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Karlsfeld:Widerstand gegen "Neue Mitte"

Der Krimi an der Wögerwiese geht weiter: Die Initiative "Ortsentwicklung Karlsfeld" will die neuen Pläne für das Ortszentrum nun mit einem Bürgerentscheid verhindern.

Und das Gras wächst: Seit fast vier Jahren ist bereits Stillstand in der Baugrube für Karlsfelds Neue Mitte.

(Foto: joergensen.com)

Die Bürgerinitiative (BI) "Ortsentwicklung Karlsfeld" strebt ein Bürgerbegehren an, um die Umsetzung des neuen Konzepts für das geplante Ortszentrum "Neue Mitte" zu verhindern. Dazu muss sie in der Gemeinde in den kommenden Wochen etwa 1200 Unterschriften sammeln. Der Entscheid soll nach dem Willen der Organisatoren möglichst schnell stattfinden. Zunächst will die Initiative rund 5000 Flugblätter an Karlsfelder Haushalte verteilen, um sie über ihre Bedenken und ihre Kritik an dem Vorhaben zu informieren. "Wenn das, was die Investoren jetzt planen, umgesetzt wird, ist die Entwicklung unumkehrbar", warnte Jochen Seyboth auf einer Pressekonferenz der BI am Mittwoch. "Dann wird es nie ein richtiges Zentrum geben."

Erklärtes Ziel ist es, den neuen, noch nicht rechtskräftigen Bebauungsplan zu kippen. Dann würde weiterhin der alte Bebauungsplan gelten, der noch unter Ägide des früheren Investors, der Hamburgischen Immobilien Handlung (HIH), entstanden ist. Dieser sah einen erheblich größeren Platz vor als das neue Konzept, die Achse der Rathausstraße war darin noch aufgenommen und fortgesetzt. Wichtigster Unterschied war aber, dass mehr Gewerbe, insbesondere kleinflächiger Einzelhandel integriert war und es weniger Wohnnutzung gab: 80 statt 220 Wohneinheiten. "Hier entsteht ein Wohngebiet mit Supermarktkette", sagt Architekt und Anwohner Bernd Rath. "Wenn wir das zulassen, ist die Karlsfelder Mitte tot."

Dass das alte Konzept sich wirtschaftlich nicht umsetzen ließ, sehen die Mitglieder der BI ein. "Modifizierungen" am alten Bebauungsplan wolle man den Investoren durchaus zubilligen, aber die Zugeständnisse im neuen Konzept gehen der BI doch deutlich zu weit. Jochen Seyboth: "Die jetzige Planung kommt vor allem den Investoren zugute, nicht dem Bürger." Dass die Investoren angesichts der neuen Querelen abspringen könnten, nimmt die BI in Kauf. "Dann muss die Gemeinde eben einen Investor suchen, der etwas Gutes im Sinne der Gemeinde bauen will."

In der sich schon über gut 40 Jahre hinziehenden Historie um Karlsfelds Ortsmitte habe die Gemeinde "immer genommen, was kommt", kritisieren die BI-Mitglieder - und halten dies auch für die Ursache der chaotischen Ortsstruktur in Karlsfeld. Von der Gemeinde fordert die BI daher nun ein städtebauliches Gesamtkonzept, das weit über den Geltungsbereich des diskutierten Bebauungsplans hinausreicht, nämlich möglichst über das gesamte Gebiet zwischen Gartenstraße und Krenmoosstraße. "Karlsfeld hat bislang kein klares Konzept zur Entwicklung der Gemeinde", bemängelt Rath. "Das ist das Kernproblem."

Die Liste der Kritikpunkte an der Neuen Mitte ist lang. Die BI befürchtet massive Verkehrsprobleme im Bereich um die Gartenstraße sowie eine unzumutbare Belastung der Anwohner mit Lärm und Abgasen. Rath kündigte deswegen auch an, persönlich eine Normenkontrollklage gegen die Gemeinde anzustrengen. "Das kostet eine Stange Geld, aber das ist es mir wert."

Der zentrale Platz ist nach Meinung der BI zu klein und erfüllt nicht die Anforderungen, die die Gemeinde 1999 selbst in einer Broschüre formuliert hat: "Das neue Zentrum soll die Karlsfelder zum Ausgehen, Verweilen, Bummeln und Flanieren einladen." Kritik gibt es auch an dem geplanten zentralen Wohnhaus mit acht Stockwerken: Die BI vergleicht es mit den "Schlachtschiffen" in der Rathausstraße, die in Karlsfeld als Inbegriff der Bausünden der 1960er Jahre gelten. Auch um die Geschäfte am Marktplatz sorgt sich die Initiative: Die ursprüngliche städtebauliche Anbindung des Marktplatzes fehle im neuen Konzept völlig. Der Standort, der jetzt schon zu kämpfen habe, werde dadurch komplett ausbluten und sterben.

In den vergangenen Monaten hatte die BI immer wieder Druck gemacht, die Planungen zu überarbeiten. Dazu führte sie lange Gespräche mit den drei Fraktionen von CSU, SPD und Bündnis für Karlsfeld. Am vergangenen Donnerstag fand außerdem noch einmal ein Gespräch mit Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) statt, der ihnen aber auch keine weitreichenden Änderungen mehr in Aussicht stellen konnte.

Die einzige Verbesserung, die auf Druck der BI und schließlich auch des Gemeinderats zustande kam, ist eine Erhöhung der Stellplätze pro Wohneinheit von 1,1 auf 1,2. Die Satzung der Gemeinde verlangt eigentlich 1,5. Ein Gutachten der Planer hatte bestätigt, dass der Schlüssel für die Neue Mitte ausreiche. BI-Sprecherin Birgit Piroué befürchtet trotzdem zugeparkte Nebenstraßen, Jochen Seyboth "Schleichverkehr" durch die Wohngebiete.

Immerhin ein Viertel des Gemeinderats teilt die Bedenken der BI. Die Bündnis-Fraktion und die CSU-Gemeinderäte Pietro Rossi und Wolfgang Mühlich verweigerten den Planungen ihre Zustimmung.