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Karlsfelder See:Revierkämpfe

Die Kanadische Gänse genießen das großzügige Futterangebot am Karlsfelder See. Sie vermehren sich von Jahr zu Jahr und mit ihnen der Vogelkot auf den Liegewiesen - sehr zum Ärger einige Anwohner.

(Foto: Toni Heigl)

Nicht nur Menschen, auch Gänse fühlen sich wohl am Karlsfelder See. Zu wohl, wenn es nach Anneliese Ingenkamp geht. Sie macht sich Sorgen, die Tiere könnten Krankheiten übertragen und die Wasserqualität beeinträchtigen.

Die Sonne kehrt in dieser Woche zurück - und mit ihr der Wunsch, sich in der freien Natur am Wasser niederzulassen und sich abseits des Stadtlärms zu entspannen. Ob alleine, mit der Familie oder coronabedingt mit etwas Abstand zu guten Freunden, der Karlsfelder See lockt durch seine vielseitigen Freizeit- und Entspannungsmöglichkeiten viele Besucher an. Stark frequentiert wird der Erholungsort jedoch auch von tierischen Besuchern. Immer mehr Gänse lassen sich nicht mehr nur zur Sommerzeit, sondern aufgrund des milden Klimas im Winter dauerhaft dort nieder. Dies jedoch sehr zum Leidwesen vieler Besucher: Viele der früher so einladenden Liegewiesen sind voller Vogelkot.

Für Anneliese Ingenkamp ist der See fester Bestandteil ihres Alltags, doch die Qualität der umliegenden Wiesen ist für sie mittlerweile eine Zumutung. "Da kann man mit Kindern nicht mehr hingehen", sagt sie. Gerade bei Kleinkindern bestehe die Gefahr, dass sie beim Spielen auf der Wiese, durch verstreuten Vogelkot mit Krankheitserregern in Kontakt kommen könnten, so Ingenkamp. Schon seit dem vergangenen Jahr versucht die Karlsfelderin deshalb, auf die zunehmende Verschmutzung der Wiesen und des Sees durch die Hinterlassenschaften der Vögel aufmerksam zu machen. Sie hat sich an die Kommune, das Gesundheitsamt des Landkreises sowie an politische Parteien und Stellen des Landratsamtes gewandt. Meist jedoch mit keiner oder nur wenig Resonanz, kritisiert Ingenkamp. "Es ist nichts passiert."

"Der Zustand wird immer schlechter, weil sich die Gänse stetig vermehren"

Da derzeit noch unklar ist, wann und ob das Dachauer Familienbad öffnen wird, stellt sich für Ingenkamp die Frage, wohin Badegäste ausweichen sollen. "In einer Zeit wie jetzt ist es wirklich ein Problem", sagt sie und meint damit die Corona-Krise. Der Karlsfelder See sollte als Naherholungsgebiet deshalb nicht vollends den Tieren überlassen werden, meint Ingenkamp. "Ich finde, da muss man die Interessen der Menschen, die hier wohnen und der Tiere, die hier leben abwägen." Natur- und Tierschutz ist ihr wichtig, sie habe jedoch Sorge, den See vollends an die Wasservögel zu verlieren. "Der Zustand wird immer schlechter, weil sich die Gänse stetig vermehren. Keiner unternimmt dagegen was", beklagt Ingenkamp.

"Auf die Beschwerden der Menschen wird sehr wohl eingegangen und im Rahmen unserer Möglichkeiten auch etwas unternommen", hält Peter Selmeier dagegen. Der verwaltende Fachangestellte des Landratsamtes Dachau ist zuständig für die Betreuung des Karlsfelder Sees und kennt die Beschwerden von Menschen wie Ingenkamp - sie wiederholen sich alljährlich. Die Problematik der Verschmutzung durch Wasservögel bestehe am Karlsfelder See bereits seit etwa fünf Jahren. Die Vögel seien jedoch in ihrer Anzahl "dieses Jahr nicht mehr oder weniger wie in den letzten Jahren", versichert Selmeier. Überprüft werde das durch mehrfache stichprobenartige Zählungen im Jahr.

Einen Liegeplatz am Ufer des Karlsfelder Sees zu finden, könnte in diesem Sommer schwierig werden - wegen der Corona-Krise und den Vögeln.

(Foto: Toni Heigl)

Etwas an der Situation zu ändern, dürfte jedoch schwierig werden, da die Gänse dem Jagdrecht unterliegen und dementsprechend Jagd- und Schonzeiten haben, führt Selmeier aus. Eine realistische Option stellt das Jagen allerdings nicht dar. Denn der Karlsfelder See ist auch zur Jagdzeit gut besucht, sodass der Gebrauch von Schusswaffen nur "sehr schwer zu verantworten" ist, so Selmeier.

Ein weit schwerwiegenderes Problem ist aus seiner Sicht aber ohnehin die Fütterung der Wasservögel durch Besucher. Es gelte zwar ein Verbot, dieses werde jedoch oft direkt und gezielt oder auch indirekt durch das Hinterlassen von Lebensmittelresten auf den Wiesen missachtet, sagt Selmeier. So entstehe für die Vögel ein breites Futterangebot, was diese dazu verleite, an Ort und Stelle zu verweilen. Durch häufiges Mähen der Wiesen entstehe eine "perfekte Weidefläche", wodurch eine weitere Futterquelle für die Vögel geschaffen würde, so Selmeier. Die Rahmenbedingungen für ein Erholungsgebiet lassen jedoch ein selteneres Mähen der Liegewiesen wiederum nicht zu.

Die Wasserqualität des Karlsfelder Sees ist noch ein Aspekt, der strittig diskutiert wird. "Ich bezweifele, dass die Wasserqualität so ist, wie es immer dargestellt wird", sagt Anneliese Ingenkamp. Die Tiere würden ja auch im Wasser leben und ließen dort ihre Exkremente zurück. Peter Selmeier versichert indes, dass das Gesundheitsamt des Landkreises mehrmals im Jahr Proben nehme und die Ergebnisse überprüfe. Bei einer Verschlechterung der Qualität würde "eine Sperrung des Badebereiches" erfolgen, so Selmeier. Diese Maßnahme war bislang nicht nötig, da "noch nie ein Gesundheitsrisiko bestand", betont Selmeier. Gleichzeitig gibt er zu bedenken, "dass es sich um einen Landschaftsbestandteil in der freien Natur handelt und den natürlichen Lebensraum der Wildtiere darstellt".

© SZ vom 23.06.2020

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