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Karlsfelder See:Die Sage von Emil, dem Krokodil

Vor mehr als 50 Jahren ist im Karlsfelder See ein Kaiman abgetaucht - und zur Kultfigur geworden.

Richard Maurer stellte sich das Leben von Emil am Karlsfelder See recht gemütlich vor.

(Foto: Toni Heigl)

Dichtung oder Wahrheit? Gab es wirklich ein Krokodil im Karlsfelder See? Viele halten die kuriose Geschichte, die sich um Emil, das Krokodil, rankt, für frei erfunden. Eine Sommerlochanekdote der Boulevardpresse, eine Zeitungsente, mokieren sich vor allem ältere Karlsfelder. Man will sich ja schließlich keinen Bären aufbinden lassen. Dabei müssten sie es eigentlich besser wissen. Die Kinder und Jugendlichen aber sind ganz anderer Ansicht: Sie sind überzeugt davon, dass es Emil wirklich gegeben hat. Kein Wunder: Alexander Paglialunga erzählt die Geschichte immer wieder gern und sehr überzeugend, besucht Karlsfelder Schulen oder, wie jetzt in den Sommerferien, die Bücherei. Die Kinder sitzen dann mit großen Augen und offenen Mündern da, lauschen aufmerksam und sind am Ende restlos begeistert vom "Schrecken vom Karlsfelder See". Zweifel sind ausgeschlossen.

Dass die Geschichte wahr ist, belegt das Foto von Klaus Hagers Vater mit dem Krokodil.

(Foto: Toni Heigl)

"Ich will nicht, dass diese alte Geschichte verloren geht", sagt Paglialunga. Sie trug sich vor etwas mehr als 50 Jahren zu: Ein Student hatte sich in einer Zoohandlung in ein kleines Krokodil verliebt. Es saß in einem Goldfischglas, faszinierte alle, die vorbeigingen. Der junge Mann kaufte es und nannte es Emil. Doch das Tier wurde groß und größer. Irgendwann passte es kaum noch in die Badewanne, da nahm er es einfach überall mit hin. In den Vorlesungen in der Uni saß das Reptil unter der Bank. Nachmittags führte er es im Englischen Garten an einer Hundeleine spazieren, nachts durfte es sogar mit ins Bett. Das erzählt jedenfalls der heute 74-jährige Klaus Hager, dessen Haustier Emil war. "Ich dachte damals, Krokodile sind interessant, aber sie sind keine besonders spannenden Tiere. Sie schauen eine Woche nach links, die andere nach rechts und wenn man sie füttert, bewegen sie sich gar nicht mehr." Drei Jahre lang waren Krokodil und Klaus Hager unzertrennlich. Wahnsinnig viel bewegen, musste sich das Tier in der Zeit nicht. Es durfte in seiner Ente mitfahren. Hager hatte seinerzeit ein besonderes Modell: Als Rücklicht diente eine Stalllaterne, den Fahrersitz hatte er rausgeschmissen und statt dessen einen bequemten Wohnzimmersessel eingebaut. Das Krokodil durfte neben ihm Platz nehmen, unter dem Sitz. Für heutige Verhältnisse ist das unvorstellbar, aber damals gab es noch keinen TÜV, der auf die Sicherheit geachtet hätte, und keinen Tierschutz, der Alarm geschlagen hätte.

Gelegentlich machte der Student einen Ausflug zum Baden an den Karlsfelder See. Emil durfte natürlich mit. Anfangs war dieser immer an der Leine, aber nachdem er sich eigentlich nie rührte, ließ der junge Mann die Leine auch schon mal weg. Eines Tages im Sommer 1967 erschreckte sich das Tier plötzlich, rannte wie der Blitz in den See und tauchte ab.

Je mehr Zeit verging, desto weniger Leute glaubten die Geschichte

Krokodil Emil

Die Kinder hören die Geschichte sehr gerne. Anders als Erwachsene zweifeln sie nicht an ihr.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

"In meiner Generation hat die Geschichte jeder gekannt", erzählt Paglialunga seinen kleinen Zuhörern. Doch als der 48-Jährige merkte, dass sie langsam in Vergessenheit gerät, beziehungsweise unter den älteren Karlsfeldern die Zahl der Zweifler immer größer wurde, entschied er sich die Geschichte aufzuschreiben - natürlich mit allerhand künstlerischer Freiheit.

"Er hat es sehr schön geschrieben", sagt Hager. "Ich finde es auch gut, dass die Anekdote bleibt. Sie gehört zum Karlsfelder See dazu." Während Emil im Buch von Paglialunga eine weite Reise zu seinen Freunden im Nil auf sich nimmt, verschiedenen Tieren und auch den Suchtrupps der Polizisten und Angler begegnet, ist die Wahrheit vermutlich viel nüchterner - vor allem aber unschön. "Das Wasser hat unten etwa zehn Grad. Emil hat sicher einen Kälteschock erlitten und konnte nicht mehr atmen", sagt Hager. Zwar dauere es eine Weile bis der Sauerstoff im Blut eines Krokodils aufgebraucht sei, doch die Rettungstrupps haben ihn "im eineinhalb Meter hohen Seegras nicht gefunden". Um ihn zu retten, hätte man vermutlich einen Bagger gebraucht, glaubt der Dachauer.

