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Kommunalwahl in Dachau:Sieben Landratskandidaten - Stichwahl ist wahrscheinlich

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Landrat Stefan Löwl will seinen Posten verteidigen.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Insgesamt sieben Kandidaten bewerben sich um das Amt des Dachauer Landrats. Aufgrund der Vielzahl der Bewerber ist eine Stichwahl nicht unwahrscheinlich.

Er kann auch mit den Grünen. Vielleicht nicht mit allen, die im Dachauer Kreistag sitzen. Aber mit der Fraktionsvorsitzenden verbindet Stefan Löwl mittlerweile ein freundschaftliches Verhältnis. Seitdem Marese Hoffmann Partnerschaftsbeauftragte für den polnischen Landkreis Oświeçim ist, haben der CSU-Landrat und die Grüne einen gemeinsamen Nenner gefunden: Die Aussöhnungspolitik, die beiden ein Anliegen ist. In der letzten Kreistagssitzung vor Weihnachten würdigte Löwl ihr Engagement mit sehr persönlichen Worten. Dass ein CSU-Politiker auch parteipolitische Veranstaltungen der Grünen besucht, ist andernorts nicht unbedingt die Regel. Beim Neujahrsempfang der Landkreis-Grünen tritt Löwl jedes Jahr als Gastredner auf. Nicht deshalb, weil er eine große Affinität zu den Umweltbewegten hätte. Löwl will vielmehr ein Zeichen setzen: Wir sitzen alle in einem Boot.

Karlsfeld

Das vierte Landkreis-Gymnasium, das in Karlsfeld an der Grenze zu München gebaut werden soll, ist eines der wichtigsten Themen des Landkreises.

(Foto: Melitta Fischer, Landratsamt Dachau)

Jetzt zieht er zum zweiten Mal für die CSU in die Landratswahl. Die Chancen für seine Wiederwahl stehen ziemlich gut - trotz der Flut an Mitbewerbern. Löwl hat sehr schnell an Popularität gewonnen. Er geht jovial und verbindlich mit Menschen um. Der Ton macht die Musik, sagt eine Redensart. Und im Kreistag herrscht ein weitgehend freundlicher Ton. Die Zeit der politischen Grabenkämpfe im Landkreisparlament ist längst vorbei. Das wird nicht nur am Umgang des Landrats mit der Grünen-Chefin im Kreistag deutlich, sondern auch durch das Miteinander fast aller Fraktionen. Wenn SPD-Fraktionsvorsitzender Harald Dirlenbach mit einem Redebeitrag an der Reihe ist, ruft ihn Löwl mit den Worten "Harry, du bist dran" auf. Auch Michael Reindl (Freie Wähler) spricht er in der Regel mit dem Vornamen an - in der Sache sind sie dennoch oft verschiedener Meinung. Mit 26 von 60 Sitzen hat die CSU keine Mehrheit im Kreistag. Im neu gewählten Gremium werden 70 Mandatsträger sitzen. Die Zahl bildet das Bevölkerungswachstum im Landkreis ab. Angenommen, die CSU legt bei der Wahl um fünf Sitze zu, könnte sie noch immer nicht allein bestimmen. Doch der Landrat hat es bisher verstanden, die anderen großen Fraktionen für seine Politik zu gewinnen. "Wir sind Kommunalvertreter, keine Parteisoldaten", sagte Löwl nach drei Jahren in seinem Amt. Der politische Quereinsteiger und gebürtige Schwabe, vor sechs Jahren noch Leiter der Umweltabteilung im Landratsamt, fühlt sich im Landkreis und seinem Amt angekommen.

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Einen klaren Plan soll es auch zur Integration der Flüchtlinge geben, die seit 2015 in den Landkreis zogen.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Das war kein langer, aber ein steiniger Weg. Hansjörg Christmann, 37 Jahre lang erfolgreicher CSU-Landrat, ging 2014 aus Altersgründen in den Ruhestand. Als sein Nachfolger wurde in der CSU der damals 40-jährige Jurist auserkoren. Löwl setzte sich in der Partei gegen weitere Aspiranten durch. Er startete eine Ochsentour, stellte sich in den Ortsverbänden des Landkreises vor. Er musste den Rückhalt an der Basis suchen, für die er weitgehend unbekannt war. Bei der Wahl hatte es Löwl mit zwei Konkurrenten zu tun: mit Michaela Steiner (Freie Wähler) und Martin Güll (SPD). Es war klar, dass der Landtagsabgeordnete und Bildungsexperte Güll der größere Gegner von beiden war. Steiner war als Vorsitzende der Erzeugergemeinschaft "Dachauer Land" zwar bekannt, doch in der immer noch von Männern dominierten Welt konnte sie als einzige Frau kaum punkten. Am Wahlabend wurde Löwl dennoch blass: 42 Prozent der Wähler stimmten für ihn, Güll erhielt für die CSU erschreckende 38 Prozent. Die Entscheidung fiel zwei Wochen später in der Stichwahl. Das Kopf-an-Kopf-Rennen blieb bis zum Ende spannend. Mit einem Vorsprung von gut hundert Stimmen entschied es Löwl für sich. Die CSU holte im Landkreis knapp 44 Prozent, die SPD kam auf gut 18 Prozent. Aus heutiger Sicht für die Genossen ein Traumergebnis.

