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Diskussion im Landratsamt:Wie der Karlsfelder See wieder erholsam werden soll

Schwimmen, schwatzen, schwitzen, schmausen, plaudern, lachen, spielen. Ist alles erlaubt am Karlsfelder See. Dazu ist es ein Naherholungsgebiet.

(Foto: Toni Heigl)

Viele Badegäste benehmen sich reichlich daneben, lassen Hunde frei laufen, lärmen, fahren mit dem Auto bis ans Ufer. Der Kreisausschuss will nicht tatenlos zusehen.

Die Badesaison läuft seit weniger als zwei Monaten. Doch was sich allein in dieser kurzen Zeit am Karlsfelder See alles abgespielt hat, ist kaum zu glauben. Erst in dieser Woche meldete die Polizei, dass sich Ende Juni ein Liebespaar in aller Öffentlichkeit und vor den Augen Minderjähriger vergnügt habe. An Pfingsten soll ein Sicherheitsmitarbeiter einer Frau Bußgeld angedroht haben, weil sie sich ohne Oberteil sonnte. Immer wieder parkten Badegäste ihre Autos direkt am See, um Gepäck nicht so weit schleppen zu müssen. Und dann schlägt auch noch die Natur zu: Ein Schwarm Kanadagänse hat sich am See niedergelassen und kotet regelmäßig Grün- und Kiesflächen zu. Hinzu kommen die Unmengen an menschlichen Hinterlassenschaften und Überbleibsel berauschender Partys. "Das absolute Chaos" habe er an einem Tag am Wochenende erlebt, sagt Karlsfelds Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU). Für ihn tun sich am See moralische Abgründe auf. "Die Rücksichtslosigkeit ist enorm." Das sagt auch Landrat Stefan Löwl (CSU). Es gebe einfach immer mehr verantwortungslose und unvernünftige Zeitgenossen.

Das Landratsamt, das für den See zuständig ist, will nicht tatenlos zusehen. Die Verwaltung hat die aktuelle Situation am Erholungsgebiet nach den Pfingstferien noch einmal überprüft und nun den Mitgliedern des Kreisausschusses darüber Bericht erstattet. Schließlich geht es um viel Geld: Der Landkreis will voraussichtlich in diesem Jahr mehr als eine Viertelmillion Euro für Maßnahmen am Karlsfelder See ausgeben. Verwaltungsmitarbeiter Jörg Bögeholz erklärt am Freitag im Kreisausschuss: "Wir müssen alle unterschiedlichen Interessen am See unter einen Hut bringen." Bürgermeister Kolbe fordert, rigoros vorzugehen. "Wir sollten ein Zeichen setzen."

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Mehr Ordnungswidrigkeiten

Die Bußgeldverfahren haben sich im Vergleich zum Vorjahr deutlich erhöht, was auch daran liegt, dass die Mitarbeiter des Ordnungsdienstes öfter patrouillieren. In der aktuellen Badesaison hat das Landratsamt bislang folgende Ordnungswidrigkeiten aufgenommen: 40 Mal ließen Badegäste ihre Hunde frei herumlaufen, obwohl diese am See eigentlich an der Leine zu halten sind. Deutlich schwerer wiegen diese Verstöße: 26 Mal sind Menschen direkt mit ihrem Auto an den See gefahren, was Bögeholz als "unglaublich" kommentiert. "Autos haben da nichts verloren", sagt Kolbe und fordert, eventuell noch einen Poller einzusetzen und die Schranken zum See geschlossen zu halten. Hinzu kommen 17 Ordnungswidrigkeiten wegen Wildgrillens. Einmal haben Badegäste ein offenes Feuer gelegt. Als Gegenmaßnahme hat das Landratsamt die bestehenden Zonen, in denen man grillen darf, vergrößert und besser ausgeschildert.

