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Karlsfeld:Ringen um die Neue Mitte

Die veränderten Planungen für das Karlsfelder Ortszentrum lösen in der Gemeinde eine kontroverse Debatte aus. Viele Bürger kritisieren das Projekt energisch, doch die Kommunalpolitik will ein erneutes Scheitern verhindern.

Herbstszene aus der Baugrube der Neuen Mitte.

(Foto: joergensen.com)

Wären die Gemeinderäte dabei gewesen, sie hätten aus erster Hand die Wut und den Frust mitbekommen, der sich in der vergangenen Woche bei den etwa 30 Bürgern im Rathaus über die neuen Planungen zum Karlsfelder Ortszentrum entlud: Der Platz war ihnen zu klein, das zentrale Wohnhaus mit acht Stockwerken zu hoch, der verminderte Schlüssel von 1,1 Stellplätzen pro Wohneinheit zu niedrig. Darüber hinaus gab es Klagen über die Verkehrs-, Abgas- und Lärmbelastung sowie über die ganze Gestaltung des Projekts. Der ernüchternde Tenor: Die neuen Planungen erfüllten die Wünsche der Investoren, aber mitnichten die der Bürger.

Es sollte keine politische Diskussion ums Ortszentrum werden. Deshalb waren die Volksvertreter dem Erörterungstermin ferngeblieben. Doch nun ist die Debatte in vollem Gange. Die Vorsitzenden der beiden großen Gemeinderatsfraktionen CSU und SPD zweifeln an, dass die einhellige Kritik tatsächlich ein repräsentatives Meinungsbild aller Karlsfelder abgibt. Im Gemeinderat tragen alle Fraktionen die Planungen grundsätzlich mit. "Und ich bin ja auch ein Bürger", sagte Fraktionsvorsitzender Reinhard Pobel am Dienstagabend auf der Mitgliederversammlung der SPD.

Es gibt also mehrere Teilöffentlichkeiten, die derzeit um die Deutungshoheit für das zentrale Projekt Neue Mitte ringen: Kritische Bürger, die das ehrgeizige Vorhaben als gescheitert oder zumindest erheblich verbesserungsbedürftig halten. Und Bürgervertreter wie Pobel, die zwar auch nicht von einer Ideallösung sprechen wollen, aber doch von einem "tragfähigen Konzept", bei dem es jetzt nur noch ums "Fein-Tuning" gehe, etwa die Frage, ob es nicht doch etwas mehr Stellplätze bräuchte.

Erich Lindner, Anwohner der Gartenstraße, forderte eine Befragung der Bürger, um die Streitfrage zu klären, ob die Bürger diese Mitte wirklich haben wollen. Fraktionschef und designierter Bürgermeisterkandidat Pobel (siehe Bericht rechts) sieht dafür allerdings keine Notwendigkeit. Auch Stefan Handl, Fraktionschef der Karlsfelder CSU, lehnt dies ab. "Das hieße ja, das Rad auf Anfang zurück zu drehen." Lindner verwies auf eine Umfrage der Gemeinde von 1999, was die Bürger sich von der Neuen Mitte erwarteten. "Finden Sie einen Punkt davon in den Planungen wieder?", rief er. "Null!" Und fand damit auch bei der SPD-Basis Resonanz.

SPD-Chef Franz Trinkl, der die Idee einer Befragung keineswegs so abwegig fand, mahnte die Genossen im Gemeinderat denn auch: "Genehmigt keine Mitte, für die wir uns nachher schämen müssen." Und ließ - rein theoretisch - diskutieren, ob die Bürger so ein Projekt nicht gegebenenfalls auch durch einen Bürgerentscheid zu Fall bringen können. Die vorherrschende Meing war: Sie können es.

Aber nun alles wieder in Frage stellen? "Ich habe auch die Faust in der Tasche bei dieser Planung", sagt der ehemalige SPD-Ortsvereinschef Max Eckardt. Aber es sei sehr wichtig, dass ins Zentrum endlich eine fußläufige Einkaufsversorgung komme. Tue man nichts, werde alles nur noch schlimmer. "Dann bleibt uns die Badewanne." Er meinte damit die Baugrube.

Mit dem Erörterungstermin habe die Gemeinde lediglich einen ersten Verfahrensschritt eingeleitet, sagte Karlsfelds Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU). Und betonte: "Es ist gut, dass wir jetzt in einen Diskussionsprozess kommen." Er strebe weiterhin "eine möglichst konsensfähige Lösung" an. Die Spielräume seien allerdings auch durch Rahmenbedingungen begrenzt, etwa durch das Baurecht für 29 000 Quadratmeter Geschossfläche. Dieses versuchten die Investoren auf dem Areal unterzubringen, um ihre Kosten hereinzuholen. Ein erneutes Scheitern wäre für Kolbe ein "Worst-Case-Szenario": Denn dann bliebe der Gemeinde nicht nur ein hässliches Loch im Zentrum. Es würde auch die gesamte Entwicklung des Einzelhandels im Ort nicht weiter vorankommen.

SPD-Mitglied Werner Plumeier sagte, niemand könne von vornherein sagen, ob ein Platz, wie an der Neuen Mitte geplant, angenommen werde oder nicht. Das liege auch nicht in der Hand einer Gemeinde oder eines Investors. "Das entscheiden alleine die Bürger." Manchmal erlebe man auch Überraschungen wie beim Café an der Ecke Gartenstraße: Es liegt neben einer Tankstelle an der vierspurigen Münchner Straße. Und ist trotzdem ein beliebter Treffpunkt in Karlsfeld.