Krokodil Emil

Der Autor: Alexander Paglialunga.

(Foto: Niels P. Joergensen)

"Wenn in 1000 Jahren die Archäologen den See ausgraben, finden sie die Knochen von Emil." Davon ist er überzeugt. Den Zweiflern hält er Schwarz-Weiß-Fotos als Beweis für die Existenz des Krokodils entgegen. Auf einem steht sein Vater im Garten, hat das Krokodil, das streng genommen eigentlich ein Kaiman ist, auf dem Arm und schaut es an. "Mein Vater hat immer versucht, es zu streicheln. Da hat es zugeschnappt", sagt der 74-Jährige und lacht. Exotische Tiere waren die Leidenschaft der beiden. Und dann zeigt er die vielen Zeitungsausschnitte vom Sommer 1967, die er alle gesammelt und fein säuberlich ausgeschnitten in ein Heft geklebt hat.

Sogar das Fernsehen rückte an

Die Abendzeitung titelte damals: "Emil, wo bist du?" Ein anderes Blatt schrieb: "Ein Dorf zittert vor einem Krokodil". Die Bildzeitung war drastischer: "Emil verpatzt uns den ganzen Sommer". Denn keiner traute sich mehr ins Wasser, solange ein hungriges Krokodil in der Tiefe lauern könnte. Die Rubrik einer Lokalzeitung lautete: "Gemeinderat will Krokodil fangen." Der Bürgermeister habe einen Kasten Bier für den Finder als Belohnung ausgesetzt, hieß es da. Sogar die Weltpresse nahm Anteil am Karlsfelder Krokodil. Nicht nur Südafrika habe Probleme mit Krokodilen, schrieb eine dortige Zeitung. Und in Thailand hieß es: "Chemiker verlor sein Krokodil im öffentlichen Pool." "Ich habe damals von überall her Beileidsbriefe bekommen", erinnert sich Hager. Spaßvögel malten auch ein Fahndungsplakat und setzten 10 000 Reichsmark auf den Krokodilskopf aus. Sogar das Fernsehen rückte irgendwann an und wollte ein Interview. Hager schmunzelt: "Ich habe 30 Mark dafür bekommen. Doch kurz darauf bekam ich einen Strafbefehl von der Stadt Dachau, weil ich mein Tier nicht angemeldet hatte. Das hat auch 30 Mark gekostet. Und so war das Geld gleich wieder weg."

Der Besitzer von Emil: Klaus Hager.

(Foto: Toni Heigl)

Während Reporter und Neugierige den Karlsfelder See belagerten und andere ein großes Geschäft mit Plastikkrokodilen machten, hoffte Hager insgeheim, sein Emil werde vielleicht doch wiederkehren. Er vermisste seinen treuen Begleiter - auch wenn er zuweilen vielleicht ein wenig langweilig war. Doch der Dachauer hoffte vergebens. "Viel Unrat, aber kein Emil", titelte irgendwann die Presse, als sie über die erfolglose Suche nach dem Reptil vom Karlsfelder See berichtete.

Im folgenden Fasching wurde Emil vor dem Karlsfelder Rathaus ein Denkmal gebaut. Der Dachauer Bildhauer Erwin Borgwardt fertigte es an. Die Faschingsgesellschaft tanzte drumherum und heulte Krokodilstränen in ein Fläschchen. Doch über Nacht verschwand das Kunstwerk. Eine Lösegeldforderung wurde laut. Der damalige Bürgermeister Bruno Danzer sammelte dafür und stiftete schließlich 22,22 Mark. Daraufhin brachte die katholische Jugend das Emil-Denkmal wieder zurück. So ist es zumindest in der Karlsfelder Chronik hinterlegt.

Ein Modell von Emil steht derzeit in Großberghofen

Ilsa Oberbauer, die Leiterin des Heimatmuseums, erzählt die Geschichte mindestens genauso gern und mit ebenso viel Begeisterung, wie Paglialunga. In ihrer Sammlung befindet sich auch heute noch ein Pappkrokodil - allerdings nicht das von Borgwardt. Dieses ist im Laufe der Zeit kaputt gegangen. Die Kinder von Mini-Karlsfeld bauten 2005 ein neues. Oberbauer hat es nun im Zuge einer Tauschaktion der Museen im Landkreis Dachau verliehen. Zwei Monate war es zusammen mit Paglialungas Buch im Dachauer Bezirksmuseum zu sehen, seit Donnerstag ist es in Großberghofen ausgestellt. Auch ihr Bestreben ist es, das Krokodil im Karlsfelder See präsent zu halten. Um so mehr freut es Oberbauer, wenn sie von ihrer Enkelin mitbekommt, dass die 17- und 18-Jährigen sich gegenseitig das Buch von Paglialunga schenken.

Etwa 350 Bücher hat der Dachauer Künstler bereits verkauft, seit er das Bilderbuch vor zwei Jahren anlässlich des 50. Jahrestags von Emils Verschwinden im Selbstverlag herausbrachte. Die Buchhandlungen in Karlsfeld und Dachau waren anfangs sehr skeptisch, sind nun aber positiv überrascht über den Erfolg des Werks. Und Paglialunga muss immer wieder Autogramme geben.