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Karlsfelds Partnerschaft mit Muro Lucano:Feiern mit 1200 Kilometer Abstand

In Muro Lucano haben viele Karlsfelder ihre Wurzeln. An diesem Wochenende begeht die Gemeinde das zehnte Partnerschaftsjubiläum mit der italienischen Stadt. Ein gemeinsames Fest lässt die Pandemie aber noch nicht zu.

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Es ist eine Partnerschaft, die ihre Wurzeln tief in der Geschichte Karlsfelds hat und doch ist sie noch recht jung. Gerade mal zehn Jahre sind Muro Lucano und Karlsfeld offiziell miteinander befreundet. Doch es ist anders als in anderen Städten und Gemeinden. Die Partnerschaft wurde nicht zuerst auf politischer Ebene geschlossen. Der Wunsch kam aus der Bürgerschaft und wurde von der Politik realisiert. Lange Debatten gab es dennoch. Zweifel, ob eine Partnerschaft auch mit Leben gefüllt werden könnte, ebenfalls. Doch sie haben sich als unbegründet erwiesen. Die Bande ist mittlerweile eng geknüpft, auch wenn das Fest zum Zehnjährigen an diesem Wochenende pandemiebedingt nur in sehr kleinem Rahmen stattfinden kann.

"Wir wollten ein italienisches Fest machen mit Pfeffer drin", sagt Pietro Sarcinella, der zweite Vorstand der Assoziazione Basilicata. Er ist Mureser und seit 1980 auch irgendwie Karlsfelder. Die Partnerschaft liegt ihm, wie vielen anderen auch, besonders am Herzen. Dass es heuer zum Jubiläum nur Kochkurse, Wein und Häppchen im Bürgertreff geben kann, nimmt er hin. Wie in seiner Heimat gefeiert wird, weiß er nicht. Corona hat den Kontakt ein wenig abreißen lassen. Zu sehr waren alle mit den eigenen Problemen in der Pandemie beschäftigt. Doch dass auch dort das Zehnjährige irgendwie zelebriert wird, da ist er sich sicher. Die Gefahr, dass Corona die Partnerschaft versiegen lassen könnte, sieht Sarcinella nicht, schließlich fußt sie nicht nur auf Freundschaft, sondern zum Teil auch auf verwandtschaftlichen Banden.

Als Sarcinella im Februar 1980 nach Karlsfeld kam, war er Tourist. Er wollte Michele Fezzouglio besuchen und "ein paar Jungs aus Muro". Denn in den 1960er und 1970er Jahren waren viele Süditaliener auf der Suche nach Arbeit nach Deutschland gekommen. In Karlsfeld trafen sich vor allem die, die aus Muro Lucano stammten. Sie wohnten in der Lessing- und Hochstraße, arbeiteten meist bei MAN, verdienten dort gutes Geld, das sie ihren Familien nach Hause schickten. "Wenn sie einen Lohn von 1000 Mark bekamen, schickten sie 700 oder sogar 800 Mark zu Frau und Kindern nach Italien", sagt Sarcinella. "Zum Leben brauchten sie ja fast nichts." Fast 200 Familien aus Muro lebten in Karlsfeld, als Sarcinella zum ersten Mal dorthin kam. Und wie viele andere blieb er. Denn im November 1980 erschütterte ein schweres Erdbeben seine Heimatstadt. Viele Häuser lagen von einem Tag auf den anderen in Schutt. Sarcinella verlor seine Eltern und seine Schwester in den Trümmern. Fezzouglio hatte ihm bereits einen Job bei MAN besorgt und so entschied sich Sarcinella, die Heimat zu verlassen. "Muro war früher ein armes Dorf", sagt er. 80 Prozent der Bevölkerung hätten keinen Job gehabt. Viele junge Leute wollten studieren, konnten es aber nicht, also wanderten sie aus.

Doch die Zeiten änderten sich. Schon in den 1980er Jahren endete die Auswanderungswelle. Muro Lucano wurde reicher. Und in Karlsfeld wuchsen langsam die zweite und dritte Generation heran. Die Muresi gründeten einen Verein, denn im Alltag merkten sie immer wieder die Kultur- und Mentalitätsunterschiede. Die Jungen sollten ihre italienischen Wurzeln nicht vergessen. Es geht aber nicht nur darum, sondern um die Gemeinschaft, erklärt Sarcinella. 150 Mitglieder hat der Verein heute. Und "die Türen sind für alle offen - für Muresi, Kalabresi, Polen, Deutsche, egal". Stolz ist Sarcinella darauf, dass die Assoziazione Basilicata "der aktivste Verein in ganz Deutschland ist", der unter diesem Namen firmiert. Aus dessen Mitte kam übrigens auch der Wunsch nach der Partnerschaft. Michele Fezzouglio, erster Vorstand des Vereins und leidenschaftlicher Fußballer, saß eines Abends mit Bürgermeister Stefan Kolbe nach einem Spiel beim TSV zusammen und brachte ihm die Idee mit der Partnerschaft näher. Mit Erfolg. Kolbe war bereits in Muro Lucano gewesen und hatte sich in die Gegend verliebt. Außerdem gefiel ihm, dass bei den Muresi immer so viel los sei, erinnert sich Sarcinella. Die Idee fand den Weg in den Gemeinderat. Es wurden erste Kontakte zum italienischen Bürgermeister geknüpft, doch bis zur Gründung dauerte es noch zwei Jahre.

Pietro Sarcinella freut sich auf die kleine Feier zum Partnerschaftsjubiläum an diesem Wochenende.

(Foto: Toni Heigl)

Inzwischen sind die beiden Orte trotz der großen Entfernung von immerhin mehr als 1200 Kilometern eng zusammengewachsen. Das Siedlerfest hat in normalen Jahren im Kalender der Muresi einen festen Platz. Eine große Delegation reist an. Außerdem kommen die Karlsfelder mit Musikkapelle und Tanzgruppe zum Bierfest in die Partnergemeinde. Und die Süditaliener lieben das Fest. Seit einigen Jahren steht auch San Gerardo, der Schutzheilige der Muresi, in der Kirche Sankt Anna. Mehrmals im Jahre besuchen sich die Freunde. Es gibt Fußballspiele, und bei allen Festen in Karlsfeld werden Spezialitäten aus der Partnergemeinde angeboten: Käse, Obst, Nudeln und Wein. Während die Basilicata bei den meisten deutschen Touristen wenig bekannt ist, steht sie bei Karlsfeldern als Urlaubsziel genauso hoch im Kurs wie etwa Sizilien oder Neapel. "Die Natur ist ein Traum", schwärmt Sarcinella. "Berge und von zwei Seiten Meer." Sein Herz schlägt noch immer für die Heimat, auch wenn seine italienischen Freunde ihm inzwischen sagen: "Du bist Deutscher geworden."

An diesem Wochenende soll das Jubiläum trotz aller Einschränkungen in Karlsfeld gefeiert werden, auch wenn die Partnerschaftsurkunde seinerzeit erst Anfang Juli unterschrieben wurde. Damit im Bürgertreff die richtige Stimmung aufkommen kann, wollen die Organisatoren die Wände mit Bildern aus der Basilicata dekorieren. Am Sonntag, 13. Juni, soll ein Buffet mit Spezialitäten aus dem Süden Italiens die Karlsfelder verzaubern. Kreiert wird es am Tag zuvor in den Kochkursen, in denen drei italienische Köchinnen aus Karlsfeld den Teilnehmern ihre Rezepte verraten und Tipps geben. Die Kurse sind allerdings längst ausgebucht. Das Buffet aber nicht. Von 12 bis 18 Uhr kann man einfach vorbeikommen. Allerdings dürfen gleichzeitig nur maximal 15 Personen in den Bürgertreff. Der Eintritt kostet fünf Euro - ein Kostenbeitrag fürs Essen. Während die Bürger genießen, will das Bürgerkomitee Spannendes aus Muro Lucano berichten. Außerdem stellt es die geplanten Reisen vor. Die VHS wirbt für Italienischkurse und die Bücherei hat anlässlich des Jubiläums eine italienische Leseecke eingerichtet. Am Sonntag hat sie allerdings geschlossen. Und wer die Stationen der Partnerschaft noch einmal Revue passieren lassen will, sollte im Heimatmuseum vorbeischauen. Dort ist in der neuen Ausstellung von San Gerardo bis zu den Partnerschafturkunden alles zu finden, was mit Muro Lucano zusammenhängt. Am Sonntag, 20. Juni, hat das Museum von 14 bis 17 Uhr wieder geöffnet, sowie am 4. und 18. Juli, dem 1. und 15. August.

"Ich bin traurig, dass es keine gemeinsame Feier mit Muro gibt", sagt Sarcinella. Aber er ist zuversichtlich: "Wenn wir dieses Jahr nicht richtig feiern können, dann nächstes Jahr ganz sicher."

© SZ vom 11.06.2021
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