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Karlsfeld:Wiedersehen im Neuland

Kunstwochenende

Die Arbeiten von Brigitte Schneider (li.) und Lotte Helbig haben eine persönliche Geschichte, so auch Helbigs Konstrukt "My World".

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Lotte Helbig und Brigitte Schneider zeigen nach 20 Jahren wieder eine gemeinsame Ausstellung in der Galerie Kunstwerkstatt

Lotte Helbig ist leicht zu übersehen, sie ist zierlich, misst gerade mal 1,53 Meter, und ihre Kunstwerke sind auf dieselbe Art auffällig wie sie. Das ist natürlich kein Zufall. Die Künstlerin verwendet Dinge ihres Alltags, die sich im Laufe des Lebens in Schubladen und Schränken angesammelt haben. Das können alte Kleidungstücke sein, die sie zu neuen Formen verarbeitet oder Reißverschlüsse, die zu einem vielfältig verschließbarem Vorhang zusammengefügt werden. Oder eine Komposition aus 2500 weiß schimmernden Plastikknöpfen an Drähten mit dem poetischen Titel "Lichtregen". "Es ist ein Spiel mit dem, was da ist", sagt die Künstlerin. Aber für sie haben die Werke auch Qualitäten eines Tagebuchs, das keiner außer ihr lesen kann, außer ihr. Mit Ausnahme vielleicht von Brigitte Schneider.

Die aus Karlsfeld stammende Künstlerin hat 1993 Helbigs erste Einzelausstellung in Dachau gesehen - mit Schmuck, in dem Glühbirnchen und andere Preziosen eines Hobbykellers Verwendung fanden. "Das war so frisch und so frech", schwärmte Schneider noch heute. 1998 machten die beiden Künstlerinnen ihre erste gemeinsame Ausstellung in der Galeriekunstwerkstatt. Nun, nach 20 Jahren, zeigen Brigitte Schneider und Lotte Helbig abermals für einen kurzen Zeitraum vom 4. bis 6. Mai gemeinsam Objekte und kleine Schmuckstücke in der Galeriekunstwerkstatt.

Alle Arbeiten thematisieren die Zeit und den persönlichen Standpunkt im Leben, gewissermaßen mit "Positionen", wie auch der Titel der Ausstellung lautet. Mit Erlebnissen, die lange zurück liegen und das Leben bis heute beeinflussen. Folgerichtig sind alle ausgestellten Kunstwerke auch in langwierigen Prozessen entstanden. Die dafür erforderliche Geduld hätten die beiden Frauen in früheren Jahren nicht aufbringen können. Brigitte Schneider ist jahrelang um die ganze Welt gejettet, hat Implantate für Brustkrebspatientinnen angefertigt, ein Leben in permanentem emotionalen und zeitlichem Stress. Wenn sie mal eine Woche nicht in Mexiko, Singapur oder sonstwo unterwegs war, malte sie, das liegt im Blut. Bis vor kurzem hieß Brigitte Schneider noch Seehaus. Der Kunstkreis-Mitbegründer und Maler Wolfgang Seehaus ist ihr Vater. Er hat sie geprägt - aber mehr noch wahrscheinlich ihre Mutter. "Von ihr habe ich Ausdauer gelernt." In ihren Bildern trägt Brigitte Schneider halbtransparente Schichten in unterschiedlicher Konsistenz auf, teilweise über alte Motive. Die Farbe brauchen viel Zeit zum Trocknen, erst danach können sie weitere Lagen Farbe aufnehmen.

Es ist das erste Mal, dass Brigitte Seehaus, frisch vermählte Schneider, sich als Malerin der Öffentlichkeit präsentiert. "Ich bin schon sehr gespannt, wie das ankommt."Schon seit Jahren zeichnet Schneider. "Aber früher war es für mich nur ein Mittel zum Zweck", sagt sie, etwa wenn sie Entwürfe für ihren Schmuck anfertigte. Mit den Jahren ist das Malen immer mehr zu "einer eigenen Sprache" geworden. Oft kombiniert Schneider Schmuck und Bilder. Die Leinwände haben entsprechende Einkerbungen und Höhlungen, um Ketten und Anhänger zu halten - wenn man sie denn nicht gerade selber tragen möchte.

Zu dem Kunstwochenende gehören auch zwei Performances, die Lotte Helbig zu ihren Werken zeigt und zwar am Samstag, 5. Mai, um 14 und 18 Uhr. Ein Koffer wird darin eine zentrale Rolle spielen und die Intuition des Augenblicks. "Ich bin ein totaler Stegreifmensch", bekennt Lotte Helbig. Zur Vernissage am Freitag, 4. Mai, um 19.30 Uhr gibt es außerdem ein "Gesprächsduett" zwischen den beiden Künstlerinnen. Die abschließende Finissage findet am Sonntag, 6. Mai, um 17 Uhr statt. Magdalena Gerl an der Harfe und Oliver van Meerendonk an der Gitarre lassen die Ausstellung dann im wortwörtlichen Sinne ausklingen.

© SZ vom 03.05.2018
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