Karlsfelder Kunstkreis:Die Welt im Fluss

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Mit einem Jahr Verspätung findet nun die Jahresausstellung des Karlsfelder Kunstkreises statt. Das Thema "Zwischenzeiten" haben die 21 Kunstschaffenden teils sehr unterschiedlich interpretiert

Von Felix von den Hoff, Karlsfeld

Auf den ersten Blick scheinen die Zeichnungen, Malereien und plastischen Arbeiten, die den hellen Raum der Galerie-Kunstwerkstatt in Karlsfeld schmücken, in keinem Bezug zueinander zu stehen. Hier finden sich farbenfrohe, warme Töne, dort dominieren düstere und triste Momente. Doch die Exponate der 21 ausstellenden Künstler eint doch ein umfassendes Thema: Zwischenzeit. Dass dieses sehr vielfältig interpretiert und dargestellt werden kann, zeigt die Jahresausstellung des Karlsfelder Kunstkreises.

Eigentlich sollten die Arbeiten der Mitglieder schon vor einem Jahr gezeigt werden. Kurzfristig musste die Jahresausstellung dann aber doch abgesagt werden. Das Thema hat man aber auch in diesem Jahr beibehalten, denn es ist ja immer noch aktuell. Vielleicht sogar noch aktueller als im vergangenen Jahr. Über die Zeit sei das Thema immer facettenreicher geworden, erklärt der erste Vorsitzende des Vereins, Klaus-Peter Kühne. "Durch den Abstand zu letztem Jahr hat sich auch der Blickpunkt vieler Künstler auf das Thema geändert", erklärt er. So zeichnen sich auch die vergangenen Monate der Pandemie in einigen Werken ab. Andere interpretieren Zwischenzeit jedoch auch auf ganz andere Art und Weise.

Die vier Zeichnungen von Aysim C. Woltmann zum Beispiel beschäftigen sich in bunten und lebensfrohen Farben doch mit einem ernsten Wegbegleiter der Zwischenzeit: dem Tod. Woltmanns Mann ist kurz vor Corona verstorben. "Trauerbilder" nennt sie ihren Beitrag zur Ausstellung, der sich vor allem der Einsamkeit in den vergangenen zwei Jahren und der Frage, wie die Zukunft nun aussehen soll, widmet. Daneben hängen zwei Acrylbilder mit dem Namen "Niemandsland". Monika Fuchs-Warmhold zeigt darauf schwarze Figuren. Figuren, die auf einer weiten, verlassenen Fläche in einem Meer aus Grün- und Blautönen stehen, das durch kurze, freie Pinselstriche unkontrollierbar und wild wirkt. Doch auch ihre Konturen verschwimmen und so stehen sie auf einer sie umrankenden Oberfläche und blicken teils in Gruppen, teils allein erwartungsvoll in die Weite, in der allerdings außer Niemandsland nichts auf sie zu warten scheint.

Unheimlich wirkt auch die Serie aus sechs kleinen Bildern von Eva Riedl, in denen sich auf abstrakte Weise helle und dunkle Momente abwechseln, während sich Liz Schindler in einer Collage mit den abstrakten Dimensionen Zeit und Raum beschäftigt. Ottilie Patzelt dagegen schuf eines der farbenfrohen Bilder der Ausstellung in hellen und warmen Gelb- und Rottönen. Für sie ist Zwischenzeit die Befreiung vom anstrengenden, oft trostlosen Alltag und das Träumen von der Ferne. In Wolken aus gelber Tusche zeichnet sie so mit unzähligen roten Punkten die Umrisse einer Stadt genauso wie die einer Landschaft ab und erschafft so einen traumhaften Zufluchtsort. Nicht zu deutlich allerdings - es ist eben doch nur ein Traum. Das dreiteilige Acryl von Ingrid Regendantz "Die Zeit dazwischen" führt einen dann in eine ganz fantastische Welt. "Man muss genau hinschauen, dann erkennt man immer etwas Neues", rät die Künstlerin. Und tatsächlich: Aus den Schlieren und Farbflächen schälen sich bei genauerer Betrachtung Formen von Figuren, Tieren und Licht, die von Leben und Tod erzählen.

Jahressausstellung

Gudrun Prölss-Feldmanns Portrait "Selma" und "Der Riss" von Renate Haffner beschäftigen sich mit Distanz.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

In einem Foto hält Alexander Krohmer die Zeit zwischen dem Feuerwerk am 4. Juli in New York und dem Ende der Nacht fest. Die Zwischenzeit eines Umbaus fotografierte Pingkan Lucas. Eine ganz andere Perspektive hat Tayama Ramos da Silva-Nielsen für ihre Serie aus drei mal fünf Fotografien gefunden. Mit "verlorenen Bildern" dokumentiert sie ihre eigene Zwischenzeit und bildet unter dem Titel "Concordâncias" - zu Deutsch Übereinstimmungen - grafisch und farblich passende Gruppen, die einen auf eine Reise von Karlsfeld über Dänemark bis nach Portugal mitnehmen.

Ein großes Portrait von Gudrun Prölss-Feldmann widmet sich den Einschränkungen der Zwischenzeit. Es zeigt ein junges Mädchen, in der Hand eine Geige. Demonstrativ hängt vor ihr ein Absperrband, das sie vom Betrachter des Bildes distanziert. Deutlich von den letzten Jahren beeinflusst ist auch das Bild von Carin Szostecki. Bunte, an ein senkrechtes Diagramm erinnernde Acrylbalken schmücken ein waagerecht durch das gesamte Bild verlaufendes Maßband. 1,50 Meter misst es. "Das hat unser Leben nun mal bestimmt", sagt sie. Doch die Frage hinter dieser Darstellung ist weitaus komplexer: Wie werden die Jahre der Pandemie erscheinen, wenn man in vielen Jahren zurückblickt? Was hat sich verändert? Was bleibt?

Die Jahresausstellung des Kunstkreises Karlsfeld ist noch an diesem Wochenende, 20. und 21. November, jeweils von 14 bis 18 Uhr in der Galerie Kunstwerkstatt zu sehen. Es gilt die 2G-Regel, sowie Maskenpflicht.

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