BodenbrüterKiebitz-Boom trotz Kabel-Baustelle

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Acht Kiebitz-Junge haben im Landkreis Dachau die Kinderstube überlebt.  Das sind doppelt so viele wie im Vorjahr.
Acht Kiebitz-Junge haben im Landkreis Dachau die Kinderstube überlebt.  Das sind doppelt so viele wie im Vorjahr. Symbolbild Landratsamt Ebersberg

Ausgerechnet während ein Stromkabel durch das Brutgebiet verlegt wird, feiert der bedrohte Kiebitz einen Nachwuchs-Rekord im Landkreis Dachau.

Alexandra Vettori, Schwabhausen

Seit vergangenem Frühjahr verlegt Bayerns größter regionaler Verteilnetzbetreiber, die Bayerwerk-Netz, ihr bisher längstes Erd-Stromkabel: Rund 18 Kilometer lang soll die 110-Kilovolt-Leitung werden, die Ende des Jahres die beiden Umspannwerke Kleinschwabhausen und Oberbachern verbinden und die Netzkapazität im Landkreis Dachau erhöhen soll.

Dass ein Teil der Kabeltrasse durch ein Brutgebiet des vom Aussterben bedrohten Kiebitzes führt, hat sich statt als Problem als Glücksfall erwiesen. Denn vorsorglich mussten schon vor Beginn der Maßnahme Ersatzflächen für den empfindlichen Bodenbrüter geschaffen werden. Sie trugen dazu bei, dass heuer im Landkreis Dachau so viele Jungvögel die Kinderstube überlebt haben, wie seit Jahren nicht, nämlich acht, vier mehr als im Vorjahr.

Rosmarie Rottmair von der Unteren Naturschutzbehörde und Sebastian Böhm vom Landschaftspflegeverband Dachau stellen einen Stromzaun auf, um ein Kiebitzgelege vor dem Fuchs und anderen Eierdieben zu schützen.
Rosmarie Rottmair von der Unteren Naturschutzbehörde und Sebastian Böhm vom Landschaftspflegeverband Dachau stellen einen Stromzaun auf, um ein Kiebitzgelege vor dem Fuchs und anderen Eierdieben zu schützen. Adriane Lochner

Die naturschutzfachlichen Auflagen für die Kabel-Baustelle im Brutgebiet sahen Ersatzflächen vor, die schon fertig sein mussten, bevor die Arbeiten überhaupt starteten. Im Fachjargon spricht man von CEF-Maßnahmen, für Continuous Ecological Functionality. Außerdem stellte die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt den Kontakt zwischen Bayernwerk-Netz und dem örtlichen Landschaftspflegeverband her. Dieser bemüht sich schon seit 2016 um die letzten Kiebitze im Landkreis, rund 60 Brutpaare gibt es dort noch.

Wie Sebastian Böhm vom Landschaftspflegeverband erklärt, finden die Maßnahmen auf normal bewirtschafteten Feldern statt, in Kooperation mit den Landwirten. Die Umweltschützer wissen, wo der Kiebitz brütet, und stecken dort Flächen ab, die von den Landwirten nicht befahren und bearbeitet werden. „Der Kiebitz ist nicht hier, weil es bei uns so toll ist“, macht Böhm klar, „er ist hier, weil er schon immer hier war“. Die Bodenbrüter aus der Familie der Regenpfeifer seien sehr standorttreu, deshalb können die Kiebitz-Inseln passgenau angelegt werden.

Seine Flugkünste haben dem Kiebitz den Beinamen Gaukler der Lüfte eingebracht.
Seine Flugkünste haben dem Kiebitz den Beinamen Gaukler der Lüfte eingebracht. Andreas Hartl
Kiebitz-Gelege sind sehr unscheinbar und werden deshalb leicht übersehen.
Kiebitz-Gelege sind sehr unscheinbar und werden deshalb leicht übersehen. Sebastian Böhm

Zwei Landwirte habe man im Arnbacher Moos dafür gewinnen können, erzählt Böhm. Sie erhalten für die nicht bearbeiteten Feldstücke eine finanzielle Entschädigung vom Staat. In den fraglichen Bereichen wird der Boden nur einmal Mitte März so bearbeitet, dass die blanke Erde sichtbar ist. Die freie Sicht mag der Kiebitz, ebenso die lockere natürliche Begrünung, die sich in der Folge einstellt.  Für den Rest der Brutzeit lässt der Landwirt die markierten Flächen dann in Ruhe, damit die Eier und später die Jungvögel nicht unter die Maschinen geraten.

Wo möglich, zäunen die Mitarbeiter des Landschaftspflegeverbands die Gelege großzügig ein, zum Schutz vor Bodenprädatoren. „Der Fuchs ist das Problem, nicht etwa Krähen“, betont Böhm. Kiebitze brüten gerne in losen Kolonien, tauche ein fliegender Räuber wie etwa eine Krähe auf, rückten alle Männchen gemeinsam an und vertrieben diesen. „Das ist immer nett anzuschauen“, erzählt Böhm.

Auch sogenannte Seigen hat man angelegt, kleine Mulden im Boden, in denen sich Feuchtigkeit sammelt, damit dort Insekten leben können, die als Futter für den Kiebitznachwuchs dienen. Heuer aber sei das Frühjahr so trocken gewesen, dass die Seigen kein Wasser führten, so Böhm. All die Mühe, betont er, sei aber nicht des Problems Lösung. „Das wäre eine Wiedervernässung des Bodens.“ Denn wo es feucht ist, gibt es keine Mäuse, und ohne Mäuse kommen keine Füchse.

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:Lang lebe der Kiebitz

Es gibt nur noch wenige Brutpaare im Landkreis Dachau, damit ihre Nester auf dem Boden geschützt sind, baut der Landschaftspflegeverband Schutzzäune darum. Das geht nur, weil zwei Landwirte ihre Felder gegen Entschädigung brachliegen lassen. Über eine ambitionierte Rettungsaktion.

SZ PlusVon Marie Heßlinger

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