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Kommentar:Reparaturbetrieb der Gesellschaft

Die Hilfe durch das Jugendamt wird nicht mehr als Stigmatisierung empfunden. Doch mehr als eine Reparaturleistung kann die Arbeit der Sozialpädagogen nicht sein

Was wollen wir mehr? Die Arbeitslosigkeit im Landkreis Dachau pendelt seit Jahren auf sehr geringem Niveau. Kaum anders verhält es sich mit der Jugendarbeitslosigkeit. Fast jeder Schulabgänger, der ernsthaft an einem Ausbildungsplatz interessiert ist, findet auch einen. Im Gegenteil, die Kammern schlagen Alarm, dass ihnen die Lehrlinge ausgehen.

Das ist die eine Seite. Andererseits steigen im Landkreis Dachau die Kosten für den Jugendhilfeetat beständig an. Von 14 Millionen Euro im vergangenen Jahr auf nun fast 15 Millionen Euro. Wie kann das zusammenpassen? Denn wo fast materielle Glückseligkeit herrscht, da können eigentlich keine nennenswerten Kosten für das seelische Wohlbefinden entstehen? Können doch. Die aktuellen Zahlen des Sachgebiets für Jugend- und Familienhilfe belegen es. Und die Zahlen drücken nichts anderes aus, als dass immer mehr Familien, immer mehr Alleinerziehende dem permanenten Druck, hier Arbeit, da Kindererziehung, nicht mehr gewachsen sind. Die steigenden Fallzahlen sind aber gleichzeitig Ausdruck dafür, dass die Hilfe durch Sozialpädagogen des Jugendamtes nicht mehr als Stigmatisierung empfunden wird. Wer früher mit dem Jugendamt zu tun hatte, der galt, wenn nicht als asozial, so doch als ziemlich verdächtig. Und nichts war schlimmer als die Fürsorge im Hausflur oder an der Haustür.

Gott sei Dank, die Zeiten und die Einstellungen haben sich auch hier geändert. Die sozialpädagogische Dienstleistung wird nicht mehr als unangenehm empfunden. Sie wird, wenn notwendig, wie selbstverständlich in Anspruch genommen. Das ist auch in Ordnung. Dennoch muss jedem von uns klar sein, dass diese sozialpädagogische Dienstleistung nicht mehr ist als eine Reparaturleistung, die das in Ordnung bringen soll, wo die Gesellschaft leider versagt hat, beziehungsweise wo es die Gesellschaft versäumt hat, rechtzeitig entgegenzusteuern. Zum Beispiel in der Arbeitswelt, aber auch in der Schule.

© SZ vom 24.03.2015
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