Komödie in Bergkirchen:Der ganz normale Bürowahnsinn

"Maier, Wagner, Schmitt" ist eine Komödie, die im Hoftheater Bergkirchen mit viel Witz und Hingabe aufgeführt wird

Von Dorothea Friedrich, Bergkirchen

Es soll sie ja tatsächlich noch geben: Räume, vollgepfropft mit Aktenordnern, dazwischen ein penibel aufgeräumter Schreibtisch mit akkurat gespitzten Bleistiften und sorgsam angeordneten Stempeln. Was es hoffentlich nicht mehr gibt, ist die berühmt-berüchtigte, alle Vorurteile widerspiegelnde ältliche Frau mit dem verkniffen-strengen Gesichtsausdruck hinter besagtem Schreibtisch. Was es jedoch mit Sicherheit noch gibt, sind der übereifrige, leicht schleimige Jungkarrierist oder sein weibliches Pendant, der oder die subalterne Vorgesetzte, die nach oben buckeln und nur zu gerne nach unten treten, sowie die ob ihrer eingebildeten Überlegenheit strotzenden fies-jovialen Vertreterinnen und Vertreter des Managements. Was fehlt noch in diesem Firmen-Minikosmos? Natürlich ein Beraterstab, in diesem speziellen Fall repräsentiert durch einen weiblichen Mentalcoach.

Dieses muntere Grüppchen konnte man am Freitagabend bei der ersten Premiere nach dem gefühlt ewigen Lockdown auf der Bühne des Hoftheaters Bergkirchen treffen. "Maier, Wagner, Schmitt" ist eine "Bürokomödie" von Stephan Eckel. Ansgar Wilk hat den Bürowahnsinn coronakonform bearbeitet und inszeniert. Er spielt zugleich den im Titel nicht vorkommenden Abteilungsleiter Herr Schneider und sorgt dafür, dass sich Ensemble und Zuschauer streng an die geltenden Hygiene- und Abstandsregeln halten.

Komödie in Bergkirchen: Annalena Lipp (re.) brilliert als Mentalchoach, Julia Rieblinger spielt Frau Schmitt.

Annalena Lipp (re.) brilliert als Mentalchoach, Julia Rieblinger spielt Frau Schmitt.

(Foto: Toni Heigl)

Frau Schmitt - eine herrlich verbiesterte und ungeheuer schlagfertige Julia Rieblinger - trotzt mit Tweedrock, dickem Schal, Wollsocken und den wohl nie aus der Mode kommenden Birkenstock-Schlappen an den Füßen seit Jahrzehnten den Widrigkeiten ihres Jobs und seit ein paar Wochen einem ziemlich großen Loch in der Bürowand. Auch der Jung-Dynamikus, Herr Maier vom Außendienst, kann sie nicht aus der Reserve locken. Da kann er noch so flehen und schleimen, was Stephan Roth mit federndem Gang, falschem Lächeln und vorgetäuschtem Mitleid ob des Lochs in der Wand beharrlich versucht. Dabei will der Typ im modischem Casual-Friday-Outfit nur seine eigene Unverzichtbarkeit zur Schau stellen. Bis Herr Schneider, Abteilungsleiter und Vorgesetzter der beiden Büromenschen, auftritt; respektive völlig konfus auf die Bühne stolpert. Ansgar Wilk - korrekt gekleidet in Anzug und Krawatte - macht aus dem unbeholfenen Herrn Schneider einen Unglückswurm, dessen Entscheidungen - falls er überhaupt welche trifft - die Angelegenheit "Loch in der Mauer" nur noch verschlimmern. Zu allem Übel mischt sich auch noch Herr Wagner ein, der Geschäftsführer. Jürgen Füser, in feinem Zwirn, mit gravitätischem Gehabe und zugleich ein Choleriker besonderer Güte, spielt diesen Kotzbrocken so fabelhaft überzogen, dass man ihm ob seines fiesen Charakters bisweilen einen Tritt in den Allerwertesten verpassen möchte. Immer busy, immer auf dem Weg zum nächsten Meeting, immer auf Spar- und Optimierungskurs: So ist dieser Mensch.

Weil er Ruhe in seine Firma bringen will, hat er einen Mentalcoach einbestellt. Überraschtes Schweigen in der Männerrunde. Was ist ein Mentalcoach? Frau Schmitt weiß es: "Etwas, das viel Geld kostet, aber wenig bringt." Ist das so? Schließlich kennt die junge Frau Kleinschmitt sämtliche Ratgeberweisheiten aus den aktuellen Bestsellern dieses Genres - landet aber schnell auf dem Boden der Bürotatsachen. Annalena Lipp - mit großer Brille, strengem Business-Outfit und den dazugehörigen High Heels - hat Coaching-Sprech und -Attitüde voll drauf, spart nicht mit Motivations- und Vertrauensübungen, die grandios schiefgehen und entwickelt so nach und nach eine gewisse Solidarität mit Frau Schmitt. Derweil stürzen sich die Herren auf diverse Modernisierungen, bei denen ein museumsreifer Computer eine tragende Rolle spielt. Ihr neues Arbeitsmotto heißt: Facta non verba - Taten, nicht Worte. Alle sind plötzlich furchtbar motiviert und furchteinflößend nett miteinander. Nur Frau Schmitt bleibt außen vor.

Komödie in Bergkirchen: Zwei Männer, die was zu sagen haben: Ansgar Wilk (li.) als Abteilungsleiter und Jürgen Füser als Geschäftsführer diskutieren vor dem Loch in der Wand.

Zwei Männer, die was zu sagen haben: Ansgar Wilk (li.) als Abteilungsleiter und Jürgen Füser als Geschäftsführer diskutieren vor dem Loch in der Wand.

(Foto: Toni Heigl)

Wie endet das alles nach 75 Minuten heiterer Gefühle, die ab und zu kippen, weil das Spiel der Realität bedrohlich nahekommt? Schließlich ist die Firma nun "saniert, digitalisiert und gesund geschrumpft". Das sollte man sich im Hoftheater anschauen. Denn das Schauspielerquintett macht im detailverliebten Bühnenbild von Ulrike Beckers nicht nur Bella Figura, es spielt mit Witz, Leidenschaft und Hingabe, kostet jeden Moment, jede Wendung voll aus und zieht so die Zuschauer mitten in diese gar nicht so realitätsferne Bürowelt.

Die nächsten Vorstellungen sind am Freitag, 18. Juni, um 20 Uhr, am Samstag, 19. Juni, um 17 Uhr und um 20 Uhr sowie am Sonntag, 20. Juni, um 17 Uhr.

© SZ vom 14.06.2021
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