Trubel am See

Laute Musik, Müll liegen lassen, wild grillen und wild parken aber verderben vielen die Ruhe und die Laune. Auch der Gemeinde Karlsfeld und den Kreisräten.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Sicherheitsdienst

Aufgrund der Besuchermassen patrouillieren Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes öfter und länger. Die Streifen sind nun von 11 bis 20 Uhr statt wie bisher von 11 bis 18 Uhr unterwegs. Um Mehrkosten zu vermeiden, soll sich der Personaleinsatz mithilfe eines Schichtsystems an den Andrang am See anpassen. Für Kolbe ist das alles zu wenig. Er findet, der Ordnungsdienst solle am Wochenende noch länger Präsenz zeigen. "Ab 20 Uhr geht es da weiter", sagt er. Löwl plädierte dafür, die aktuelle Badesaison noch abzuwarten und eventuell im kommenden Jahr die Zeiten auszuweiten. Dafür sollen die Securitys jetzt deutlich sichtbarer werden. Die Einsatzkräfte haben einheitliche T-Shirts bekommen und sollen sich bald mit Schriftkarten ausweisen können, die ihre Befugnisse erläutern. Diese Karten sind in Deutsch, Englisch, Türkisch und Arabisch verfasst. Hintergrund der Maßnahme ist, dass sich im vergangenen Jahr Betrüger als Sicherheitsleute ausgegeben und von Badegästen Bußgeld verlangt haben. Die Verwaltung weist darauf hin, dass die Mitarbeiter des Ordnungsdienstes Personalien aufnehmen, aber kein Bußgeld verhängen dürfen. Darüber entscheidet ausschließlich das Landratsamt. Löwl sagt: "Keiner zahlt vor Ort."

Oben ohne

Eine Frau berichtete auf Facebook, wie sie am Pfingstsonntag von einem Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes verwarnt worden war, weil sie sich "auf dem Bauch liegend oben ohne" gesonnt hatte. Die Aufregung in den Kommentarspalten des sozialen Netzwerkes war so groß, dass sich auch das Landratamt dazu äußern musste. Im Kreisausschuss sagt Bögeholz, dass man den Ordnungsdienst angewiesen habe, ausschließlich passiv, also bei Beschwerden anderer Gäste, auf das Thema Sittlichkeit zu reagieren. Denn: "Oben ohne ist - im Gegensatz zu FKK - nicht grundsätzlich verboten." Wenn allerdings Badegäste nackt für Fotos posen oder sexuelle Handlungen vornehmen, soll der Sicherheitsdienst einschreiten und sie darauf hinweisen, dass sie sich den See mit Familien mit kleinen Kindern teilen.

250 Tausend Euro

Eine Viertelmillion Euro gibt das Landratsamt jährlich für die Bewirtschaftung des Karlsfelder Sees aus. Das Erholungsgebiet hat eine Fläche von 58,2 Hektar. Es gibt einen circa 15 Meter hohen Aussichtsberg, einen Fischweiher, zwei Feuchtbiotope, einen Beachvolleyballplatz, Tischtennisplatten, zwei Bocciabahnen, zwei Sommerstockbahnen, 17 Hektar Liegewiese, einen Kinderspielplatz, das Jugendhaus und einen Fitness-Parcours. Für das leibliche Wohl sorgen zwei ganzjährig bewirtschaftete Gaststätten am See.

Gänsekot

Die unschönste Aufgabe am Karlsfelder See erledigt eine Maschine: der Mähsauger. Wie es der Name sagt, saugt das Gerät den Kot der Gänse von den Liegewiesen und dem Uferbereich. Da sich in den vergangenen Wochen immer mehr Menschen beschwert haben, dass viel zu viel Gänsekot am See herumliegt, setzt das Landratsamt den Mähsauger nun zweimal statt wie bisher einmal pro Woche ein. Das lässt sich das Landratsamt 3000 Euro kosten. Ende Mai machten sich Mitarbeiter des Gesundheitsamtes selbst ein Bild. Dabei hätten sie "keine nennenswerten Kotansammlungen" festgestellt, so die Kreisverwaltung, die von "subjektivem Hygieneempfinden" der Badegäste spricht. Das Gesundheitsamt misst monatlich die Wasserqualität des Sees. Diese sei "ausgezeichnet", sagt Bögeholz. Das könnten Interessierte auch auf der Homepage des Landratsamtes nachlesen.

Die Kreisräte haben die Verwaltung beauftragt, den Verlauf der Badesaison weiter zu analysieren. Im Frühjahr 2020 wollen sie die Satzung eventuell anpassen. Laut Landratsamt ist klar, dass der Trubel am Karlsfelder See das derzeitige Personal auf Dauer überfordert.

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