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Kein Graffiti an öffentlichen Wänden:Schrubben statt sprayen

Ist Graffiti Kunst oder Schmierei? Die Mehrheit im Karlsfelder Hauptausschuss lehnt den Antrag ab, die Wände in zwei Unterführungen mit Graffiti zu gestalten.

Warum, so die Idee der Fraktionsvorsitzenden des Bündnisses für Karlsfeld, Mechthild Hofner, sollte man nicht öffentliche Wandflächen von Sprayern gestalten lassen, und das künstlerisch und mit Konzept? Wäre das nicht besser als die Wände für teures Geld und mit großer Mühe immer wieder abzuschrubben? Karlsfelds Bauhof gibt dafür immerhin rund 4200 Euro im Jahr aus. Doch wie ein ähnlicher Vorstoß vor drei Jahren, scheiterte dieser Vorstoß im Hauptausschuss: CSU und SPD trugen sich mit allerlei Bedenken, lediglich die SPD-Jugendreferentin Venera Sansone mochte die Idee unterstützen. Im Gemeinderat hat das Projekt damit so gut wie keine Aussicht mehr auf Erfolg.

Hofner hatte beantragt, die Bahn- und die Radwegunterführung an der Münchner Straße am Würmkanal für ein Graffitiprojekt freizugeben. Max Haberl, Bereichsleiter der Gemeindlichen Jugendarbeit, unterstützt die Idee ausdrücklich: "Wir finden, dass wir mit der Bereitstellung solcher Flächen im öffentlichen Raum auch die Wertschätzung für unsere Jugendlichen zeigen." Auch ordnungspolitisch gebe es gute Argumente dafür: Bereits gestaltete Flächen würden deutlich seltener besprüht als kahle Wände.

Umsonst sei das Projekt allerdings auch nicht. Als begleitetes Projekt müsse die Gemeinde selbst die eine oder andere Dose Farbe stellen - was ebenfalls Geld kostet. Als einmalige Aktion bringe das Projekt auch nicht viel, denn die Erfahrung zeige, dass Flächen, die länger unverändert blieben, auch wieder angegriffen würden. Das gelte sogar für Street Art-Künstler wie Loomit. Er schlug deshalb vor, die Wände der Unterführungen alle zwei Jahre neu zu gestalten.

Die breite Ablehnung im Hauptausschuss hatte mit Geld allerdings wenig zu tun. Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) konnte sich nicht dafür begeistern, dass ausgerechnet die am stärksten frequentierten Unterführungen im Gemeindegebiet für so ein Jugendprojekt mit herangezogen werden sollten. Die Graffiti könnten dazu führen, "dass die Leute sich beklommen fühlen und die Unterführungen nicht mehr benutzen". Außerdem fürchte er, "dass wir damit auch Sprayer von außerhalb anziehen".

Holger Linde (CSU) machte keinen Hehl daraus, dass er "diese Projekte immer abgelehnt" habe. Für ihn seien das nur "Schmierereien". Es sei "doch kein Gefühl mehr da, wenn man sensible Bauwerke wie die Bahnunterführung für Sprayer freigibt". Außerdem schaffe man einen Aufenthaltsort für Jugendliche - und die hinterließen dann auch wieder Dreck, den man beseitigen müsse.

Anita Neuhaus (SPD) sagte: "Wir machen uns doch lächerlich, wenn wir erst einen Graffitischutz auf den Wänden auftragen - und dann eben diese Flächen freigeben." Außerdem seien die Graffiti nicht in jedermanns Augen Kunst. SPD-Fraktionssprecher Reinhard Pobel sprach sich dafür aus, den Jugendlichen lieber Flächen anzubieten wie am Jugendhaus, um den Passanten nicht zu viel zuzumuten. Jugendreferentin Sansone rief in Erinnerung, dass es um ein begleitetes Projekt gehe, man also durchaus Vorgaben machen könne, dass die Gestaltung nicht zu düster werde: "Es müssen ja keine Aliens sein."

Die Antragstellerin selbst zeigte sich "bestürzt über die Argumentationsweise" ihrer Kollegen. Es gehe in ihrem Antrag nicht um eine völlige Freigabe der Flächen, erklärte sie. Und wenn man sehe, dass es nicht funktioniere, gebe es immer noch ein Zurück, sagte Mechthild Hofner. "Einen Versuch ist es auf alle Fälle wert." Auch ihre Fraktionskollegin Eleonore Haberstumpf zeigte sich enttäuscht über das ablehnende Votum. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht ein spießiges Dorf werden."

Hans Guldner (SPD), Jahrgang 1937, sagte an die Adresse der Jugendlichen: "Die sollen doch lieber Fußball spielen oder schwimmen."

© SZ vom 19.04.2012
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