für den verhinderten Musiker des Ensembles eingesprungen - und genoss das Spiel mit dem Orchester hörbar.

Vom ersten Ton an überzeugte die Zusammenarbeit von Liedertafel und Seraphin-Ensemble

Wie sensibel das Ensemble mit seinem Gründer und Konzertmeister Winfried Grabe agiert und reagiert, zeigten die leisen Tönen dieses "Gloria". So hatten Sopranistin Aytekin und Altistin Oppelt keine Mühe, ihre Stimmen in voller Schönheit erklingen zu lassen. Da wurde es dem Publikum beim "Agnus dei" mit Anna-Luise Oppelt und der einfühlsamen Liedertafel echt warm ums Herz. Beim jubilierenden "Cum sancto spiritu" schien - mit etwas Fantasie - selbst der die Weltkugel stemmende Atlas auf der Herkules-Tapisserie seine Last viel leichter zu tragen.

Schade nur, dass die fabelhafte Angela Metzger an der für ihr Können viel zu klein dimensionierten Truhenorgel je nach Sitzplatz kaum zu hören war. Doch wie sie Händels Orgelkonzert HWV 290 spielte, ließ dieses kleine Manko schnell vergessen. Metzger ist eine Virtuosin an ihrem Instrument. Sie spielte klar, hochkonzentriert und - wo es angebracht war -, so anmutig und im zweiten Satz so höfisch-tänzerisch, dass man sie sich gut bei einer der legendären kurfürstlichen Festivitäten im Dachauer Schloss vorstellen konnte. Besonders beeindruckend: ihre Dialoge mit dem Orchester, die dieses Orgelkonzert zu einer stimmigen Einheit verschmelzen ließen.

Mit Mozarts Vesperae Solennes de Confessore versetzten Chor, Orchester und Solisten die fast atemlos lauschenden Zuhörer aus der Festsaal-Pracht in den mindestens ebenso prächtigen Salzburger Dom, Ort der Uraufführung dieses Meisterwerks geistlicher Musik im Jahr 1780. Da sind einmal zornglühende Psalmentexte, die einen auch heute noch das Fürchten lehren können, da ist das "Confitebor" mit seinem unerschütterlichen Glaubensbekenntnis - und einem Solistenquartett, das zum Niederknien schön und gut sang.

Eines der bekanntesten und beliebtesten Stücke dieser Vesperae ist das Laudate Dominum. Orchester, Sopranistin und Chor spielten und sangen diesen Lobpreis Gottes ganz versunken, über allem Weltlichem schwebend, ein echter Gegenpol zum barocken Lust- und Lebensgefühl - und eine Apotheose des Gesangs, wie ein Kritiker einmal schrieb. Das abschließende Magnificat, der Lobgesang Mariens aus dem Lukasevangelium, war das würdige, freudenvolle und Zuversicht spendende Finale eines außergewöhnlichen Konzerts.

Außergewöhnlich nicht aufgrund der Programmauswahl, sondern weil alle Mitwirkenden ihrem Publikum und vermutlich auch sich selbst ein unvergleichliches Erlebnis schenkten. Unvergleichlich, weil der Chor unter seinem Dirigenten Emanuel Schmidt nur unter erschwerten Corona-Bedingungen proben konnten, weil es immer noch unfassbar ist, nach zwei Jahren Konzert-Abstinenz wieder Musik live erleben zu dürfen - und weil Musik einfach all das ausdrückt, was Worte und Bilder nicht können.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB