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Karlsfeld:Rätselhafte Lustlosigkeit

Der Pilotversuch war vielversprechend: Die Jugendlichen setzten eine Badeinsel im Karlsfelder See durch.

(Foto: Toni Heigl)

Karlsfelds Jugend beteiligt sich eher mäßig an öffentlichen Projekten - jetzt wagt die Gemeinde einen neuen Versuch

Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) hatte die Jugendlichen persönlich eingeladen, mehrmals, es gab Limo und belegte Semmeln. Aber locken ließen sich nur wenige, um für einen Karlsfelder Jugendrat zu kandidieren. Nach mehreren erfolglosen Anläufen dachte sich Max Haberl, Leiter der kommunalen Kinder- und Jugendarbeit in Karlsfeld, ein neues Modell der Jugendbeteiligung aus. "Karlsfeld 2.0" lautete der programmatische Titel. Statt ums große Ganze sollte es jeweils um ein einzelnes Projekt gehen, das die Kinder und Jugendlichen in ihrem Ort umsetzen. Der Pilotversuch war vielversprechend. Gemeinsam setzten die beteiligten Acht- bis 16-Jährigen 2013 die Installation einer Badeinsel auf dem Karlsfelder See durch. Die Idee hatte der Gemeinderat auch schon, nur war der zuvor immer wieder am Erholungsflächenverein gescheitert. 2014 bot die Gemeinde ein neues Projekt an, diesmal für die Zwölf- bis 18-Jährigen. "Die Veranstaltung wurde nicht angenommen", teilte Haberl am Dienstag im Hauptausschuss des Gemeinderats mit. Es folgte ein neuer Anlauf. Die Gemeinde lockte die Teilnehmer mit Einkaufsgutscheinen, die sie sich ein paar hundert Euro kosten ließ. Das Interesse beschreibt Haberl trotzdem als mittelmäßig. Im Herbst will die Gemeinde, allem Unbill zum Trotz, noch einmal einen Vorstoß wagen. Schließlich sei so ein Beteiligungsmodell "ein gutes Projekt zur Demokratieerziehung", sagt Haberl.

Beim neuen Versuch will die Gemeinde Schulen und Vereine stärker mit einbinden. Max Haberl glaubt, dass durch das G 8 viele Jugendliche gar nicht mehr die Zeit fänden, sich zusätzlich zu engagieren. Also setzt er dort an, wo die Jugendlichen sowieso schon Zeit verbringen dürfen oder müssen. Auch die neue Shell-Studie belege, dass die "Zeitkontingente" der Jugendlichen schwänden.

Diese Studie belegt übrigens auch, dass die Jugendlichen heute durchaus politisch sind - und das Interesse an Politik eher wächst. "Die junge Generation befindet sich im Aufbruch", sagt der Leiter der Studie, Professor Mathias Albert von der Universität Bielefeld. "Sie ist anspruchsvoll, will mitgestalten und neue Horizonte erschließen." Aber wieso kommt dann keiner? In Dachau gibt es noch einen Jugendbeirat, allerdings auch nicht in der vollen Besetzung von 15 Personen. Liegt das eventuell daran, dass solche Gremien für Jugendliche "irgendwie abstrakt und unattraktiv" sind, wie Karlsfelds CSU-Gemeinderat Wolfgang Offenbeck glaubt?

"Die Jugendlichen interessiert durchaus, was in ihrem Umfeld passiert", sagt die Dachauer Jugendreferentin Luise Krispenz (Grüne). Aber es gebe auch immer eine gewisse Dynamik. Manchmal gebe eine Gruppe dem Gremium Schwung, manchmal mobilisiere auch ein Thema die Jugendlichen wie der Bau eines Skaterparks vor einigen Jahren. "Manchmal haben die Leute auch einfach keinen Bock."

Müssen die Kommunalpolitiker also gar nichts tun? Einfach abwarten, bis die Jugend wieder mal was anpacken will?

So einfach ist es natürlich auch nicht. "Wenn es einen Jugendbeirat gibt, ist es wichtig, die Leute auch aktiv einzubeziehen und zu fragen, wenn es um Planungen geht, die sie betreffen." Im Grunde genommen sei das genauso wie mit der Bürgerbeteiligung, bei der auch noch viele Modelle erprobt werden - und auch nicht immer mit Erfolg. "Die Jugendlichen müssen sich einbringen können, ohne dass man sie dabei überfordert", sagt die junge Politikerin. "Ein Jugendbeirat ist eben kein kleiner Stadtrat."

Was nicht heißt, dass die Jugendlichen blind wären für die großen Problemstellungen. Beim letzten Treffen in Karlsfeld seien einige sehr gute Anregungen von Jugendlichen gekommen, sagt Karlsfelds Jugendreferentin Venera Sansone (SPD). Mehrfach wurde angesprochen, dass für junge Leute bezahlbarer Wohnraum in Karlsfeld fehlt. Das allerdings ist kein Projekt, das ein Jugendgremium lösen könnte. Da sind schon die erwachsenen Politiker gefordert.

© SZ vom 19.11.2015
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