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Kommentar:Vom Weg abgekommen

Der israelische Staatspräsident kommt nach Dachau um für die Völkerverständigung zu werben. Stadt- und Kreispolitiker haben an einem Austausch mit Israel fast kein Interesse mehr

Nein, es geht, pardon, einmal nicht um Dachau, sein Wohl und Wehe in der Welt. Aber die Stadtpolitiker könnten den Besuch des israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin zum Anlass nehmen, ihre Entscheidung in nicht öffentlicher Sitzung gegen einen Beitrag zur Vertiefung der deutsch-israelischen Beziehungen zu überprüfen. Es ging um einen Austausch zwischen Dachauer und israelischen Künstlern, dem der Zeitzeuge Abba Naor gerne den Weg bereitet hätte. Auch wird es keine Kooperation zwischen dem Amperklinikum und dem Kaplan Medical Center im israelischen Rehovot geben - weil sich das für den Helios-Konzern nicht in der Rendite niederschlagen würde. Aufsichtsratsmitglied Landrat Stefan Löwl (CSU) hat das geschluckt - dafür wurde jetzt beim Volksfestbesuch der Delegation des polnischen Partnerlandkreises Oświęcim eine Klinikkooperation begründet. Das Lachen über solche kommunalpolitischen Kapriolen bleibt einem im Hals stecken - angesichts der bedrohlich antidemokratischen Entwicklung im Land. Gerade Dachau, das für sich reklamiert, ein Lernort zu sein, müsste vorne stehen, um den Anfängen zu wehren - zum Beispiel dadurch, dass die Kommunalpolitik den Weg der Freundschaft mit Israel weiter verfolgt, den der frühere Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU) eingeschlagen hat. Aber seiner eigenen Partei scheint es damit so ernst nicht gewesen zu sein.

Rivlins Dachau-Besuch fällt in eine Zeit der Angst - für die jüdischen Gemeinden in Deutschland. Die Zunahme rechtspopulistischer Bewegungen in Europa, eine steigende Zahl antisemitisch motivierter Übergriffe und Attacken auch in Bayern und Deutschland zwingt Juden in diesem Land - von dem der Massenmord ausging - abermals zu der demütigenden Frage, ob sie hier noch erwünscht sind. "Jude" ist in Deutschland wieder zu einem Schimpfwort geworden, jüdische Schulkinder werden von Klassenkameraden gemobbt - und eine völkischnationale Partei wie die AfD sammelt auch in Dachau Stimmen. Der Antisemitismus ist Umfragen zufolge in der Mitte der Gesellschaft angekommen - was dabei ausgeblendet wird: Er kam immer aus der Mitte der Gesellschaft.

Die politischen Eliten, Medien, Kulturschaffende und Pädagogen haben versagt. Das müssten sie sich erst einmal eingestehen, sofern sie denn diese unheilvolle Entwicklung wirklich aufhalten wollen; das setzt auch voraus, dass man - auch in Dachau - der schon obsessiven und verzerrenden Kritik an Israel entgegentritt, einem Staat, der um das Überleben seiner 8,5 Millionen Bürger kämpft und dabei auch Fehler macht. Aber die scheinheilige Israelkritik ist nichts anderes als neue Nahrung für den alten Antisemitismus. Insofern geht es doch auch um Dachau.