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Kinderärzte im Landkreis Dachau:Auf dem Weg der Besserung

Kinderarztpraxis

Cordula Ambros-Plabst hat ihre Praxis im Rathaus Odelzhausen eröffnet.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Kinderarztversorgung im Dachauer Land war mau, nun eröffnen drei neue Praxen. In Odelzhausen macht sogar der Gemeinderat Platz für die Behandlungsräume.

Von Benjamin Emonts, Odelzhausen

Die Odelzhausener Gemeinderäte sollen ziemlich große Augen gemacht haben, als sie Anfang der Woche zum ersten Mal die neue Arztpraxis im Rathaus betraten. Ihren ehemaligen Konferenzraum, so erzählt es Kinderärztin Cordula Ambros-Plabst, erkannten die Abgeordneten kaum wieder. Dort, wo früher Bürgermeister Markus Trinkl (parteilos) vor ihnen referiert hatte, erspähten sie nun ein Ultraschallgerät, eine Waage, ein buntes Maßband, ein Schaukelpferd und einen Schreibtisch, auf dem ein Kuscheltier saß. Sie entdeckten ein Babyzimmer und Behandlungsliegen. Aus dem Konferenzraum war in wenigen Wochen eine helle, freundliche Kinderarztpraxis geworden. Seit fast zwei Wochen behandelt Cordula Ambros-Plabst hier die ersten kleinen Patienten.

"Es ist eine tolle Geschichte, der Umbau ist sehr gut gelungen", sagt Bürgermeister Trinkl, der selbst drei kleine Kindern hat, potenzielle Kundschaft sozusagen. Und es ist nicht die einzige gute Geschichte über die kinderärztliche Versorgung im Landkreis. In den kommenden Wochen werden zwei weitere Kinderarztpraxen in Karlsfeld und Markt Indersdorf eröffnen. Sie werden angesichts der wachsenden Bevölkerung dringend gebraucht. Bisher kamen auf die etwa 27 000 Landkreisbewohner unter 18 Jahren nur acht Kinder- und Jugendärzte, die allesamt in Dachau und Karlsfeld praktizierten. Das Dachauer Hinterland ging jahrelang leer aus, sodass die Familien entweder lange Fahrzeiten auf sich nehmen oder einen Allgemeinarzt zu Rate ziehen mussten. Besserung kündigte sich dann Anfang 2020 an, als die Kassenärztliche Vereinigung (KVB) ihren Bedarfsschlüssel änderte. Ein Kinderarzt in Dachau muss seither "nur noch" 2900 statt 3900 Kinder versorgen. So ergaben sich drei neue Niederlassungsmöglichkeiten für Kinderärzte im Landkreis.

Kinderarztpraxis

Dort, wo früher Bürgermeister Markus Trinkl (parteilos) referiert hatte, steht nun ein Schaukelpferd.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

In Odelzhausen hat die Platznot erfinderisch gemacht. Arztpraxen finden sich ja eher in Ärztehäusern oder Altbauten - der Tagungsraum eines Rathauses stellt im Landkreis ein Novum dar. Cordula Ambros-Plabst hatte ihre Zusage ursprünglich in dem Glauben gegeben, einen Platz im Ärztehaus im Ortszentrum zu bekommen, wo sie sich eine Praxis mit einem Allgemeinmediziner teilen sollte. Die Bürokratie aber machte den Plänen einen Strich durch die Rechnung. Zwei Ärzte verschiedener Fachrichtungen, so erfuhr der Bürgermeister, dürften sich eine Praxis aus rechtlichen Gründen nicht teilen. So fiel die Wahl auf den Konferenzraum des Rathauses, der in Corona-Zeiten zu wenig Platz für Sitzungen bietet. Für einen kleinen fünfstelligen Betrag ließ die Gemeinde Trockenbauwände einbauen, die Toiletten bedarfsgerecht umgestalten, den Boden abschleifen und eine Rezeption einrichten. Es entstanden drei Behandlungsräume und ein Labor. Der Gemeinderat trifft sich nun im Saal des Gasthofs zur Sonne, den die Gemeinde gekauft hat. Dorthin, so schwebt es Trinkl vor, könnte irgendwann auch die Kinderarztpraxis umziehen.

