Respektvoll streicht Roland Götz mit seinen weißen Baumwollhandschuhen über die Seiten einer Pergamenthandschrift aus dem Jahr 1486. Dieses Antiphonar und Graduale (liturgisches Gesangbuch) ist einer der Schätze, die nach der Auflösung des Birgittenklosters Altomünster vor rund zehn Jahren in den Besitz von Archiv und Bibliothek des Erzbistums München und Freising übergegangen sind. Die Handschrift entstand zu einer Zeit, als in Altomünster noch Benediktinerinnen beheimatet waren, erst 1497 zog der Birgittenorden ins Kloster ein. Götz, stellvertretender Leiter von Archiv und Bibliothek des Erzbistums, weiß genau, welchen Schatz er in Händen hält.
Schließlich war er nach der Schließung des Klosters für sämtliche Bücher und Archivalien aus dessen Beständen zuständig. Nun werden diese gedruckten und handgeschriebenen Klosterschätze erstmals wieder präsentiert. Bis dahin war es jedoch ein langer und mühsamer Weg, wie Götz bei einem Besuch erzählt. Nach der Übernahme des Klosters durch die Erzdiözese habe er zwar einen Bibliotheks- und einen Archivraum vorgefunden, aber auch an vielen anderen Stellen hätten sich Unterlagen angesammelt. Letztlich fanden sich 4600 Werke, davon rund 650 Handschriften und Drucke aus der Zeit vor 1803 sowie 370 jüngere Handschriften plus etliche Archivalien. Sie alle galt es, Blatt für Blatt zu sichten, zu reinigen, auf mögliche Schäden zu untersuchen und diese in weiteren Arbeitsgängen zu beheben.
Auf die Frage, ob es viele dieser schweren Schäden gegeben habe, sagt Götz, man habe den Beständen schon angemerkt, dass Bücher und Archivalien lange gestanden hätten, ohne wirklich genutzt zu werden. Das sei nicht zuletzt dem Alter der letzten Bewohnerinnen und dem riesigen Klosterensemble geschuldet gewesen. Doch damit nicht genug. Es galt, die Bestände zu ordnen, sie in die vorhandenen Archiv- und Bibliothekssysteme zu integrieren, sie sicher und vor Umwelteinflüssen geschützt aufzubewahren und sie zu digitalisieren, sodass sie heute weltweit zugänglich sind.
„Das war schon eine längere Arbeit“, sagt Götz, womit er vermutlich ein wenig untertreibt. Denn er betont immer wieder, dass die Bestände des Birgittenklosters Altomünster einzigartig „und ein großer Zugewinn“ seien. Ein Zugewinn, der der Diözese einiges an Geldmitteln abverlangt hat. „Irgendwo im sechsstelligen Bereich“, sagt Götz diplomatisch.

Wie gut dieser Betrag angelegt ist, lässt sich an rund 25 ausgewählten Dokumenten am Samstag, 7. März, dem Tag der Archive, im barocken Lesesaal von Archiv und Bibliothek des Erzbistums in der Karmeliterstraße 1 in München erleben – und dann von Sonntag, 15. März, an im Klostermuseum Altomünster, mit mehr als 80 Dokumenten. Gezeigt werden unter dem Titel „Beten. Backen. Bauen“ kostbare Handschriften, Bücher und Archivalien zum geistlichen und Alltagsleben der Ordensfrauen und – bis zur Säkularisation 1803 – auch Ordensmänner in Altomünster.
Beide Ausstellungen kuratiert Roland Götz. So gibt es etliche geistliche Werke zu sehen – und einiges über ihre Geschichte zu hören. Götz erzählt beispielsweise, dass es vom gedruckten birgittinischen Brevier aus dem Jahr 1697 immer noch etliche ungebundene Druckfahnen gibt, weil der damalige Prior Simon Hörmann das unverzichtbare Werk gleich für kommende Nonnen- und Mönchsgenerationen mitdrucken ließ.

Selbstredend gibt es in den beiden Schauen auch wichtige Urkunden zur Klostergründung. Ein aufschlussreiches Dokument aus dem Jahr 1488 zeigt, wie Ritter Wolfgang von Sandizell, der Laienbruder im Birgittenkloster Maihingen war, sich in Rom für die Übertragung des (Noch-)Benediktinerinnenklosters Altomünster an den Birgittenorden einsetzte – und den künftigen Nonnen und Mönchen gleich mehrere Reliquien für ihre Niederlassung schenkte. Ein weiteres unverzichtbares Dokument ist das Schreiben, mit dem Bayernkönig Ludwig I. die Wiedererrichtung des Klosters als reinen Frauenkonvent im Februar 1841 genehmigt.

Doch wie gestalteten die in strenger Klausur und über Jahrhunderte autark lebenden Birgittinnen ihren Alltag? Auch darüber geben etliche Dokumente Aufschluss – von Aussteuerlisten, die genau regelten, was die künftigen Novizinnen beim Klostereintritt mitzubringen hatten, über Speisepläne und Rezeptbücher bis zu akribischen Aufgabenbeschreibungen und Ausgabenrechnungen. Die sogenannte Aussteuer – schließlich waren die Nonnen Bräute Christi – umfasste neben unterschiedlichen Stoffen, Wäsche und Leibwäsche auch Alltagsgegenstände wie Teller, Krüge und Mobiliar. Die Speisepläne waren – solange Altomünster ein Doppelkloster war – säuberlich in Gerichte für den Frauen- und den Männerkonvent getrennt. An den nicht gerade wenigen Fastentagen gab es zudem, modern ausgedrückt, ovo-lakto-vegetarische Gerichte, also solche mit Milch und Eiern und rein vegane.

Viele Ausgabenbelege sind ebenfalls erhalten. So weiß man, welches Jahreshonorar der große Baumeister Johann Michael Fischer für seinen barocken Kirchenbau erhalten hat. Nachzulesen ist das alles in der Präsentation und der Ausstellung „Backen. Beten. Bauen“ in München und in Altomünster.
Die Schätze des Klosters Altomünster sind am Samstag, 7. März in der ehemaligen Karmeliterkirche München in der Karmeliterstraße 1 zu sehen, ab 10 Uhr finden dort stündliche Führungen statt. Insgesamt gibt es in und um München am Samstag und Sonntag, 7. und 8. März, 18 Veranstaltungen zum Archivtag, der unter dem Motto „Alte Heimat – neue Heimat“ steht. Eine Übersicht mit Karte und Öffnungszeiten ist unter www.vda.archiv.net/tag-der-archive/ auf der Website des Verbands deutscher Archivarinnen und Archivare zu finden.

