Kirche und Gesellschaft im Dialog "Begegnung ist unser Leitbild"

Vor 50 Jahren wurde das Dachauer Forum gegründet. Geschäftsführerin Annerose Stanglmayr und Vorsitzender Anton Jais sprechen über die Bedeutung des kirchlichen Bildungswerks und seinen Auftrag.

Interview von Thomas Hürner

Ein nasskalter Vormittag, kurz vor der Feier zum 50-jährigen Bestehen des Dachauer Forums an diesem Freitag. Der Geschäftsführerin Annerose Stanglmayr und dem Vorsitzenden Anton Jais schlägt der graue Himmel nicht aufs Gemüt, zu groß ist die Vorfreude und zu verlockend duften der Kaffee und das Gebäck, das sie auf dem Tisch angerichtet haben. Angerührt wird es für eine ganze Weile nicht, sie haben viel zu erzählen. So viel, dass sie sich dabei manchmal in die Quere kommen, aber eigentlich sind sie sich einig: Das Dachauer Forum ist ein Gemeinschaftswerk, es ist auch ihr Werk, und neben der Erwachsenenbildung hat es einen klaren Auftrag zu erfüllen. Ein Gespräch über kirchliche Herausforderungen, gesellschaftspolitische Spannungsfelder und bisherige Errungenschaften.

SZ: Als das Dachauer Forum gegründet wurde, hieß der Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, der FC Bayern München wurde zum ersten Mal deutscher Fußballmeister. In 50 Jahren passiert eben so einiges, oder?

Anton Jais (lacht): Nun ja, das mit dem Alter ist so eine Sache, es ist immer auch eine Frage der Perspektive. Aber in diesem Fall handelt es sich um ein sehr schönes Alter, mit vielen guten Momenten und Chancen. Und genau darum geht's auch beim Dachauer Forum: Es eröffnet Chancen für's Leben, denn mit fortwährender Bildung kann man auch jung bleiben.

Annerose Stanglmayr: Ich würde sogar sagen, dass das Dachauer Forum noch sehr jung ist. Unser Gründungsmythos beruht auf der Öffnung der Kirche in die Welt, es war eine große Reformbewegung, die immer noch andauert und noch lange andauern wird.

Anton Jais: Es ist schon bemerkenswert, dass das erste Bildungswerk der Diözese München von vier Dachauern gegründet wurde. Und bei der Kirche ist es ja nicht immer so, dass alles Gute auch schnell umgesetzt wird. Aber hier, und darauf sind wir stolz, haben wir inzwischen viel erreicht. Es war eine mutige und wegweisende Entscheidung, dass neben theologischen auch gesellschaftspolitische Themen in den Fokus gerückt wurden.

Voller Tatendrang: Der erste Vorsitzende Anton Jais und Annerose Stanglmayr, die Geschäftsführerin des Dachauer Forums, freuen sich über das 50-jährige Bestehen und die anstehenden Herausforderungen des Bildungswerks.

(Foto: Toni Heigl)

Ein Fokus, der das gesellschaftliche Leben auch über den Landkreis hinaus geprägt hat?

Annerose Stanglmayr: Ich glaube schon, denn andere Landkreise sind dann ja mit der Zeit nachgezogen. Und das Prinzip bleibt ja immer das gleiche: Die sechs Themenbereiche, die wir anbieten, decken ein breites Spektrum der Bedürfnisse der Menschen ab. Und schließlich, davon bin ich überzeugt, wird die Erwachsenenbildung in diesen Zeiten immer wichtiger.

Anton Jais: Das kann man auch an der Entwicklung der Volkshochschulen beobachten, die dann nach und nach entstanden sind. In gewisser Weise hat das Dachauer Forum also eine Pionierrolle in der Erwachsenenbildung innegehabt.

Sie sind beide persönlich schon lange dabei, haben viele prominente Referenten in Dachau erlebt. Wer ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Anton Jais: Besonders hervorheben würde ich Rupert Neudeck (Mitgründer der Organisation Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte und Vorsitzender des Friedenskorps Grünhelme e. V, Anm.), der weltbekannt wurde, als er 1979 tausende vietnamesische Flüchtlinge im Chinesischen Meer rettete. Seine Aura erhellte den Raum, mit ihm kam eine positive Grundstimmung. Als er zu uns kam, da war die Flüchtlingsdebatte auf ihrem Höhepunkt, aber er hat immer zuversichtlich in die Zukunft geblickt. Tragisch, dass er nur ein halbes Jahr später verstorben ist.