Das Bussystem soll durch tangentiale Linien verstärkt werden, die dann auch besser das Hinterland erschließen.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Die Vorzeichen für die Landratswahl am 15. März haben sich im Vergleich zu 2014 völlig verändert. Löwl hat im Kreistag nicht nur ein kollegiales Klima geschaffen, sondern sich auch einige Meriten verdient. Asylpolitik, Bildung, Verkehrspolitik: In diesen Bereichen hat der Amtsinhaber viel bewegt. Als der Landkreis 2015 Tausende Asylsuchende aufnehmen musste, erwies sich Löwl als Manager, der auch den Menschen im Flüchtling sah. Der Dachauer Landrat war als Gast von Talkshows im Fernsehen gefragt, weil sein Umgang mit dem Thema offenbar bundesweit Eindruck machte. Löwl trieb den Ausbau der weiterführenden Schulen voran. Das vierte Landkreis-Gymnasium wird in Karlsfeld an der Grenze zu München gebaut - in Kooperation mit der Landeshauptstadt. In Odelzhausen ist eine Realschule entstanden, der Schulstandort Markt Indersdorf wurde mit einer Fachoberschule ausgebaut. Jetzt streitet die Kommunalpolitik um den Standort für ein fünftes Gymnasium. Löwl und die CSU stehen hinter Bergkirchen, die Freien Wähler favorisieren Röhrmoos. Die Voraussetzungen erfülle eher die S-Bahn-Gemeinde, sagen Kultus- und Finanzministerium.

Ein steiniges Feld beackert der Landrat auch in der Verkehrspolitik. Tragende Säule eines Gesamtkonzepts ist der Ausbau des Nahverkehrs. Das Bussystem wird mit tangentialen Linien verstärkt, die auch das Hinterland besser erschließen sollen. Die Investitionen kosten den Landkreis Millionen. Das Straßennetz soll unter anderem mit der Nordostumfahrung von Dachau ausgebaut werden. Sie stößt bei Grünen und Naturschützern auf erbitterten Widerstand. Weiteren Gegenwind erhalten Löwl und die CSU im Kreistag vor allem von Sebastian Leiß. Er profiliert sich als ständiger Wadlbeißer. Politische Beobachter hatten schon lange vermutet, dass der 30-Jährige Kreisrat der Freien Wähler Dachau gegen Löwl antreten will. Vor einigen Wochen stellte sich heraus, dass die Vermutung richtig war. Leiß sieht sich gern als Anwalt der Bürger und macht sich für eine serviceorientierte Verwaltung stark. Löwl verhindere mit seiner "übermächtigen Art" eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Mit dieser Ansicht stehen die Freien Wähler Dachau - vielleicht abgesehen von den Grünen - allein da. Leiß spricht sich für einen Generationen- und Stilwechsel aus. Das Durchschnittsalter der Mandatsträger beträgt knapp 60 Jahre. Der Kreistag soll ja nicht zum "Greistag" werden, bemerkt Leiß gelegentlich süffisant.

Die Ausgangssituation für die Landratswahl ist im Vergleich zu 2014 schon deshalb anders, weil sich auf dem Wahlzettel jede Menge Kandidaten drängen. Eine Stichwahl ist daher nicht unwahrscheinlich. Neben Löwl und Leiß treten weitere fünf Bewerber an. Dagmar Wagner hält für die Freien Wähler die Fahne der Frauen hoch. Die 49-jährige Diplom-Agraringenieurin und Erlebnisbäuerin aus Kreuzholzhausen sitzt im Bergkirchener Gemeinderat. Als Geschäftsführerin des Bayerischen Bauernverbandes setzt sie sich für die Interessen der Landwirte ein. Hubert Böck, Kreisrat und zweiter Bürgermeister in Markt Indersdorf, geht für die SPD ins Rennen. Die Kandidatur lief zwangsläufig auf den Rettungsdienstleiter hinaus, weil er Güll als Kreisvorsitzenden beerbte. Geeignetes Personal ist bei der Landkreis-SPD dünn gesät. Nach den Schlappen der jüngsten Wahlen geht es für die Genossen eher um einen Achtungserfolg. Ganz anders sieht die Situation bei den Grünen aus. Seit der Landtagswahl 2018 und der Bewegung für den Klimaschutz spürt die Öko-Partei starken Aufwind. Im Landkreis gibt es jetzt sieben Ortsverbände. Die Partei hat auf dem Land Fuß gefasst und will die Gunst der Stunde nutzen. Die Grünen sind in euphorischer Stimmung. "Wir rocken den Landkreis", ist Landratskandidat Achim Liebl zuversichtlich. Der 60-jährige Kreisrat und Sprecher der Landkreis-Grünen setzt bei der Kommunalwahl auf ein gutes Ergebnis. Als Landratskandidat hängen allerdings die Trauben hoch. Das dürfte auch für den Juristen Hauke Stöwsand gelten, den die ÖDP ins Rennen schickt. Die Partei kann zwar das Volksbegehren Artenvielfalt als Erfolg verbuchen, doch Stöwsand ist im Landkreis noch kaum bekannt. Dass seine Chancen eher gering sind, Landrat zu werden, weiß auch Jonathan Westermeier. Der 27-Jährige kandidiert für die Linke und Die Partei und fordert als Fridays-for-Future-Sprecher einen Politikwechsel nicht nur beim Klimaschutz. Mit seinen langen Rastalocken unterscheidet er sich nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch stark von den Mitbewerbern. Bei einer Podiumsdiskussion des Bauernverbands löste er bei den Besuchern Schmunzeln aus: "Ein linker Landrat in Bayern, das wäre schon was."

© SZ vom 22.02.2020
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