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Kein Zutritt:KZ-Gedenkstätte erteilt rechtsradikalen Aktivisten Hausverbot

(Foto: Toni Heigl)

Der "Volkslehrer" Nikolai Nerling, eine bekannte Größe in der rechtsradikalen Szene, besucht die KZ-Gedenkstätte Dachau. Dort wehrt man sich.

Die geplante Provokation ging völlig daneben: Am Montag besuchte der selbsternannte "Volkslehrer" Nikolai Nerling aus Berlin, eine bekannte Größe in der deutschen rechtsradikalen Szene, die KZ-Gedenkstätte Dachau. Aber kaum hatte er in Begleitung eines weiteren Mannes und ausgestattet mit einer Kamera das Gelände betreten, wurde er von einer Referentin der Gedenkstätte erkannt: Mitarbeiter verwiesen ihn des Geländes, riefen die Polizei und zeigten ihn wegen Hausfriedensbruchs an. Gleichwohl postete er danach auf Youtube noch ein Video, aufgenommen außerhalb des Geländes, in dem er dazu aufruft, Gedenkorte der Schoa zu besuchen und dort "gegen den Schuldkult" zu filmen, wie Rias, die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, dokumentiert.

KZ-Gedenkstätten werden immer wieder von Rechtsextremen heimgesucht - mittlerweile häufen sich derartige Vorfälle, begünstigt nicht zuletzt durch die Änderung des politischen Klimas in Deutschland. Etwa durch AfD-Vertreter, die eine Wende in der Erinnerungspolitik um 180 Grad fordern oder die Zeit der Hitlerdiktatur als "Vogelschiss" in der "ruhmreichen" Geschichte Deutschlands herunterspielen. In der Gedenkstätte Sachsenhausen verharmloste eine AfD-Besuchergruppe aus dem Wahlkreis von deren Fraktionschefin Alice Weidel vom Bodensee im Juli 2018 die NS-Verbrechen.

Der "Volkslehrer" unterrichtete wirklich an einer Grundschule, wurde aber vom Dienst suspendiert

Als den größten Anschlag auf die Erinnerung bezeichnete Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, den Diebstahl der Tür im Eingangstor mit der zynischen Naziaufschrift "Arbeit macht frei" Ende 2014. Die Tat rief international Empörung hervor. 2016 tauchte das historische Relikt in Norwegen auf einer Schutthalde auf, es wurde im Februar 2017 nach Dachau zurückgebracht. Die Kripo Fürstenfeldbruck ging von einer rechtsradikal motivierten Tat aus, die Täter wurden allerdings nie gefasst.

Nun tauchte Nikolai Nerling in der Dachauer Gedenkstätte auf, ein bekannter "rechtsextremer Aktivist", wie ihn das Jüdische Forum gegen Antisemitismus und für Demokratie in Berlin beurteilt. Der Grundschullehrer, der zuletzt an der Vineta Grundschule in Berlin-Wedding unterrichtete, wurde Anfang 2018 nach Medienberichten über verschwörungsideologische Äußerungen auf seinem Youtube-Kanal "Der Volkslehrer" vom Schuldienst suspendiert und später gekündigt.

Referentin erkennt den "Volkslehrer", als der die KZ-Gendenkstätte betritt

Dagegen klagte Nerling vor dem Arbeitsgericht Berlin. Der Vorsitzende Richter Arne Boyer wies die Klage am 16. Januar zurück und begründete das so: Wer den demokratischen Rechtsstaat verächtlich mache und sich mit Holocaustleugnern solidarisiere, rüttele an den Grundfesten unserer Gesellschaft. Der Rechtsstaat stünde heute unter weitaus größerem Druck als noch vor zehn Jahren und müsse diesem standhalten. Dazu gehöre es auch, sich gegen seine Feinde zu wehren.

Das ist auch im Dachauer Fall gelungen: Die Referentin, die am Montagnachmittag gerade einen Rundgang mit einer Schulklasse leitete, erkannte den "Volkslehrer" sofort, als er durch das historische Jourhaus die Gedenkstätte betrat. Im November hatte sie ihn bei einer Demonstration von Rechtsextremen für die Freilassung der 90-jährigen Ursula Haverbeck, in Bielefeld beobachtet, die wegen fortgesetzter öffentlicher Leugnung des Holocausts in der dortigen Justizvollzugsanstalt eine Haftstrafe verbüßt. Davor hatte Nikolai Nerling noch in einem Videogespräch mit Ursula Haverbeck auf Youtube den Holocaust in Zweifel gezogen. "Nehmt Euch ein Beispiel an Frau Haverbeck."

Eine Polizeistreife holte den "Volkslehrer" und seinen Begleiter aus dem Bus

Die Referentin untersagte ihm, wie sie der SZ erzählte, ihre Schüler und überhaupt in der Gedenkstätte zu filmen und alarmierte sofort die Bildungsabteilung der Gedenkstätte. Thomas Rauscher, Leiter der Polizeiinspektion Dachau, ist begeistert von der Zusammenarbeit. Die Mitarbeiter verwiesen Nikolai Nerling vom Gelände und brachten ihn zum Bus der Linie 726. Sie stellten einen "ganz schnellen Kontakt zur Polizei" her. Eine Polizeistreife holte den sogenannten Volkslehrer und seinen Begleiter aus dem Bus, nahmen die Personalien auf, kontrollierten sein Filmmaterial und konfrontierten ihn mit der Strafanzeige, die die KZ-Gedenkstätte gestellt hat. Entschieden tritt Rauscher der Darstellung entgegen, die der Rechtsextreme dann später auf seinem Video verbreitete. Demnach haben die Dachauer Polizisten ihn mit "Fairness und Freundlichkeit" behandelt. Rauscher betont, die Beamten hätten professionell und ordnungsgemäß gehandelt - und setzt hinzu: "Wir freuen uns schon über Lob, aber nicht von jeder Seite." Das Jüdische Forum in Berlin teilte mit: "Nerling hatte sich nach seiner Kündigung in enormer Geschwindigkeit weiter radikalisiert. Mittlerweile besucht er bundesweit neonazistische Demonstrationen und Veranstaltungen. Auf seinem Youtube-Kanal gibt er regelmäßig verurteilten Holocaustleugnern eine Plattform."

Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, teilte am Mittwoch mit: Die Gedenkstätte sei grundsätzlich eine offene Einrichtung, allerdings setze ein Besuch den Respekt vor den Opfern des Nationalsozialismus sowie die Anerkennung historischer Fakten voraus. Wer den Holocaust verharmlose, wer die Verbrechen in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern leugne und wer ein Menschenbild vertrete, das mit den Werten des Grundgesetzes unvereinbar sei, erhalte keinen Zutritt. "Gerade in Zeiten des zunehmenden Nationalismus und des Erstarkens rechtsradikaler Gruppierungen und Parteien muss die Würde dieses historischen Ortes geschützt werden."

Der "Volkslehrer" hat die Referentin wegen Beleidigung und Nötigung angezeigt - nachdem er ihren Großvater, einen Dachau-Häftling, verhöhnt hatte.