Am Sonntag entscheidet sich, ob die 18-jährige CSU-Dominanz im Karlsfeld Rathaus endet oder unter neuer Führung weitergeht. Christian Bieberle (CSU) will am Kurs seiner Partei festhalten, während Michael Fritsch (Grüne) mit Unterstützung von SPD und Bündnis für Karlsfeld einen Politikwechsel anstrebt. „Drei Ortsverbände, ein Kandidat – das gab es hier noch nie“, sagt Martin Cremer, Sprecher der Grünen. Mit diesem überparteilichen Bündnis sehe man „eine realistische Chance, die konservative CSU-Politik abzulösen“.
Im ersten Wahlgang hatte der CSU-Kandidat Christian Bieberle mit 47,6 Prozent die absolute Mehrheit knapp verfehlt. Michael Fritsch (Grüne/SPD) erreichte 30,7 Prozent der abgegebenen Stimmen, Bündnis-Kandidat Klaus Schwingeler 21,7 Prozent. Nach dessen Ausscheiden wirbt nun auch das Bündnis für Fritsch. Dafür kann Christian Bieberle mit Unterstützung der Freien Wähler rechnen. Im neuen Gemeinderat kommen sie gemeinsam auf 15 Sitze – genau so viele wie auf Seiten der SPD, den Grünen und dem Bündnis. Erwartet wird am Sonntag ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
Bieberle will den politischen Kurs von Bürgermeister Stefan Kolbe fortsetzen. Genau das will sein Kontrahent, Michael Fritsch, verhindern. Er wirbt damit, dass alle anderen Parteien davon profitierten, wenn die Dominanz der CSU gebrochen werde. Die habe dann nicht mehr die Mehrheit, um in Gemeinderatssitzungen unerwünschte Themen einfach per Geschäftsordnung abzuräumen, „und wir können wieder über alles diskutieren“.
Ob alle früheren Schwingeler-Wähler zu dem Grünen wechseln, ist offen. Beim Bündnis gebe es einige, „die eher konservativ ticken“, sagt Bieberle. Prominentes Beispiel dürfte Birgit Piroué sein: Nach zwölf Jahren als Bündnis-Gemeinderätin ist sie jetzt über die CSU-Liste eingezogen, weil sie sich dort politisch inzwischen besser aufgehoben fühlt. Bieberle weiß, dass er trotzdem möglichst viele seiner Anhänger mobilisieren muss, um am Sonntag noch einmal für ihn zu stimmen. „Das Rennen ist noch nicht gelaufen.“
Es gäbe noch viele neue Stimmen zu holen: Nur etwas mehr als 8000 der etwa 15 600 Wahlberechtigten haben sich an der Bürgermeisterwahl vor zwei Wochen beteiligt. Alle Parteien führen dies auf den hohen Anteil an EU-Ausländern zurück. „Viele wissen gar nicht, dass sie wählen dürfen“, sagt SPD-Fraktionschef Franz Trinkl, das wisse er aus zahlreichen Gesprächen an Infoständen. Manche verstünden die Wahlbenachrichtigungen nicht, andere hielten sie für „Irrläufer“.
Nach Auskunft der Gemeinde hat Karlsfeld aktuell 2701 stimmberechtigte EU-Bürger; das entspricht mehr als 17 Prozent der gesamten Wählerschaft. Um die Stimmen dieser Gruppen buhlen nun beide Kandidaten: Bieberle setzt auf seine persönlichen Kontakte zu den ausländischen Kulturvereinen im Ort, Fritsch bietet Wahlinformationen per QR-Code auf Englisch, Italienisch, Griechisch und Kroatisch. Letztere stellen die drei größten Communities im Ort.
In früheren Jahren waren EU-Ausländer, vor allem die Nachkommen der sogenannten Gastarbeiter-Generation aus den 1960er-Jahren, noch mit mehreren Gemeinderäten vertreten. Die aktuelle SPD-Vorsitzende Venera Sansone wurde von dem hinteren Listenplatz 27 zwar auf Platz sieben gehäufelt, doch für ein Mandat reichte es nicht mehr. Die SPD gewann nur vier Sitze. Auch der auf einem der hinteren Plätze der CSU-Liste angetretene Kroate Franjo Risonjic verfehlte den Einzug in den Gemeinderat.
Nachdem die Kontrahenten bis zum ersten Wahlgang einen geradezu freundlichen Umgang pflegten, hat sich der Ton indes mittlerweile spürbar verschärft. Fritsch wehrt sich gegen Falschbehauptungen, über seine politischen Positionen die neuerdings kursierten: Weder habe er eine Lastenradspur auf der Münchner Straße gefordert, noch die Abschaffung des Seniorennachmittags auf dem Siedlerfest. „Bisher sind alle fair und vernünftig miteinander umgegangen“, sagte er. Das wünsche er sich auch in Zukunft.
In den vergangenen Tagen hätten ihn die Leute öfter gefragt, wie er sich inhaltlich von seinem grünen Mitbewerber unterscheide, erklärt Bieberle. Da habe er auch auf Fritschs Positionen eingehen müssen, etwa seine Idee für eine Busspur auf der Münchner Straße. Das gefalle Fritsch natürlich nicht. Doch den stört etwas ganz anderes: Über ihn würden falsche Behauptungen in Umlauf gesetzt.
Bieberle spricht von „Wahlkampftheater“ und erhebt seinerseits Vorwürfe. Nachdem feststand, dass er in die Stichwahl gekommen ist, seien sämtliche Wahlplakate der CSU im Gemeindegebiet heruntergerissen und zerstört worden – und zwar ausschließlich die der CSU. Man habe Anzeige erstattet. Hinnehmen wollen die Wahlkämpfer das nicht. Bis zum Wochenende sollen alle Plakate wieder hängen.



