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Kommentar:Kein Ort für einen Dialog

Der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad will in Dachau einen Dialog führen, provoziert aber nur einen Protest

Die Rechnung der AfD ging nicht auf: Der bekannte Islamkritiker Hamed Abdel-Samad sollte die Partei aus ihrem Schattendasein in Dachau hinausführen. Doch seit Jahrzehnten gab es keine so machtvolle Demonstration von Bürgern gegen Rechtspopulismus und Ausländerhass mehr wie an diesem Mittwochabend vor dem Thomahaus. Die sogenannte Herbstoffensive der AfD ist in Dachau gescheitert - die Zivilgesellschaft hat deutlich gemacht, dass Asylgegner in der Stadt keinen Boden gewinnen können. Und drinnen im Saal appellierte Abdel-Samad an seine Gastgeber, hetzerische und gefährliche Parolen wie "Deutschland den Deutschen" doch bitte zu unterlassen. Der Schriftsteller distanzierte sich von der AfD. Es bleibt aber ein bitterer Beigeschmack: Abdel-Samad ließ sich von einer Partei instrumentalisieren, die sich seit ihrer Spaltung im Juli immer weiter rechts positioniert. Auch wenn ihr Landesvorsitzender an diesem Abend kalkuliert liberal auftrat.

Doch die "Chance für einen Dialog", die Abdel-Samad beschwor, sein Appell für Meinungsfreiheit und Wandlungsfähigkeit des Menschen wurden nicht aufgegriffen. Die stellvertretende AfD-Kreisvorsitzende Linda Amon verwehrte Demonstranten den Zutritt zum Saal; das hatte Abdel-Samad hinter der Bühne nicht mitbekommen. Er begrüßte die Antifa-Mitglieder, die in die Veranstaltung gelangt waren, und lobte ihr Engagement für die Willkommenskultur - zu manch verkniffener Miene von AfD-Mitgliedern. Die AfD wollte doch Islamkritik hören - weil sie dem Irrtum aufsitzt, Abdel-Samad bestätige ihre Vorurteile. Aber Abdel-Samad analysiert den radikalen Islam, der sich ebenso auf den Propheten berufen kann wie säkulare Muslime, und nichts liegt ihm ferner, als gegen die Flüchtlinge zu hetzen.

Deshalb wirft der Empfang, den ihm die Demonstranten bereiteten, auch Fragen auf. Die angekündigte stille Mahnwache verwandelte sich in einen bedrohlichen Tumult. Eine große Gruppe rückte dem Autor gefährlich auf den Leib. Sprechchöre und die Beschimpfung als "Faschist" sind kein Weg der politischen Auseinandersetzung und dumm obendrein. Apropos Wandlungsfähigkeit: Die Antifa-Mitglieder im Saal klatschten Abdel-Samad am Ende dann stehend Beifall. Auch die AfD klatschte - wenngleich aus völlig anderen Motiven.