Der erste Patient ist ein Stoffhase. Im Rettungswagen bekommt er zuerst einen Verband um den Bauch, dann wird ihm noch Blut abgenommen. Der Hase gehört zu der zwölfjährigen Juliane, die ihren kuschligen Freund festhält, während der Karlsfelder Rot-Kreuz-Bereitschaftsleiter Marcel Burzawa ihr spielerisch erklärt, was in so einem Rettungswagen vorgeht. Juliane darf sogar mithelfen, und so verarzten sie das Stofftier gemeinsam.
Nicht nur Julianes Hase wird an diesem Mittwochnachmittag beim Familientag des Karlsfelder Siedlerfestes sorgsam verarztet. Auch Teddybären, Plüschhunde und andere tierische Freunde werden medizinisch versorgt. Das Ziel der Veranstaltung: Kindern und auch ihren Eltern die Angst vor Notfallsituationen nehmen und ihnen den Rettungsdienst spielerisch näherbringen.
„Wir wollen ein Bewusstsein schaffen“
Organisiert wird die Veranstaltung von dem Karlsfelder Verein Kunterbunte Inklusion in Zusammenarbeit mit der örtlichen Bereitschaft des Bayerischen Roten Kreuzes. Ausdrücklich sind zum Stofftier-Rettungseinsatz Kinder mit und ohne Behinderung eingeladen. „Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass hier auch Menschen mit Behinderung leben, die genauso bei allem dabei sein sollten“, erklärt Eva Specht, die zweite Vorsitzende der Kunterbunten Inklusion.

Ein riesiger Teddybär liegt angeschnallt auf einer Krankentrage vor dem Rettungswagen, er weckt schon von weitem Interesse. Kinder und Jugendliche mit Behinderungen kommen im Durchschnitt häufiger mit Notarzt-Teams in Berührung, hier gibt es öfter medizinische Notfällen. Daher ist es laut Marianne Nickl, der ersten Vorsitzenden des Vereins, besonders wichtig, ihnen durch positive und frühzeitige Erfahrungen das Vertrauen und die Sicherheit zu geben, die sie im Ernstfall benötigen. Aber auch den Eltern soll die Angst genommen werden. Sie seien in solchen Situationen häufig besonders nervös, wenn sie sonst nur wenig Kontakt zum Rettungsdienst haben, weiß Eva Specht.
Das mit den Kuscheltieren ist nicht so weit hergeholt: „Auch im Ernstfall bekommen Kinder im Rettungswagen einen kleinen Teddybären“, erzählt Samira Burzawa von der Rot-Kreuz-Bereitschaft Karlsfeld, „er soll ihnen ein wenig die Angst nehmen“. Nach der medizinischen „Behandlung“ beim Siedlerfest dürfen die Kinder das verarztete Stofftier auch behalten – wenn sie nicht sogar ihr eigenes schon mitgebracht haben. Burzawa erzählt, dass die Kinder auch im realen Kontakt mit einem Notarzt-Team den kuschligen Tröster anschließend geschenkt bekommen.
Inklusion vorleben
Trotz der wiederkehrenden Regenschauer ist die Stimmung ausgelassen. Unter einem Pavillon werden gespendete Stofftiere für die anschließende Behandlung ausgegeben. Ein weiterer Teddybär in Lebensgröße hilft beim Verteilen der Kuscheltiere an die Kinder. Außerdem gibt es Informationen zur Arbeit des Vereins Kunterbunte Inklusion. Dieser hat es sich zum Ziel gemacht, Inklusion vorzuleben, sowohl in Öffentlichkeit, Stadt und Gemeinde, als auch im eigenen Umfeld. „Es muss nicht jeder dieselben Kämpfe austragen, nur weil die Gesellschaft viel zu wenig inklusiv denkt“, erklärt Eva Specht. Der Austausch mit anderen Betroffenen soll verhindern, dass jeder die gleichen Probleme bekämpfen muss. Der Verein fördert außerdem selbstverständliches Zusammenleben, bietet Hilfsangebote und Hilfe zur Selbsthilfe von betroffenen Familien und sensibilisiert Vereine, Kirchen, Politik und Gesellschaft.
Auf dem Karlsfelder Siedlerfest hat der inklusive Aktionstag in diesem Jahr zum ersten Mal stattgefunden. Eltern und Kinder haben das Angebot mit so großem Interesse und auch so viel Spaß angenommen, dass es wohl nicht das letzte Mal gewesen sein wird.