Annerose Stanglmayr: Für mich war die Erinnerungsarbeit immer sehr zentral und daher natürlich Max Mannheimer. Er war mein Orientierungspunkt, hat mich auch mal ein bisschen an der Hand genommen, mir den Weg zur Erinnerungskultur geebnet. Etwa damals, als wir gemeinsam eine Ausstellung in Karlsfeld organisierten. Irgendwann hatten wir ein sehr persönliches Verhältnis, das über organisatorische Tätigkeiten hinausging.

Gerade bei der Erinnerungsarbeit galt es Hürden zu überwinden, Schwierigkeiten zu meistern.

Ein Höhepunkt: Der Besuch von Rupert Neudeck 2015.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Anton Jais: Heute unvorstellbar, aber gerade bei der Erinnerungsarbeit waren wir damals ziemlich im Wind gestanden. Da herrschte bei der Stadt Dachau damals die Einstellung: Das geht uns nichts an. Das müsste 1985 gewesen sein, als wir organisierte und qualifizierte Führungen durch die KZ-Gedenkstätte erstmals angeregt hatten. Wir wollten dieses Thema auf eine fundierte Grundlage stellen, zu dieser Zeit kursierten noch allerlei Gerüchte und falsche Informationen. Wie wichtig das war, lässt sich auch an Zahlen ablesen: Rund 900 000 Menschen nehmen dieses Angebot inzwischen jedes Jahr wahr.

Annerose Stanglmayr: Die pädagogische Arbeit hatte damals keine Relevanz in der Stadt, es gab nicht einmal Personal in der Gedenkstätte, weil das Thema politisch nicht opportun war. Nicht einmal Ausstellungen im Rathaus waren dazu damals erlaubt. Durch zivilgesellschaftliches Engagement wurde endlich historisch und faktisch richtig informiert. Der Widerstand hat sich gelegt, inzwischen können wir auf die breite Unterstützung der Politik zählen. Und eigentlich ist das nur logisch, wenn man die Rolle der Stadt Dachau in der Welt betrachtet. Das Erinnern ist keine Option, es ist ein Auftrag. Und das wollen wir mit Projekten wie dem Gedächtnisbuch und der Geschichtswerkstatt auch beibehalten.

Das Dachauer Forum wurde gegründet, um dem Auftrag des II. Vatikanischen Konzils zu folgen: Den Dialog der Kirche mit der Welt fördern. Die Welt verändert sich in rasantem Tempo, verändert sich dadurch auch der Dialog?

Annerose Stanglmayr: Mit Sicherheit, die Bindekraft der Kirche ist nicht mehr die, die sie mal war. Aber ich glaube, dass der religiöse Bedarf bei den Menschen nicht geringer geworden ist. Und gerade hier sehen wir unseren Namen als Lösungsansatz. Ein Forum, in dem man sich noch persönlich trifft, sich religiös und politisch austauschen kann. Es geht darum zusammenzuführen, Nähe zu schaffen zwischen der Kirche und den Menschen.

Die Gründungsväter Alfred Kindermann, Franz Einertshofer und der frühere Geschäftsführer Andreas Kreutzkam.

(Foto: OH)

Anton Jais: Ich erinnere mich da zum Beispiel daran, als wir Kardinal Marx zu Gast hatten. Ihm war es wichtig, nach dem Referat noch bei einem Getränk das direkte Gespräch mit den Menschen zu suchen. Das hätte es früher nicht gegeben, aber auch als jahrtausendealte Institution muss man erkennen: Was verbindet macht uns stärker, gerade wenn die Spaltung in Teilen der Bevölkerung voranschreitet.

Viele Menschen würden sagen, dass die katholische Kirche zuletzt nicht durch ihre Bereitschaft zum Dialog aufgefallen ist. Was kann das Dachauer Forum beitragen, um die öffentliche Wahrnehmung, wenn auch im Kleinen, zu verbessern?

Annerose Stanglmayr: Es geht darum, in Freiheit glauben zu dürfen. Und wenn das gewährleistet ist, dann kann die Religion stärken für Solidarität und Engagement. Das ist wertvoll für die Gesellschaft - und die Erwachsenenbildung in christlicher Verantwortung kann ihren Teil dazu beisteuern. Wir haben 50 000 Teilnehmende im Landkreis, deren Bedarfe und Nöte müssen wir aufgreifen.

Anton Jais: Wir versuchen das über unsere Angebote zu schaffen. Und damit meine ich nicht nur gemeinsame Veranstaltungen, etwa in Kooperation mit evangelischen oder islamischen Vereinen. Sehen Sie mal: Die Menschen haben heute eine unheimlich große Angst vor dem Tod, weil diese Angst nicht mehr über die ländliche Gemeinschaft in Form von Ritualen verarbeitet wird. Wir versuchen, die Menschen in dieser schlimmen Lage mit unserem Angebot für Trauerarbeit zu unterstützen. Und das machen wir selbstverständlich nicht für die öffentliche Wahrnehmung, aber wenn wir unserem christlichen Auftrag nachkommen, stärken wir auch diese. Vertrauen ist schnell zerstört, gewonnen wird es nur durch nachhaltiges und echtes Interesse am Menschen.