Kinderärztin Ambros-Plabst, die in München studiert und zeitweise in den Kinderkliniken Landshut und Schwabing gearbeitet hat, hat sich inzwischen aber mehr als arrangiert mit ihrer neuen Praxis. "Ich stand erst unter Schock, als ich erfahren habe, dass ich nicht ins Ärztehaus kann", sagt sie, "aber jetzt bin ich sehr zufrieden". Die Vorteile des Standorts sind offensichtlich: Das Rathaus bietet zahlreiche Parkplätze und liegt in einem verkehrsruhigen Bereich, in dem das Aus- und Einsteigen mit Kindern ungefährlich ist. Es hat einen barrierefreien Zugang und bietet reichlich Platz für die minderjährigen Patienten. Bürgermeister Trinkl geht davon aus, dass Kundschaft nun auch aus den umliegenden Gemeinden nach Odelzhausen kommen werde. Ambros-Plabst bietet Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen, Allergiediagnostik, Hör- und Sehtests sowie Ultraschalluntersuchungen an. "Mir ist es wichtig, Familien und ihre Kinder von der Geburt an bis zum 18. Geburtstag zu begleiten und ihre Ansprechpartnerin zu sein", sagt die zweifache Mutter und Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin.

Gasthof zur Sonne

Der Gemeinderat tagt nun im Gasthaus.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Auch die Gesundheitsexpertin Annette Eichhorn-Wiegand ist angetan von der Ausweichlösung: "Es ist eine tolle Geschichte und ein tolles Engagement. Denn es zeigt, wie wichtig es der Gemeinde ist, eine Kinderärztin zu haben", sagt die Geschäftsführerin der "Gesundheitsregion plus" im Landkreis Dachau. Die neue Praxis sei ein "entscheidender Schritt" hin zu einer besseren kinderärztlichen Versorgung, zumal besonders der stark wachsende nördliche Landkreis stärker gefördert werden müsse. Der Dachauer Landtagsabgeordnete Bernhard Seidenath, gesundheitspolitischer Sprecher der CSU, hofft daher, dass sich zeitnah noch ein weiterer Kinderarzt im Bereich Schwabhausen niederlassen könnte, um das löchrige Versorgungsnetz enger zu stricken. "Der Landkreis wächst ja weiter. Wir brauchen Kinderärzte", so sagt er.

Die Eröffnung der Praxen in Karlsfeld und Markt Indersdorf rückt unterdessen näher. "Es läuft alles glatt. Es stehen an beiden Standorten das gesamte Behandlungsspektrum für Kinder- und Jugendliche und modernste medizinische Geräte zur Verfügung", verspricht Kinderärztin Andrea Nestler, die beide Praxen übernehmen wird. Nestler hat an der Berliner Charité studiert und im Klinikum Schwabing sowie mehreren Praxen im Großraum München praktiziert. Ihre Filialpraxis in Markt Indersdorf in der Gewerbestraße 5 soll am 10. November eröffnen. Sie wird betreut vom im Landkreis bekannten Kinder- und Jugendarzt Rüdiger Wiß. Ihre Kinderpraxis in Karlsfeld soll am 16. November öffnen. Die recht beengten Räumlichkeiten im zweiten Stock des Vital Centers in der Münchner Straße sollen nach ihrer Vorstellung aber nur eine Übergangslösung sein. Bei der Gemeinde lägen bereits Pläne, wonach auf dem Dach des Gebäudes eine geräumigere Praxis entstehen könnte. Nestler hofft, dass alles schnell über die Bühne geht, damit sie ihre Patienten bestmöglich behandeln kann. Damit es in den Kinderarztpraxen während der Pandemie nicht zu eng wird, bitten die neuen Ärztinnen dringend darum, nicht ohne Termin zu erscheinen.

Alle Öffnungszeiten und Leistungen der neuen Kinderarztpraxen sowie eine Online-Anmeldung sind auch im Internet zu finden unter www.kinderarztpraxis-odelzhausen.de, www.kinderarztpraxis-karlsfeld.de und www.kinderarztpraxis-indersdorf.de.

© SZ vom 16.10.2020

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