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Mietspiegelindex:Karlsfeld: Nirgendwo zahlen Mieter mehr für Wohnungen

Teures Pflaster: Wer sich in Karlsfeld eine Wohnung kaufen oder mieten möchte, muss viel Geld hinlegen. Die Nähe zur Landeshauptstadt und der an manchen Stellen ländliche Touch machen die Gemeinde attraktiv.

(Foto: Toni Heigl)

Mieter müssen in der Gemeinde laut einem Forschungsinstitut für ihre Wohnungen so viel zahlen wie nirgendwo sonst in Deutschland.

Karlsfeld ist auf Platz eins. Doch die Bürger sind nicht so richtig begeistert von dieser Spitzenposition. Schließlich handelt es sich um die Mietpreise. Laut dem Hamburger Forschungsinstitut F + B ist Karlsfeld die teuerste Kommune unter den deutschen über 20 000-Einwohner-Gemeinden beziehungsweise Städten, noch vor Stuttgart, Dachau und München. Und zwar zum zweiten Mal in Folge. "Den Ort hier als zweites Monaco darzustellen, ist einfach peinlich", schreibt ein Facebooknutzer. Ein anderer nimmt es mit Galgenhumor: "Ab dem dritten Mal darf man den Wanderpokal behalten, oder?", witzelt er. Ein dritter hat die Folgen zu spüren bekommen und so kommentiert er etwas kleinlaut: "Hoffentlich steigt es (gemeint ist der Mietspiegel, Anm. d. Red.) in Karlsfeld nicht weiter. Hab nach drei Jahren jetzt auch zehn Prozent Erhöhung bekommen vom Vermieter auf die Vergleichsmiete."

Darüber, ob der Titel "teuerste Kommune Deutschlands" gerechtfertigt ist, kann man streiten. Das hochpreisige Grünwald ist schließlich nicht berücksichtigt, da die Gemeinde weniger als 20 000 Einwohner hat. Auch Ismaning, Olching, Fürstenfeldbruck und Starnberg sind von F+B nicht mit ausgewertet worden, da sie keinen Mietspiegel haben. Dass Karlsfeld teuer ist, bestreitet jedoch niemand.

Wohnungen in Karlsfeld sind teuer

Vor acht Monaten war laut F+B die durchschnittliche Miete einer 65 Quadratmeter Wohnung mittlerer Ausstattung in Karlsfeld bei 10,62 Euro - 53 Prozent höher als der deutsche Durchschnitt. Jetzt ist diese Miete noch um ein paar Cent gestiegen auf 10,86 Euro. "Karlsfeld ist in einer misslichen Lage, Vorort von München zu sein", sagt Wolfgang Winter, der Vorsitzende des Mietervereins Dachau. "Die Gemeinde ist nur eine S-Bahnstation von der Landeshauptstadt entfernt und hat einen ländlichen Touch. Für viele bedeutet das eine bessere Lebensqualität als in der Mitte von München." Deshalb wollen so viele nach Karlsfeld ziehen, obwohl die Gemeinde auf den ersten Blick nicht so hübsch ist, wie etwa Dachau. Die Kreisstadt ist jedoch noch eine S-Bahnstation weiter, deshalb sei Karlsfeld teurer, erklärt Winter. Hinzu komme, dass in den vergangenen Jahren gerade in Karlsfeld viele Neubauten entstanden sind: Neue Mitte und Prinzenpark etwa. Auf jeden Fall deutlich mehr als in Dachau. "Und wenn neue Wohnungen teuer vermietet werden, treibt das die Spirale nach oben", erklärt Armin Riedl vom Haus- und Grundeigentümerverein Dachau und Umgebung. Denn diese unterliegen keiner Mietpreisbremse.

Aber auch die bestehenden Mietwohnungen werden nach und nach teurer. Der Haus- und Grundeigentümerverein informiert seine Mitglieder regelmäßig über den Mietspiegel. "Und wenn ein beachtlicher Sprung da ist, weisen sie darauf hin, dass sie ihre Mieten überprüfen sollten", sagt Riedl. So habe es zwischen 2016 und 2018 in Karlsfeld eine Steigerung von etwa 1,70 Euro pro Quadratmeter gegeben, in Dachau um einen Euro. Wenn eine solche Wertsteigerung da sei, stelle das für viele Vermieter einen Anreiz dar, die Mieten zu erhöhen, erklärt der Vorstand des Haus- und Grundeigentümerverein. Gehe der Mietspiegel dagegen nur um wenige Cent nach oben, ließen die meisten es bei der bestehenden Vereinbarung.

"Karlsfeld wird noch länger an der Spitze sein"

"Karlsfeld wird noch länger an der Spitze sein", prognostiziert Riedl. Demnächst entstehen weitere rund 280 Wohnungen auf dem Ludl-Gelände an der Münchner Straße. Auch hier erwarten die Experten hohe Erstmieten. Denn die Baukosten stiegen, gleichzeitig versuche jeder Rendite zu machen, so Riedl. Für 2022, wenn Karlsfeld einen neuen Mietspiegel erstellen wird, erwartet der Rechtsanwalt wieder eine große Steigerung, auch wenn das Ludl-Gelände bis dahin noch nicht fertig bebaut sein wird. Aber es werde im Ort weiter nachverdichtet. An der Preisspirale nach oben werde sich nichts ändern, solange es in München qualifizierte Arbeitsplätze gibt und Leute, die bereit sind, alles zu zahlen. Davon ist man beim Mieterverein Dachau überzeugt.

Die Kommunalpolitiker fühlen sich angesichts dieser Entwicklung hilflos. "Teuerste Gemeinde Deutschlands ist ein zweifelhafter Ruhm", sagt der CSU-Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat Bernd Wanka mit einem Seufzer. Bei dem großen Ludl-Projekt hat die Gemeinde bereits einen Teil einkommensgeförderte Wohnungen vorgesehen. Außerdem sind noch 19 Genossenschaftswohnungen geplant. Vor Kurzem wurden 79 Sozialwohnungen in der Parzivalstraße bezogen. Außerdem hat man die sozial verträgliche Bodennutzung eingeführt, um die Investoren an den Folgekosten zu beteiligen und die klamme Kommune zu entlasten. Trotzdem ist Wanka überzeugt: "Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein." "Aber viel mehr kann die Gemeinde nicht tun", sagt Adrian Heim vom Bündnis für Karlsfeld. "Wir haben keinen Einfluss auf Boden- und Baupreise." Er hofft, dass der Platz eins beim Mietspiegelindex nur eine "Momentaufnahme" ist.

SPD-Chef Franz Trinkl ärgert sich, dass immer mehr Fremde nach Karlsfeld ziehen und die eigenen Kinder sich das Leben im Ort nicht mehr leisten können. Die Gemeinde Karlsfeld müsste Grund kaufen, sobald er günstig angeboten würde, sagt Franz Trinkl. Und zwar ungeachtet der hohen Schulden. Gelegenheiten habe es schon gegeben. "Solange Karlsfeld keine Hand auf dem Boden hat, gibt es keine Handlungsmöglichkeit." Zusammen mit der Wohnbaugesellschaft des Landkreises könne man Schritt für Schritt mehr Einfluss nehmen und den Karlsfeldern was anbieten.

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