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Karlsfelder Sinfonieorchester:Beschauliches Dahingleiten

Konzert

Nur keine Hektik: das Karlsfelder Sinfonieorchester unter der Leitung von Bernhard Koch.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das Karlsfelder Sinfonieorchester spielt sich souverän in 80 Minuten um die Welt. Sogar für einen gemeinsamen Tanz bleibt Zeit

Eine "Reise um die Welt in 80 Tagen" verspricht Jules Verne in seinem wohl populärsten Roman. Bernhard Koch und sein Karlsfelder Sinfonieorchester wollten in ihrer traditionellen Sommer-Serenade, das zugleich den Abschluss des ersten Internationalen Kulturfestivals bildete, ihr Publikum gar "in 80 Minuten um die Welt" führen. Auf diese Parallele machte Michael Atzinger aufmerksam, der bekannte und sehr beliebte Moderator im Programm "Bayern 4" des Bayerischen Rundfunks, der auch für die Moderation dieser spektakulären musikalischen Reise gewonnen werden konnte. Da hat sich das Karlsfelder Sinfonieorchester ja Gewaltiges, schier Überwältigendes vorgenommen, doch man zeigte keinerlei Nervosität, man hatte es nicht einmal eilig!

Die Reise begann mit Carl Maria von Webers "Freischütz"-Ouvertüre in den böhmischen Wäldern. Diese Musik ist gewiss nicht durchwegs gemütlich, hier walten auch dunkle Mächte, doch Bernhard Koch ließ sie in einem eher beschaulichen Tempo ablaufen. Das Orchester konnte sich in aller Ruhe auch den kniffligsten Stellen dieser höchst anspruchsvollen Partitur annehmen und sie schließlich meistern. Man ließ sich Zeit wie Phileas Fogg, der Held des Romans von Jules Verne, der täglich viermal speist und in der Zwischenzeit Whist spielt, denn er macht ja gar keine Reise, sondern beschreibt "nur als physikalische Masse einen Kreis um den Erdball nach den Gesetzen der Mechanik". Ähnlich verhielt sich auch das Karlsfelder Konzertpublikum, das bei dieser Serenade eine erfreulich große "physikalische Masse" ausmachte.

Die gänzlich unaufgeregte fiktive Reise machte als nächstes mit einem Marsch von Johann Strauß (Sohn) bekannt, der diesen zunächst "Tscherkessen-Marsch", dann "Egyptischer Marsch" nannte. Egal - das Stück, eher kaukasisch als ägyptisch inspiriert, ist ein Meisterwerk, das in seiner farbigen Instrumentierung dem Karlsfelder Sinfonieorchester kaum weniger zu schaffen machte als vorher die "Freischütz"-Ouvertüre und anschließend eine Suite aus "An American in Paris" von George Gershwin. Paris scheint Bernhard Koch und sein Karlsfelder Sinfonieorchester besonders zu faszinieren; denn dort wollte man die musikalische Weltreise (in 80 Minuten!) auch beenden. Vorher hatte man aber noch für vieles Zeit, zum Beispiel Zeit, um sich in aller Ruhe fünf griechische Volkstänze anzuschauen. Freilich brauchte man sich dafür nicht bis nach Griechenland zu bemühen; denn dieses Tänze wurden von sechs trefflich kostümierten Tänzerinnen und drei Tänzern des makedonisch-thrakischen Vereins "Megas Alexandros", der sich in Dachau und Umgebung etabliert hat, beeindruckend ausgeführt.

Was man auf einem persischen Markt alles erleben kann - Händler, Bettler , sogar eine Karawane - schilderte einst eine Stummfilm-Szene. Jetzt taten das Michael Atzinger mit Worten und das Karlsfelder Sinfonieorchester mit der dazugehörigen Musik von Albert William Ketelbey. (Dass der Komponist dieses sehr bekannten Stücks aus Birmingham stammt, bekam man nebenher auch noch mit.) In ebenso anschaulicher Weise führten Michael Atzinger (mit Worten) und das Karlsfelder Sinfonieorchester mit der Musik von Alexander Borodin und dessen "Steppenskizze aus Mittelasien" in die Weite der Steppe im heutigen Usbekistan und Kasachstan - wieder samt Karawane, doch das zog, sehr schön komponiert und gespielt, im Bürgerhaus Karlsfeld vor dem geistigen Auge vorbei wie ein Film.

Jetzt wurde es aber doch eng mit den vorgesehenen 80 Minuten, und auf dem Programm standen noch ein bekannter argentinischer Tango und Auszüge aus dem Musical "The Phantom of the Opera" von Andrew Lloyd Webber, das bekanntlich in der Pariser Oper spielt. Bei diesem Stück in perfekter Wiedergabe erreichte das Karlsfelder Sinfonieorchester seinen klanglichen Höhepunkt. Was jetzt noch kam, war die Überraschung, die einschlug wie ein Blitz. Georgios Papaioannou (Bouzouki) als Solist und das Orchester spielten, die Griechen tanzten einen bekannten griechischen Volkstanz - und alle durften mittanzen. Das wurde so bejubelt, dass es einfach wiederholt werden musste.

Es hat sich also gelohnt, sich vom Karlsfelder Sinfonieorchester musikalisch "in 80 Minuten um die Welt" kutschieren zu lassen. Letztlich war es ja nur eine Reise von der Oper ("Der Freischütz") zum Phantom der Oper. Für den Fall, dass sich Bernhard Koch für die Reisen seines Karlsfelder Sinfonieorchesters weiterhin an Jules Verne orientieren möchte, sei darauf hingewiesen, das Jules Verne vor allem auch mit seiner "Reise zum Mittelpunkt der Erde" und einer "Reise zum Mond" populär geworden ist. Wenn wir dabei bequem auf unserem Stuhl im Bürgerhaus Karlsfeld sitzen bleiben dürfen, machen wir auch diese Reisen gern mit.