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Karlsfelder Feuwehr:Not macht erfinderisch

Die Freiwillige Feuerwehr Karlsfeld wollte mit einer groß angelegten Werbeaktion neue Mitglieder werben - doch dann kam die Corona-Krise. Da Warten nicht in Frage kam, finden Infoabende nun per Videokonferenz statt

So hatten sich die Karlsfelder Feuerwehrler das nicht vorgestellt: Man wollte Interessierte locken, ihnen Löschzüge und Gerätehaus zeigen, sie beeindrucken und sich persönlich mit ihnen unterhalten. Doch die Corona-Krise hat alles verändert. Schon die Plakataktion, die direkt nach den Kommunalwahlen Mitte März wie ein Blitz einschlagen sollte, um neue Mitglieder zu werben, konnte nur mit großer Verzögerung ausgeführt werden. Doch die riesigen Stellwände mit den schrillen Farben, den reißerischen Slogans - "Karlsfeld brennt", "Wenn in Karlsfeld alle wegrennen..." und "Karlsfeld steht das Wasser bis zum Hals" - haben ihre Wirkung entfaltet. Sie haben die Bürger neugierig gemacht und zum Nachdenken angeregt. Zwölf von ihnen fühlten sich spontan angesprochen und haben sich bei der Feuerwehr gemeldet.

Ende Mai organisierte Projektleiter Michael Konrad zusammen mit Kommandant Michael Peschke einen Infoabend. Doch trotz vieler Lockerungen von den coronabedingten Ausgangsbeschränkungen erlaubte das Landratsamt keinen Ortstermin. Nur Aktive dürfen ins Gerätehaus - wenn möglich nur im Falle eines Einsatzes. Man will das Virus auf jeden Fall draußen halten. Die Ehrenamtlichen mussten sich also etwas einfallen lassen. Schließlich wollten sie sich als "Feuerwehr zum Anfassen" präsentieren. Und Warten kam für die Karlsfelder nicht in Frage. Neue Mitglieder sind für sie notwendig, um überhaupt leistungsfähig bleiben zu können. "Die Einsätze werden nicht weniger durch Corona", erklärt Konrad. Zudem verließen in den kommenden Wochen und Monaten zwei Mitglieder die Truppe, weil sie wegziehen. Karlsfeld ist ihnen zu teuer, dort können sie keine passende Wohnung finden. Die ohnehin schon dünn besetzte Helferriege schrumpft also weiter.

Feuer

Erst wenn die Karlsfelder Feuerwehr mehr als 100 Aktive hat, ist die Einsatzfähigkeit für die Zukunft sicher gewährleistet. Derzeit gibt es gerade mal 70, die helfen können, wenn etwa der Ludlhof nachts brennt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Feuerwehrler luden die Interessenten schließlich zur Videokonferenz. Sie hatten mit viel technischem Aufwand einen virtuellen Gang durch das Innerste des Gerätehauses geplant. Peschke und Zugführer Roland Gerharger zeigten die Einsatzzentrale, den Aufenthaltsraum und die Fahrzeughalle. Sie demonstrierten, wo sich die Aktiven im Ernstfall umziehen und wie sie sich eine Atemschutzmaske anlegen. Highlight war natürlich die 30 Meter lange Leiter. Live fuhren Peschke und Gerharger diese aus, und die Konferenzteilnehmer konnten sehen, wie Karlsfeld von oben aussieht. "Eine coole Aktion", schwärmt Konrad noch immer. Er kümmerte sich an diesem Abend um die Technik.

Natürlich bekamen die Interessenten auch Gelegenheit, Fragen zu stellen. Die Neuen wollten etwa wissen, wie Übungen ablaufen oder wie man diese zeitlich mit der Arbeit unter einen Hut bringen kann. Einer ist inzwischen in den Verein eingetreten, acht weitere wollen dies in den nächsten Tagen tun, eine Frau hat aus terminlichen Gründen vorerst abgesagt, berichtet Kommandant Peschke. Drei Neue haben schon angefragt, ob sie beim nächsten Infoabend dabei sein können. "So kann es weitergehen", sagt Peschke zufrieden. Dass die Plakataktion so gut ankommt, hätte er nicht gedacht. "Wir haben viele Skeptiker gehabt", gibt er zu und freut sich umso mehr über den Erfolg. Dennoch ist die Nachwuchswerbung damit keineswegs beendet. "Wir brauchen noch 20 weitere", erklärt der Kommandant. Erst wenn die Karlsfelder Feuerwehr über 100 Aktive hat, ist die Einsatzfähigkeit für die Zukunft sicher gewährleistet. Derzeit gibt es gerade mal 70, die im Notfall helfen.

Der Infoabend für Interessierte findet in Corona-Zeiten notgedrungen per Videokonferenz statt.

(Foto: Freiwillige Feuerwehr Karlsfeld/oh)

Die meisten Neuen sind zwischen Ende 20 und Mitte 30, einer suchte mit 52 Jahren eine neue Herausforderung. Es meldeten sich vor allem Männer - nur eine Frau. Einige sind aus der Neuen Mitte, also relativ neu zugezogen, andere leben schon länger in der Gemeinde, berichtet Peschke. Demnächst werden die neuen Mitglieder eingekleidet. Sie bekommen eine Einweisung in die Alarmierungs-App und einen kleinen Einblick in die Ausbildung. Außerdem will man sie möglichst schnell mit auf Einsätze nehmen - keine großen Brände, sondern erst einmal kleinere Notfälle, wie Wohnungsöffnungen oder Verkehrsabsicherungen nach einem Unfall. Einsätze, bei denen den Aktiven Zeit bleibt, die Anfänger einzuweisen, erklärt Konrad. Anders als bei Jugendlichen könne man Erwachsene parallel zur Ausbildung bei Notfällen helfen lassen. Auf diese Weise wollen die Feuerwehrler die Interessenten nicht durch eine lange Ausbildung ernüchtern. Sie sollen gleich erkennen, welchen Nutzen ihre Hilfe hat. Und sie sollen von Anfang an Teil der Truppe sein.

Ob alle bei der Freiwilligen Feuerwehr bleiben, wird man sehen. Der Karlsfelder Kommandant ist noch ein wenig skeptisch: "Die Abrechnung machen wir nach einem Jahr: mal sehen, wer dann noch dabei ist." Aber hoffnungsfroh ist er trotzdem. Im Kopf hat er bereits zwei weitere Bereitschaftgruppen zusammengestellt. "Dann müsste jeder Aktive nur noch alle neun Wochen Bereitschaftsdienst schieben statt alle sieben, wie es jetzt ist", erklärt er. Für die Aktiven wäre das eine enorme Entlastung.

Begeistert ist Peschke auch davon, dass die Mitgliederwerbung selbst Jugendliche angesprochen hat. 6000 Klicks hatten die Feuerwehrler auf Facebook. Fünf Unter-18-Jährige haben sich gemeldet. "Sie kommen nach Pfingsten zum Schnuppern", sagt der Kommandant.

© SZ vom 09.06.2020

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