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Karlsfeld:Streetwork mit Facebook

Karlsfelds Jugendarbeit ist im Umbruch - auch durch den Erfolg des sozialen Netzwerks.

Das "Café im Jugendhaus" (CIMJU) soll stärker in den allgemeinen Betrieb integriert werden.

(Foto: DAH)

- Große Wohnblöcke, ein hoher Ausländeranteil, leere Gemeindekassen: Wollte man eine Geschichte über Jugendliche erzählen, die große Probleme haben und große Probleme machen, Karlsfeld würde sich als klischeehafte Kulisse für so ein Szenario geradezu aufdrängen. Doch in den landkreisweiten Sozialraumanalysen schließt die städtisch geprägte Großgemeinde überdurchschnittlich gut ab, und das liegt fraglos auch und vor allem an der Gemeindlichen Jugendarbeit, die sich die finanziell nicht eben gut ausgestattete Gemeinde auch 2012 wieder mehr als 350 000 Euro kosten ließ.

"Gute Kinder- und Jugendarbeit ist ein harter Standortfaktor", sagte Max Haberl, Leiter der Gemeindlichen Jugendarbeit. Er rechtfertigte damit auf der jüngsten Sitzung des Gemeinderats nicht nur die Ausgaben in seinem Zuständigkeitsbereich, die dank sparsamen Wirtschaftens fast 50 000 Euro niedriger ausfielen als im Haushalt angesetzt. Er ermutigte die Gemeinde auch, diesen Standortfaktor künftig stärker zu vermarkten.

Karlsfelds Jugendarbeit befindet sich im Umbruch. Für Haberl liegt das in der Natur der Sache: "Die Jugendarbeit darf nicht stehen bleiben", sagte er. "Man muss immer am Ball bleiben." So soll das "Café im Jugendhaus" (CIMJU), ein vom Verein "Jugend, Café und Arbeit" getragenes Projekt zur Qualifizierung benachteiligter Jugendlicher im Jugendhaus, in den regulären Jugendhausbetrieb integriert werden. Die Jugendhaus-Mitarbeiter stehen jetzt auch für das CIMJU als Ansprechpartner zur Verfügung. "Das ist jedenfalls der Plan."

Bislang war das Jugendcafé strikt vom Jugendhaus getrennt. "Von außen war der Unterschied aber nur schwer zu verstehen." Die Zusammenlegung hat auch Auswirkungen auf die Öffnungszeiten: Samstags bleibt das Jugendhaus geschlossen, damit die Jugendcafé-Mitarbeiter in Ruhe ihre Catering-Aufträge fürs Wochenende abarbeiten können, mit denen sich das Jugendcafé teilweise selbst finanziert.

Auch die Arbeitsweise der Jugendarbeit verändert sich gerade dramatisch. Besonders deutlich macht sich das bei Streetworkerin Jessica Böres bemerkbar. "Ich muss die Jugendlichen dort aufsuchen, wo sie sind." Das ist auf Karlsfelds Straßen und Plätzen, mehr und mehr aber auch im sozialen Netzwerk Facebook. "Facebook gehört inzwischen zur realen Welt der Jugendlichen", sagte Böres. Daher liefen ihre meisten Kontakte inzwischen via Mail oder über Smartphone. Oftmals falle es den Jugendlichen auch leichter, bestimmte Themen im Chat anzusprechen und nicht von Angesicht zu Angesicht. "Die modernen Medien durchdringen unsere Arbeit immer mehr", sagte Haberl.

Christina Rechl, Jugendsozialarbeiterin an der Mittelschule Karlsfeld, berichtete von erfolgreichen Projekttagen: einem Coolness-Training für Jugendliche und einem Mädchenaktionstag zum Thema "Grenzen erkennen, nein sagen". Sie müsse aber immer wieder feststellen, dass einige Schülerinnen sich unnahbar gäben, während andere "völlig distanzlos" seien. Es gebe weiterhin einen großen Bedarf - Jungs und Mädchen getrennt - über Rollenerwartungen, Grenzen und Sexualität aufzuklären. Leider fehle ein männlicher Jungenpädagoge, "was für muslimische Jungen eine hohe Schwelle darstellt."

Trotz all der Erfolge berichtete Max Haberl auch offen über Misserfolge: Krankheitsbedingte personelle Engpässe haben dem Jahresbericht zufolge "zu Vertrauens- und Beziehungsabbrüchen" der Jugendlichen zu Mitarbeitern geführt, der Unmut vieler Jugendlicher habe sich 2011 in Zerstörungswut entladen. "Der Pavillon, der ein Jahr zuvor gemeinsam mit Jugendlichen gebaut wurde und den Jugendlichen als Schutz vor Regen und Nässe dienen sollte, wurde von Randalierern komplett zerstört". 2012 seien auch die Besucher des offenen Angebots am Dienstag und Mittwoch deutlich zurückgegangen.

Haberls Projekt "Karlsfeld 2.0" ist ob dieser Widrigkeiten bislang auch noch keinen Schritt vorangekommen. Die Idee: Jugendliche können für 2000 Euro ein konkretes Projekt planen und umsetzen. Nach dem Scheitern des Karlsfelder Jugendbeirats wollte Haberl Jugendliche mit diesem alternativen Modell für öffentliches Engagement gewinnen. Der Gemeinderat ist davon nach wie vor angetan und signalisierte Unterstützung.