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Klinikpersonal:Dankesschreiben

Interview Dr. Kachel

Gunther Kachel sagt, dass er das Nebeneinander aus verschiedenen Anforderungen nicht mehr will. "Da ist es ratsam, rechtzeitig zu gehen."

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Nach 27 Jahren verlässt Chefarzt Gunther Kachel das Klinikum in Dachau und die Abteilung für Innere Medizin. Ein Gespräch über Diagnostik, Technik, Heilen und Empathie

Gunther Kachel ist ein Arzt, dem man unvermittelt und irgendwie dringend die eigene Geschichte erzählen will. Vielleicht liegt es daran, dass er seine Hände in den Schoß legt, sich sitzend vorbeugt und einen eindringlich erwartend anschaut. Mit Sicherheit schafft sein weicher Tonfall, der durch den Dialekt der früheren Heimat um Heilbronn geprägt ist, zusätzlich das Gefühl anheimelnder Vertrautheit im sonst sachlich-nüchtern eingerichteten Büro. Gunther Kachel leitet die Innere Medizin 2 am Dachauer Klinikum seit 27 Jahren. Er kam mit 37 Jahren hierher und wohnt seitdem mit der Familie in Schwabhausen.

Das Problem an diesem Spätnachmittag ist nur, dass der Arzt der Interviewte sein soll. Es gilt, seine Geschichten und Anekdoten zu erfahren. Denn am 30. November dieses Jahres geht er in den Ruhestand. Am 28. Dezember wird er 65 Jahre alt. Er hat drei Jahrzehnte lang Klinikgeschichte in Dachau miterlebt und mitgestaltet. Es war ein Weg, der von der finanziell bankrotten kommunalen Klinik unter der Federführung des Landkreises zu einem Unternehmen geführt hat, das seit mehr als zwei Jahrzehnten profitabel arbeitet. Seit eineinhalb Jahren ist es Teil des größten Gesundheitskonzerns in Deutschland, der SE Fresenius. In diesem Gefüge gehört es zu der Fresenius Helios-Kliniken GmbH.

Diesen Aspekt seines beruflichen Werdegangs streift Gunther Kachel zurückhaltend kurz, aber präzise. Er verbindet ihn mit drei Namen und drei Charakterisierungen: Krankenhausdirektor Leo Greska leitete die beiden Häuser in Dachau und Markt Indersdorf im Stil eines Regiments. Nachfolger Uwe Schmid war "missionarisch". Er setzte seine Idee konsequent durch und begründete damit den Erfolg. Bernward Schröter war der "Charismatiker", der die Mitarbeiter für sich und seine Konzepte einzunehmen wusste. Die aktuelle Entwicklung unter Helios vermag er nicht mehr einzuschätzen. Denn erst eineinhalb Jahre nach dem Verkauf an Helios zeichnet sich eine gemeinsame Strategie mit dem zweiten Aktionär, dem Landkreis Dachau, ab. Insofern ist Gunther Kachel erleichtert, sein Klinikum zu einem Zeitpunkt neuer Perspektiven zu verlassen.

Aber warum hört er auf, wo sich aus seiner Sicht doch ein neuer Aufbruch abzeichnet? Gunther Kachel sagt, dass er genau spürt, wie er die Leitung der Abteilung mit immerhin elf Assistenzärzten und fünf Oberärzten, wie er dieses Nebeneinander aus verschiedenen Anforderungen nicht mehr will. "Ich merke auch, dass ich sie vermutlich bald nicht mehr schaffe. Da ist es ratsam, rechtzeitig zu gehen." Damit wäre der Schritt in den Ruhestand hinreichend erklärt.

Das Gespräch erreicht jetzt die Ebene des Rückblicks, des Nachdenkens, die direkt ins Medizinische hineinführt. Daraus entsteht eine Art Vermächtnis, das ihn schließlich selbst überwältigt. "Aber ich spüre auch", sagt Gunther Kachel, "dass ich als Arzt im Alter immer besser wurde." Die Einschätzung betrifft die Diagnostik. Früher, erzählt Kachel, war die Innere Medizin ein Feld, bei dem der Arzt auf Vermutungen angewiesen war oder auf direkte klinische Hinweise. Durch die technische Entwicklung der Computertomografie und der Endoskopie, also der Durchleuchtung des Körpers, hat die Innere Medizin in den vergangenen drei Jahrzehnten enorm an Qualität gewonnen.

Das Naturwissenschaftliche an seinem Beruf fasziniert ihn. Deswegen hatte er während der Studienzeit parallel zur Medizin noch Chemie studiert und sich schließlich doch gegen die Forschung entschieden. Der Kurswechsel ist bei Gunther Kachel nicht verwunderlich. Denn er hätte auf einen wesentlichen Aspekt seiner Arbeit verzichten müssen: auf das Gespräch mit den Patienten und auf die Empathie. "So gut die Diagnostik geworden ist, sie hängt immer noch am Menschen." Damit meint Kachel beide Seiten: den Arzt und den Patienten. "Gute Medizin muss den Menschen erreichen, im Gespräch und in den Emotionen." Der Arzt muss sich fragen: "Wo steht der Mensch, was will der Kranke für sich haben?" Denn: "Jeder hat sein eigenes Verständnis von Gesundheit und Krankheit." Und davon hängt schließlich ab, ob sich ein Patient geheilt fühlt. Diese "psychisch-seelische Dimension" ist für ihn Teil einer "wunderbaren Trias" mit Diagnostik und Therapie.

In den vergangenen 28 Jahren hat er die Innere Medizin in vier Einzelbereiche aufgegliedert. Neben den klassischen Schwerpunkten der Gastroenterologie gibt es den Bereich für Diabetes und Stoffwechselerkrankungen, dazu einen für Onkologie und einen für Palliativmedizin. Stolz ist er auf alle. Aber die Begleitung von Sterbenden an den beiden Kliniken in Dachau und Indersdorf gemeinsam mit dem ambulanten Palliativdienst in Dachau empfindet er geradezu als Durchbruch. Denn hier ist ein fachübergreifendes Team entstanden, das in alle medizinischen Bereiche gerufen wird.

Jetzt brechen die Emotionen bei Gunther Kachel durch. Denn er erzählt vom internen Abschiedsfest, auf dem das ganze Klinikum seine innere Verbindung mit ihm dokumentierte. "Alle waren da." Pflegekräfte wie Ärzte. Gunther Kachel hebt zu einer Dankesrede an: "Ich möchte Dank sagen zu den Mitarbeitern und dem ganzen Klinikum. Ich möchte auch Dank sagen zu den Patienten, denen wir helfen konnten. Es ist nicht bei allen gelungen. Und bei einigen habe ich auch Fehler gemacht. Aber dass sie mir trotzdem eine Chance gegeben haben und den weiteren Weg mit mir gegangen sind, dafür muss ich danken."

Bleibt nur die Frage: Wollen Sie wirklich als Arzt aufhören? Andere ehemalige Chefärzte haben sich Praxen auch in Dachau angeschlossen. Immerhin hat er im Laufe der vergangenen 27 Jahre viele Mediziner ausgebildet, die sich in Stadt und Landkreis niedergelassen haben. Gunther Kachel sagt: "Ich weiß es noch nicht. Ich habe noch nicht wirklich darüber nachgedacht."

Sein Nachfolger in Dachau wird Privatdozent Norbert Grüner, der bisher in Großhadern tätig war. An seiner Wahl war Gunther Kachel maßgeblich beteiligt: "Eine gute Entscheidung."