Hip-Hop-Musik dröhnt über den Schulhof der Mittelschule in Karlsfeld, eine Horde Grundschüler rennt auf einen großen Bären mit roter Kappe zu – es ist Ben, das Basketball-Maskottchen des FC Bayern. Um den Sportplatz drängen sich Schüler jeden Alters, jubeln, rufen, feuern ihre Mitschüler an. Im Zentrum des Geschehens: die Basketballspieler. Seit 20 Jahren feiert die Karlsfelder Schule jährlich vor den Sommerferien ein Streetball-Turnier.
Die Mittelschule bietet Schülerinnen aus der Region an diesem Tag ein dichtes Programm: Überall auf dem Gelände finden Streetball-Spiele statt, außerdem gibt es Workshops für Breakdance, Rap, Graffiti und Freestyle-Fußball. Ein DJ legt auf, Steffen Hamann, ehemaliger Basketball-Nationalspieler und heutiger Jugendtrainer ist zu Gast, in den Spielpausen springen Trial-Fahrer mit den Hinterreifen ihrer Fahrräder über Hindernisse, darunter Andi Strasser, zweifacher deutscher Meister auf dem Rad. Dario Guckelsberger, ein Freestyle-Fußballer, zeigt Kunststücke mit seinem Ball.
Mehr als 150 Sportlerinnen verschiedener Schulen nehmen am Programm teil, Mittelschüler, Realschüler, Gymnasiasten, Grundschüler, selbst aus Starnberg sind sie angereist. Fans und Helferinnen eingeschlossen, so schätzen die Organisatoren, beteiligen sich um die 400 Menschen am Streetball-Fest.
Auf einem der Spielfelder greift ein Lehrer zum Mikrofon und verkündet: „Bevor wir zum Halbfinale kommen, möchte ich, dass wir einen Mann gebührend feiern“ – er bittet Christian Steinberger zu sich und fordert die Schüler zum Applaudieren auf. Steinberger hebt seine Kappe, nimmt ein grünes T-Shirt entgegen, auf dem steht „Danke, Steini“. Steinberger war es, der vor 25 Jahren den Streetball an die Karlsfelder Mittelschule brachte. Seit 20 Jahren organisiert er das Turnier.

Es war Ende der 80er-Jahre als Streetball, Straßenbasketball, allmählich in Deutschland bekannt wurde. Damals, als Steinberger ein Teenager war, begeisterte ihn das. Streetball kommt aus den USA, der Sport ist eng mit der Hip-Hop-Szene verbunden. Anders als im Basketballspielen in einem Team meist nur drei Spieler – auf einen Korb. Und anders als im Basketball gibt es keine Schiedsrichter, ein faires Spiel ist umso wichtiger. „Früher hat man so versucht, Konflikte zu lösen“, sagt Steinberger – mit Körben, anstatt mit Fäusten. Als Teenager habe ihn die Stimmung bei den Spielen fasziniert. Die Coolness der Sportler, die Musik, das damals Neue, Skandalöse der Hip-Hop-Bewegung.
Heute ist Steinberger eigentlich eher Bergsportler als Basketballer, er ist Klettertrainer beim DAV. Doch als junger Sportlehrer stellte er fest, dass er seine Schüler mit Streetball begeistern konnte, gerade jene, die sich nicht so sehr für Fußball interessierten. 2005 organisierte er zusammen mit einem Kollegen ein erstes spontanes Turnier, die Sieger gewannen eine Tüte Gummibärchen. Schon im Jahr darauf wurde daraus ein offizieller kleiner Turnier-Tag. Heute, 20 Jahre später, sind sowohl der FC Bayern als auch die NBA Basketball School Germany, ein Ableger der amerikanischen Profiliga, auf das Karlsfelder Streetball Turnier aufmerksam geworden und tragen zu den Programmpunkten bei.



12:45 Uhr, das Finale der Oberstufe beginnt. Die „Dachau Legacies“ treten gegen „Röhrl’s Resterampe“ an. Punktezählerin Julia Cebolla, 16, rutscht auf ihrer Bank hin und her. „Ich glaube, wir gewinnen“, sagt sie – in Röhrl’s Resterampe sind Spieler der Karlsfelder Mittelschule dabei. Neben ihr rufen Sechstklässler im Sprechchor „MSK, MSK“ – Mittelschule Karlsfeld. Das Spiel nimmt an Fahrt auf, die Pässe sind schnell. „Sieben zu sechs, acht zu sieben, acht-acht“, kommentiert Julia den Spielstand. Sekunden vor Spielende steht es elf zu neun für die Dachau Legacies. Da erobert Daniel Röhrl aus Karlsfeld den Ball, wirft aus einiger Entfernung ein elf zu elf. Steinberger zählt am Mikrofon die Zeit herunter. „Drei, zwei“, währenddessen schnappt sich Spieler Alex Croituro den Ball, dribbelt im Bogen um die anderen herum nach vorn und versenkt ihn im Korb, im selben Moment, in dem der Buzzer ertönt – die Dachau Legacies siegen zwölf zu elf, in letzter Sekunde.

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Die Schüler der Klasse 6a kreischen, als sie erfahren, dass sie den Klassenpreis gewonnen haben – als beste Fangemeinschaft, sie hatten sich extra T-Shirts bedruckt. Mit den 100 Euro für die Klassenkasse möchten sie „auf jeden Fall ins Kino“, sagt einer der Zwölfjährigen. Niklas Rolle, Marta Felte und Daniel Röhrl gewinnen den Preis als „All Stars“ für ihr faires, sauberes Spiel, Alex Croituro von der Realschule in Dachau wird als most valuable player geehrt, als wertvollster Spieler des Turniers – und gewinnt einen Gutschein für ein mehrtägiges Basketballcamp der NBA Basketball School Germany.
Anschließend geht alles ganz schnell. Bänke, Sonnenschirme, Schüler – alles verschwindet innerhalb von Minuten vom Schulhof. Einzig Steinberger ist noch immer beschäftigt, Kollegen besprechen sich mit ihm, Schüler stellen ihm Fragen: „Dürfen wir jetzt gehen?“ Und: „Wann müssen wir heute Abend aufbauen?“. Am Abend ist ein Abschlussfest geplant, eine Grillparty im Jugendhaus am Karlsfelder See, die Schulband und mehrere Rapper werden auftreten: Boshi San und Grosses K.

Steinberger seufzt, als er sich nach dem Abbau auf eine Bank setzt. „Jedes Mal, wenn es vorbei ist, sagen wir: nie wieder. Weil es so stressig ist.“ Aber dann, wenn in den Tagen danach die Schülerinnen und Schüler vom Streetball schwärmten, dann überlegten sie es sich wieder anders. Steinberger lächelt müde. „Vielleicht hören wir nach 20 Jahren auf.“ Also jetzt.
Kurz darauf stellt sich eine Schülerin vor Steinberger. „Herr Steinberger, es hat so Spaß gemacht. Es war so ein Feeling, das kann ich gar nicht beschreiben.“

