Kirchenaustritte Ohne uns

Bis Anfang November sind im Landkreis schon mehr Menschen aus der Kirche ausgetreten als im gesamten vergangenen Jahr. Das kann am Limburger Bischof liegen - aber auch an der Steuererklärung.

Von László Dobos

Sankt Jakob in Dachau ist eine der größten katholischen Kirchen im Landkreis. Nach den vielen Austritten im Oktober dürften dort bei Gottesdiensten mehr Plätze frei sein.

(Foto: Jørgensen)

Der bundesweite Trend zu mehr Kirchenaustritten schlägt sich auch im Landkreis Dachau nieder. In der Gemeinde Karlsfeld sind seit Jahresanfang bis zum 11. November 2013 insgesamt 111 Menschen aus der katholischen und der evangelischen Kirche ausgetreten. 2012 waren es insgesamt nur 100 Austritte. Das Standesamt Markt Indersdorf betreut neben Markt Indersdorf die Gemeinden Petershausen, Weichs, Vierkirchen und Röhrmoos. In diesen Gemeinden entschieden sich in diesem Jahr bis zum 11. November 133 Menschen für den Austritt aus der katholischen und der evangelischen Kirche. 2012 waren es noch 122 Bürger. Das Standesamt Dachau, welches auch für Hebertshausen und Haimhausen zuständig ist, registrierte bis zum 11. November 294 Austritte. Damit liegen die Zahlen minimal unter dem Wert von 2012. Damals verließen 300 Personen die Kirchen. In der Gemeinde Altomünster wurden die 26 Austritte von 2012 in diesem Jahr bis zum 11. November um bereits drei Austritte übertroffen.

"Jeder Austritt ist einer zu viel", kommentiert Stefan Hauptmann, Leiter des Pfarrverbandes Markt Indersdorf, die Austrittszahlen, wenngleich er wenig überrascht ist. Im vergangenen Jahr seien relativ wenige Personen ausgetreten, insofern sei mit einem Anstieg zu rechnen gewesen. Hauptmann versucht die Kirche attraktiv zu halten, indem er gesellschaftliche Veränderungen aufgreift. "Wir wollen die Zeichen der Zeit wahrnehmen, zunächst ganz ohne Wertung." Zum Beispiel wolle man Patchworkfamilien - aus katholischer Sicht noch immer eine schwierige Lebensform - mehr Entgegenkommen zeigen.

"Durch die Vorfälle in Limburg sehe ich im Indersdorfer Pfarrverband keine eklatante Zunahme der Austritte", sagt er. In diesem Oktober sei nur eine Person mehr ausgetreten als im vergangenen Oktober. Hauptmann spielt damit auf die Affäre um den 31 Millionen Euro teuren Umbau der Residenz für den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst an. Nach Berichten des Westdeutschen Rundfunks (WDR) und des Bayerischen Rundfunks (BR) haben an vielen Orten in Nordrhein-Westfalen und Ostbayern die Kirchenaustritte im Oktober stark zugenommen. Im Oktober erreichte die Affäre ihren Höhepunkt, der Limburger Bischof war Dauerthema in den Nachrichten.

Der Sprecher der katholischen Reformbewegung "Wir sind Kirche", Christian Weisner, zeigte sich über die Zahlen betrübt. "Jeder Kirchenaustritt ist bedauerlich. Derzeit besonders, da es bei Papst Franziskus deutliche Zeichen für Reformen gibt." Allerdings sei dieser Reformkurs bei den deutschen Bischöfen wohl noch nicht ganz angekommen. "Und die Leute sehen keine andere Form des Protests, als aus der Kirche auszutreten." Weisner vermutet zudem, dass "der Limburg-Effekt auch in Bayern durchschlägt".

Anders als im Pfarrverband von Stefan Hauptmann, sind in anderen Gemeinden im Landkreis die Austrittszahlen im Oktober deutlich gestiegen. Im Standesamtbezirk Dachau vervierfachte sich die Zahl im Vergleich zum Vorjahr von zehn auf 42, in Altomünster immerhin von null auf sieben. Auch im Standesamtbezirk Markt Indersdorf, der ein wesentlich größeres Gebiet umfasst, als den Pfarrverband von Markt Indersdorf, verließen im September neun Personen die katholische Kirche, im Oktober waren es 15. Allerdings sehen nicht alle darin einen Zusammenhang zum Limburger Bischof. Karin Förg, die Leiterin des Standesamtes Dachau, vermutet einen weitaus profaneren Grund als moralische Empörung. Nach ihren Erfahrungen ist es normal, dass gegen Jahresende die Kirchenaustritte mehr werden. Dann nämlich werden die Steuerbescheide verschickt, die den Bürgern vor Augen führen, wie viel sie jährlich an die Kirche zahlen. Bei einigen führt das offenbar zum sofortigen Wunsch, diese Kosten einzusparen. Das Erzbistum München teilt diese Vermutungen.

Dem widerspricht, dass die Zahl der Austritte aus der evangelischen Kirche kaum angestiegen ist. Im Standesamtbezirk Markt Indersdorf gab es im September vier Austritte, im Oktober fünf. In Dachau stieg die Zahl der evangelischen Austritte von zehn auf 14.

Die Berichte über Tebartz-van Elst belasten auch die katholischen Organisationen. Viele Spender stellten dem Caritasverband der Erzdiözese München kritische Fragen, sagt Sprecherin Monika Huber. Der Leiter des Caritasverbandes Hans Lindenberger ging deshalb in die Offensive. Er fasste Eckpunkte der Verbandsfinanzen in einem Brief zusammen und schickte diesen am Mittwoch und Donnerstag an Mitarbeiter und Spender. Dies soll als Hilfestellung bei Kritik dienen, denn Lindenberger sei die "kritische Diskussion" lieber, als die "innere Kündigung der Solidarität".