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Kommentar:Dialog auf Augenhöhe

Wenn es Probleme mit Flüchtlingen gibt, sind nicht Sanktionen das Mittel der Wahl, sondern das Gespräch mit den Betroffenen.

Durch Vorfälle wie den in der Karlsfelder Flüchtlingsunterkunft mögen sich diejenigen bestätigt fühlen, die ohnehin Ressentiments gegenüber Asylsuchenden haben. Auch wenn sie daraus falsche Schlüsse über "die" Flüchtlinge ziehen, es dürfte schwer sein, zu ihnen durchzudringen und sie vom Pegida-Wahn zu erlösen. Dennoch: Aggressive Ausbrüche einzelner, sofern es sich in diesem Fall tatsächlich um einen Flüchtling handelte, sind aus der dramatischen Lebenslage der Menschen zu erklären. Erinnern wir uns an die Fernsehbilder der im Mittelmeer Ertrunkenen, an die Qualen der Menschen auf dem Landweg und die Bilder der Zerstörung in ihren Heimatländern. Sie kommen zum Teil traumatisiert im Landkreis an, leben in ständiger Sorge um ihre Angehörigen, die zurückblieben, und in der Angst, ob und welche Zukunft sie noch haben. In diesem Zustand finden sie sich dann in Massenunterkünften wieder - ohne Privatsphäre, zusammengepfercht mit fremden Menschen, mit denen sie nur eines verbindet, dass sie alle Flüchtlinge sind.

Neben der Beschaffung von Unterkünften, der Versorgung der Menschen und ersten Maßnahmen zu ihrer Integration kommt der Kommunalpolitik auch die Aufgabe zu, um Verständnis für die Flüchtlinge zu werben - Landrat Löwl hat im aktuellen Fall sofort die richtige Entscheidung getroffen. Es sollen künftig in den Massenunterkünften Sprecher gewählt werden, die Nöte und Sorgen der Bewohner gegenüber den Behörden artikulieren. Das gibt den Flüchtlingen, die sich häufig nicht auf Englisch, geschweige denn Deutsch, verständigen können, das Gefühl, auf ihre Situation Einfluss nehmen zu können, wenn sie denn gehört werden. Das gibt aber auch der Bevölkerung das Gefühl, dass die Behörden mit auftretenden Problemen umgehen können - Dialog auf Augenhöhe und Verständigung sind der bessere Weg als Sanktionen gegen Flüchtlinge, die der Landrat kürzlich im ZDF-Morgenmagazin gefordert hat. Sanktionen lösen die Probleme der Hygiene oder der Aggression der Menschen - zumal geht es hier nur um einen geringen Teil - nicht. Der Dachauer CSU-Vorsitzende Tobias Stephan hat ein Zeichen für die Zukunft gesetzt: Auf seine Einladung sprach der Bundestagsabgeordnete Bernd Fabritius beim Ehrenabend der CSU: Er forderte mehr Empathie für die Flüchtlinge und warnte davor, nicht in die gleichen Fehler wie gegenüber den Heimatvertriebenen nach 1945 oder später den "Gastarbeitern" zu verfallen. Viele der Vertriebenen, die in Dachau eine neue Heimat fanden, erinnern sich noch gut daran, wie sie in den ersten Jahren als "Gesindel" abgelehnt wurden. Nur im Dialog kann die Integration gelingen - und die Politiker müssen dabei ein Vorbild geben.

© SZ vom 21.11.2015
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