Süddeutsche Zeitung

Kommunalwahl in Dachau:"Das ist die politische Königsdisziplin"

Die Landrats- und Oberbürgermeisterkandidaten stellen sich den Fragen von Vertretern zahlreicher Jugendverbände im Landkreis. Dabei müssen die Politiker nicht nur argumentativ überzeugen, sondern bei verschiedenen Spielen auch Geschicklichkeit beweisen

Von Johanna Hintermeier, Markt Indersdorf/Dachau

Der Jenga-Turm neigt sich fast andächtig ein paar Millimeter zur Seite, er droht einzustürzen - doch er bleibt stehen. Vorerst. Geglückt ist dieser Balanceakt Hauke Stöwsand, dem Landratskandidaten der ÖDP, obwohl er sich an einen Stein aus den untersten Stockwerken gewagt hat. Nun ist er sichtlich erleichtert über sein Geschick und liest die auf dem Holzstück gedruckte Frage vor: "Was würden Sie als neugewählter Landrat als erstes tun?"

Ein Jenga-Turnier um den Posten des Landrats? Nicht ganz. Vielmehr spielten die fünf Landratskandidaten und eine Kandidatin beim Informationsabend zahlreicher Jugendverbände in Markt Indersdorf um die Gunst junger Wähler im Landkreis. SPD-Kandidat Hubert Böck blieb krankheitsbedingt fern. Zu zwei Veranstaltungen anlässlich der Kommunalwahl hatte der KJR gemeinsam mit dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend, den Jugendräten aus Bergkirchen, Dachau und Weichs sowie der Bayerischen Sportjugend eingeladen. Neben den Landratskandidaten, die in Markt Indersdorf Rede und Antwort standen, diskutierten die Dachauer Oberbürgermeisterkandidaten im Ludwig-Thoma-Haus.

Der Politikwissenschaftler Robert Philippsberger führte durch beide Abende. "Politik und Jugend zusammenzubringen - das ist die Königsdisziplin", so Stefanie Steinbauer, pädagogische Mitarbeiterin des KJR. Und obwohl die Reihen mit älteren Parteimitgliedern gut besetzt waren, mischten sich nur eine Handvoll wahlberechtigte junge Erwachsene darunter - vielleicht wegen des schlechten Wetters oder der Vorsicht in Zeiten des Coronavirus.

Dabei war das Diskussionsformat aufwendig und ansprechend gestaltet. Unter dem Hashtag #ichhabDAHmalneFrage sammelten die Veranstalter im vorhinein Fragen der Jugendlichen über soziale Netzwerke wie Instagram. Jeder Kandidat zog dann in der aktiven Fragerunde eine Frage aus dem Jenga-Turm heraus oder versuchte, bei "Vier gewinnt" die bunten Bierdeckel in einer Reihe zu stapeln. Einige der Fragen wiederholten sich in der Sache, das Hauptaugenmerk lag auf Jugendzentren, einem jugendfreundlicheren ÖPNV, der Ausstattung an Schulen und Klimaschutzmaßnahmen.

Welche Antworten haben die Politiker auf die Fragen der jungen Wähler? Naturgemäß ist gerade in der Kommunalpolitik die Frage "Wer ist dafür eigentlich zuständig?" entscheidend für die Finanzierung und Durchführung politischer Zukunftsprojekte. Da helfen Versprechen im Wahlkampf wenig, wenn am Ende der Freistaat oder der Bund entscheiden. Tatsächlich schienen aus beiden Abenden jene Politiker als Gewinner hervorzugehen, die den Mut hatten, dem jungen Publikum komplexe Sachverhalte als solche darzustellen und sich nicht zu Vereinfachungen hinreißen ließen.

