Konzeptkunst in der Neuen Galerie Gewalt und Schönheit

Die kommunale Neue Galerie in Dachau zeigt sechs zeitgenössische Vertreter der Secession München, die sich mit dem Thema Natur und Kultur befassen. Mit dabei der Konzeptkünstler Timm Ulrichs

Von Wolfgang Eitler, Dachau

Dass Timm Ulrichs in Dachau zu sehen ist, freut Kuratorin Jutta Mannes besonders. Denn der Künstler gilt als einer der ganz Großen nicht nur in Deutschland und hat sich als Vertreter der Konzeptkunst internationales Renommee erworben. Außerdem ist Mannes von ihm sehr eingenommen, weil er Humor habe und witzig sei. Weil er sich also nicht als der Großkünstler gebärdet. Timm Ulrichs wird auf der Vernissage in der Neuen Galerie an diesem Donnerstag, 19.30 Uhr, vorbeischauen. Darauf ist Jutta Mannes sehr stolz. Außerdem ist dessen Anwesenheit überraschend. Denn man würde nicht vermuten, dass ein Künstler solchen Ranges Mitglied einer eher regionalen Künstlergruppe wie der Secession ist. In der Gemäldegalerie ist deren Geschichte zu sehen, an der zahlreiche Dachauer Maler aus der Zeit der Künstlerkolonie mitwirkten.

Abgesehen vom Namedropping, das der kommunalen Neuen Galerie in der Altstadt sicher gut bekommen wird, ist die Wahl von Ulrichs für die Ausstellung keine zufällige. In der Tradition der Künstlerkolonie und der Landschaftsmalerei hat Mannes als Kuratorin Beiträge zum Thema Natur versammelt. Der Documenta-Künstler befasst sich mit dem Verhältnis von Mensch und Natur und den massiven Eingriffen. Die Ambivalenz einer Rationalität, die nicht nur gestaltend, sondern auch zerstörerisch sein kann, versinnbildlicht Ulrichs in Stöcken, denen er sein Gesicht als Negativabdruck eingefräst hat. In einer Hohlform ließ er Wurzeln von Buchsbäumen wachsen. Die Köpfe auf Pfählen muten wie Insignien archaischer Opferrituale an. Jutta Mannes schreibt dazu: "Mit seiner sehr persönlichen Signatur steht der Künstler stellvertretend für die Spezies Mensch, die sich vor allem durch gewaltsame Einwirkung auf die Natur ausgezeichnet hat."

Der Maler Hartmut Pfeuffer malt Wüsten. Er tupft die Farbe auf große Leinwände und übermalt die Flächen, bis ein flirrender Effekt entsteht, in der die Weiten etwas Verlorenes und surreal Unfassbares erhalten. "Details verschwinden und wenige monumentale Formen werden in spannungsvolle, in Ockertönen gehaltene Kompositionen eingebunden." Ein Schleier überzieht die Gemälde, wodurch der Effekt der Ferne gesteigert wird.

Bei Christoph Drexler stellt sich die Frage, ob die Weite der Landschaften ohne Menschen nun anheimelnd wirken, im Gleichklang mit der Freilichtmalerei. Oder geht von ihnen nicht doch eine Bedrohung aus, eine metaphysisch aufgeladene Atmosphäre an der Grenze zum Unheimlichen. "Es sind stille Zeugen der Zivilisation", sagt Kuratorin Mannes.

Die Berglandschaften von Andreas Legath muten hingegen wie Nahaufnahmen an, in denen die Stofflichkeit der Berge, das verwitterte Gras, auch der Rest von Schnee in den Vordergrund rückt. Die Werke könnten Dokumente sein, wie die Landschaft von San Angelo in der Basilikata in Süditalien, wo starke Regenfälle die Lehmhänge zerfurchten. Legath verdichtet auch großflächig abgebrannte Felder in Sizilien zu einem Bild.

Diesen Werken setzt Dorothea Reese-Heim eine Videoinstallation entgegen, in der die Natur nur noch als künstlich-künstlerische Ausprägung präsent ist. Die Unwirklichkeit der Landschaften von Pfeuffer oder Legath kontrastiert sie mit den Mitteln der Videokunst als harmonisierendes Abbild von Natur. Jutta Mannes: "Die hängenden Gewächshäuser spiegeln uns Natur vor, die nur noch unter artifiziellen Bedingungen existiert."

Die Skulpturen von Konrad Loder beeindrucken durch die Machart. Denn aus kleinteiligen Elementen komponiert er organische Formen, als wolle er die innere Zellstruktur der dadurch entstehenden Gegenstände vergegenwärtigen. Mannes: "Wie bei einer Pflanze werden aus Grundformen große komplexe Strukturen."

Neue Galerie Dachau: "Natur//Kultur", Ausstellung von Mitgliedern der Secession München, Vernissage, Donnerstag, 11. Mai, 19.30 Uhr, Konrad Adenauer Straße 20 in Dachau.