Ohne eine Modernisierung der Institution wird das aber kaum funktionieren.

Anton Jais: Das stimmt, aber wir müssen zielführend arbeiten. Natürlich würde ich mir mehr Veränderung wünschen als es aktuell möglich erscheint, die Kirche als alte und bisweilen sperrige Institution muss jedoch bereit dafür sein. Nehmen wir das Diakonat der Frau: Wir haben im Ort drei Frauen, die den Gottesdienst leiten, aber von Dachau aus können wir keine Revolution starten und die Weltkirche verändern.

50 Jahre Forum

Im Jahr 1969 gründeten die vier katholischen Pfarreien der Stadt Dachau das Dachauer Forum als eines der ersten Kreisbildungswerke in der Erzdiözese München und Freising gemäß dem Auftrag des II. Vatikanischen Konzils, den Dialog der Kirche mit der Welt zu verwirklichen. Bis zum Jahr 2018 nahmen insgesamt 1 786 245 Menschen die Angebote des Dachauer Forums wahr. Von Anfang an standen nicht nur religiöse Angebote im Vordergrund. Die ersten Eltern-Kind-Gruppen gab es im Jahr 1979, seit 1986 werden Besuchergruppen durch die KZ-Gedenkstätte geführt, das Seniorenstudium wurde im 2005 eingeführt, die vernetzte Trauerarbeit besteht seit 2012. Mit rund 2 500 Veranstaltungen im Jahr hat das katholische Kreisbildungswerk einen festen Platz im Bildungsangebot des Landkreises. thue

Annerose Stanglmayr (lacht): So ist das nun mal, in der Kirche dauert manches eben ein bisschen länger.

Klingt ein bisschen nach dem Motto der Jubiläumsfeier: Das Vergangene mit der Zukunft ins Gespräch zu bringen.

Annerose Stanglmayr: Das bildet auch die Lebensrealität der Menschen ab. Sehen Sie sich den Landkreis Dachau an: Prognosen zufolge der Landkreis mit dem höchsten Zuzug in den nächsten Jahren in der Metropolregion München, da geht es auch um die Frage einer gemeinsamen Identität zwischen jenen, die schon da waren, und jenen, die neu sind. Wir wollen Bindeglied sein und Identifikation schaffen.

Im Jahr 2013 lautete der Jahresschwerpunkt "Jung und Alt gemeinsam" - Gibt es hier noch Verbesserungspotenzial?

Anton Jais: Das ist eine ewige Herausforderung für uns: Wie erreiche ich junge Leute? Und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass wir dafür schon die abschließende Lösung gefunden haben. Letztendlich ist ja in vielen Bereichen zu beobachten, dass man sich schwer tut, junge Menschen zu binden - auch die politischen Parteien und Vereine haben dieses Problem.

Annerose Stanglmayr: Als ersten Schritt haben wir drei junge pädagogische Mitarbeiterinnen ins Team geholt, sie eröffnen uns neue Perspektiven, mit denen wir eine jüngere Zielgruppe hoffentlich bald besser erreichen. Aber ja, da müssen wir ran und mehr tun.

Ist nicht gerade das Thema Flucht, Asyl und Integration, inzwischen ein Schwerpunkt im Bildungsangebot, eine Chance?

Annerose Stanglmayr: Das würde ich auch so sehen. Vor 2015 hatten wir kein Angebot in diese Richtung, kommen jetzt aber dadurch besser in Kontakt mit jungen Menschen. Und gerade diese sind erfahrungsgemäß offener für Einblicke in eine andere Kultur. Daraus können wir gemeinsam gestärkt hervorgehen. Begegnung ist und bleibt unser Leitbild.

Ein Leitbild, das in Zeiten der gesellschaftlichen Spaltung umso mehr an Relevanz gewinnt?

Anton Jais: Das verlangt allein unser christliches Menschenbild. Die Begegnung als zentrales Anliegen, denken Sie nur mal an Europa: Eine Errungenschaft von unfassbarem Wert, die Frieden garantiert und erhalten bleiben muss. Und dafür lohnt es sich auch im Kleinen zu kämpfen.

Annerose Stanglmayr: Genau. Wir wollen hier jene Kommunikation vorleben und pflegen, die wir jetzt umso mehr brauchen: Gewaltfrei, offenherzig und einfühlsam.

Vor der Jubiläumsfeier gibt es um 18 Uhr einen Gottesdienst in St. Jakob, 19 Uhr beginnt die Feier im Ludwig-Thoma-Haus Dachau.