Etablierte Kommunalpolitiker wie Achim Liebl (Grüne), Sebastian Leiß (FWD) und der amtierende Landrat Stefan Löwl (CSU) profitierten dabei von ihrer Erfahrung im Kreistag. Die Frage, wie man trotzdem jugendnah und lässig vor dem jungen Publikum auftreten wolle, beantworten alle unterschiedlich. Dagmar Wagner (FW) präsentierte sich als Macherin und spickte viele ihrer Antworten mit eigenen Erfahrungsberichten: "Ich lebe selbst in einem Funkloch bei Bachern." Das Handy gehört für Wagner zur menschlichen Grundversorgung. Jonathan Westermeier (Linke/Die Partei) punktete mit ehrlicher Frustration über den Zustand der Schulen ("unter aller Sau") und mit langfristigen Visionen für einen klimaneutralen Landkreis bis 2030. Die Konzepte, Dachau zu einem Innovationsstandort zu entwickeln, blieben vage. Hauke Stöwsand sieht seinen möglichen ersten Taten als Landrat durchaus entspannt entgegen: "Ich bin Jurist, ich brauche mich nicht einarbeiten", witzelte er.

Die 15-jährige Paula Heller aus Altomünster war nach der Runde dennoch unzufrieden: "Ich weiß jetzt weniger als davor, wen ich wählen würde", sagte sie. Aber müssen sich Politiker für ein junges Publikum wirklich verstellen? Die Ignaz-Taschner-Gymnasiasten Theo Böhm, Maximilian Gahr und Kilian Handeder, alle 15 Jahre alt, bemerkten nach der OB-Kandidatenrunde, man müsse ja nicht immer nur "JUZ (Jugendzentrum; Anm.. der Red.) schreien". Jugendlichen sei mehr politisches Verständnis und Interesse außerhalb ihrer eigenen Belange zuzutrauen. Zugegebenermaßen war das anwesende junge Publikum aber auch überdurchschnittlich informiert über die Geschehnisse im Landkreis, wie auch Leon Marx (17) und Moritz Lange (17), die durch ihr Engagement im Jugendrat Weichs schon die Zusammenarbeit mit Landrat und den Gemeinden kennen.

Vielleicht waren also Peter Strauchs (CSU) und Peter Gampenrieders (ÜB) Ansätze, mit eher trockenen Themen wie Haushalt und Gewerberaumnutzung für eine finanziell abgesicherte Zukunft zu werben, gar nicht verkehrt. Dafür fiel es dem konservativen Lager, zu dem auch Wolfgang Moll (Wir) zählt, eher schwer, sich innerhalb des eigenen Lagers differenziert zu positionieren. Etwa wenn der städtische Haushalt kritisiert oder das fehlende unternehmerische Denken im Rathaus beklagt wurde. OB Florian Hartmann (SPD) konnte sich auf seine gefestigten Beziehungen zu den Jugendräten und dem JUZ stützen, er forderte außerdem eine Ausweitung des Jugendfreizeittickets für die örtlichen Busse. Der 31-jährige Kandidat der Freien Wähler Dachau, Markus Erhorn, setzte auf die Karte "Ich bin einer von Euch" und warb in gleichem Duktus wie sein Parteikollege Leiß mit einer Förderung von Jugendkulturräumen und digitalem Unterricht.

Über ein Online-Tool konnten die Besucher der Veranstaltung die Redebeiträge der Kandidaten gleich kommentieren mit den Optionen "Verstehe ich gut", "Bitte noch besser erklären" und "Zu ungenau". So entwickelte sich nebenbei ein spielerischer Wettbewerb, welche Partei im Saal am schnellsten abstimmte. Die Junge Union war vorne mit dabei, aber auch dem Bündnis für Dachau rutschten wohl oft die Finger zu früh aus, wenn ein Redebeitrag bewertet wurde, bevor der Kandidat überhaupt zu reden begonnen hatte.

Obwohl die Kommunalwahl kompliziert ist und die Mobilisierung der Jugend für lokale politische Themen offensichtlich eine große Herausforderung bleibt, wurde bei beiden Veranstaltungen deutlich, dass der Ausgang der Wahl den Alltag der jungen Menschen spürbar beeinflussen wird.

Den Jenga-Turm brachte übrigens Sebastian Leiß nach siebzig Minuten Fragespiel zum Einstürzen. Bei "Vier gewinnt" holte sich das Team Moll-Gampenrieder-Strauch den Sieg. Bleibt abzuwarten, ob dies Vorzeichen für den Wahlsonntag sind.

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Quelle:
SZ vom 13.03.2020
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