Am kommenden Sonntag, 8. September, ist Tag des offenen Denkmals. Er steht heuer unter dem Motto: „Wahr-Zeichen. Zeitzeugen der Geschichte“. Auch im Landkreis öffnen sich zahlreiche sonst verschlossene Türen zu Kirchen und Kapellen. Eine von ihnen ist St. Kastulus in Puchschlagen.
Die Puchschlagener Dorfkirche ist schon durch ihre Lage außerhalb der Ortschaft und mit ihrem kunstsinnig gestalteten, 42 Meter hohen Glockenturm ein echtes „Wahr-Zeichen“. Aus der Ferne wirkt sie ein wenig verwunschen, so als symbolisiere sie ein Ziel, das Rast und Ruhe verspricht. Am Tag des offenen Denkmals ist sie von 14 Uhr bis 16 Uhr geöffnet. Dann wird Kirchenführerin Lisa Böswirth wieder Geschichten über St. Kastulus und das ihm geweihte Gotteshaus erzählen.
Doch nicht die fast lebensgroße Statue des Heiligen auf dem Hochaltar ist für sie der schönste sakrale Gegenstand. „Am liebsten hatte ich immer die Mater Dolorosa (die schmerzhafte Muttergottes) unter dem Kruzifix“, sagt sie und zeigt auf das große Kreuz an der Seitenwand. Doch diese Skulptur ist seit Langem verschwunden. Sie wurde wie so viele wertvolle Artefakte gestohlen. „Alles weg“, sagt Lisa Böswirth.
Zahlreiche Legenden ranken sich um diesen Ort
Geblieben sind ein immaterielles Kulturgut und ein halbes Dutzend Theorien über den Standort von St. Kastulus. Die Vermutungen reichen von der Annahme, die Kirche könne Teil einer Klosteranlage gewesen sein (eher nicht) über Spekulationen, dass sie im neunten Jahrhundert ein Ministrale, also ein Finanzbeamter, gebaut haben könnte, bis hin zu der plausibel klingenden Schlussfolgerung, dieses Haus sei das erste in der „Sumpflache bei den Buchen – Pohosolaga“ gewesen, und weitere Gehöfte seien erst in späterer Zeit entstanden. Dafür spricht auch die beurkundete Schenkung eines Bethauses im Jahr 814 an das Bistum Freising durch den Edlen Sigipald.
Spannender sind die Legenden. Eine erzählt, die Puchschlagener Bauern hätten in der Dorfmitte eine Kirche bauen wollen, die dafür vorgesehenen Steine seien jedoch nächtens immer wieder „ausgewandert“. Das verstanden die untereinander zerstrittenen Bauern als göttliche Weisung, sich auf dem Weg zum neuen Bauplatz zu versöhnen und an dem Ort ihre Kirche zu errichten, den die Steine ausgewählt hatten. Doch ob mit oder ohne göttliche Hilfe: St. Kastulus strahlt von seinem leicht erhöhten Standort mit anmutiger Würde ins Land hinaus.




Wann genau das Gotteshaus erbaut wurde, „weiß man nicht“, sagt Kirchenführerin Böswirth. Die Architektur jedenfalls ist spätgotisch. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Kirche „vermutlich von den Schweden“ als Pferdestall genutzt. 1663 wurde sie barockisiert und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts weiter ausgebaut. Aus dieser Zeit stammen auch die eindrucksvollen Deckengemälde und die Wandmalereien an der Empore. Sie zeigen viele Szenen aus dem Leben des Kirchenpatrons Kastulus.
Reliquien brachten Geld in den Ort
Der Heilige war im dritten Jahrhundert Speisemeister beim berüchtigten Kaiser Diokletian, was ihn nicht daran hinderte, in seinen Wohnräumen verfolgte Christen zu verstecken. Er wurde verraten, gefoltert und schließlich lebendig begraben. Seine sterblichen Überreste sollten zu Beginn des 17. Jahrhunderts nach Puchschlagen überführt werden. Damit hätte – so lässt sich vermuten – Puchschlagen endlich mit Kreuzholzhausen konkurrieren können, das über Jahrhunderte Ziel bedeutender Wallfahrten war. Waren die Kreuzholzhausener doch stolze Besitzer eines der unzähligen Splitter vom Heiligen Kreuz „und das brachte Geld in den Ort“, sagt Lisa Böswirth.
Ein heiliger Kastulus hätte also Puchschlagen ungemein aufgewertet, zumal St. Kastulus nie selbstständige Pfarrei, sondern immer eine Filialkirche war. Doch der Wagen mit den Reliquien strandete in Moosburg, „der Schutzpatron der Pferdehändler und Pferdediebe“ fand hier zeitweise Asyl, bis er schließlich in Landshut endgültig seine Ruhe fand. In Puchschlagen erinnert die große Figur auf dem Hochaltar an St. Kastulus. Er ist dort – was recht ungewöhnlich ist – als Ritter in strahlender Rüstung und mit einer Fürstenkrone auf dem Kopf dargestellt. „Der Hauptaltar gehört eigentlich nicht in die Kirche“, sagt Kirchenführerin Böswirth in bestimmtem Tonfall.
Die Kirche wird nur noch selten genutzt
Weil die Kreuzholzhausener sich dank der Einnahmen aus den Wallfahrten einen neuen Hochaltar leisten konnten, gaben sie 1740 ihren bisherigen an das kleinere Gotteshaus ab. Ganz ähnlich erging es dem Taufbecken, das heute etwas verloren vor dem nicht mehr genutzten Beichtstuhl steht. Der Taufstein ist eine Kopie des Rumeltshausener Originals und stand eine Weile in der Schwabhausener Pfarrkirche. Dort wurde er aber nicht mehr gebraucht und so landete auch er in Puchschlagen.
Genutzt wird St. Kastulus übrigens „maximal an einem Wochentag im Monat und für Hochzeiten“. Eine Gruppe engagierter Frauen kümmert sich regelmäßig um Reinigung und Blumenschmuck. Für eine umfassende Renovierung „ist kein Geld da“, bedauert Lisa Böswirth und schaut versonnen auf die farbenfrohen Deckengemälde. Glücklicherweise wurden sie nie restauriert – und sind so auf ihre Weise „Wahr-Zeichen“ dieser feinen Kirche

