Sie waren sich gar nicht so sicher, ob sie überhaupt mit der Zeitung reden sollen. Für die seien sie eh nur Gangster, so hätten die Burschen überlegt, erzählt Schulsozialarbeiterin Marina Rodrigues. Sie konnte sie beruhigen, und so boxen und rangeln die sieben Jugendlichen an diesem Donnerstagnachmittag im Boxraum der Karlsfelder Mittelschule vor den Augen interessierter Gäste.
Mundschutz, dicke Handschuhe: Es sieht aus wie normales Boxtraining, ist es aber nicht. Beim Projekt Inner Warrior lernen die Jugendlichen etwas, das ihren Lebensweg mindestens so bestimmt wie Mathe- und Englischnoten: Sie lernen, ihre Emotionen zu bändigen.

Boxen zur Gewaltprävention? „Absolut“, sagt Rodrigues. Seit 2023 gibt es das Projekt, die Erfolge begeistern sie immer wieder: „Aus leicht provozierbaren Jugendlichen werden reflektierte junge Männer.“ Nicht immer, aber oft. Die meisten Teilnehmer sind handverlesen, von ihr und dem Schulleiter. Weil sie auffällig wurden mit vielen Verweisen, störendem Verhalten oder auch, weil sie besonders schüchtern und introvertiert sind.
„Erst mal auspowern“, beschreibt Coach René Demin den Start jeder Übungseinheit. Die Jungs kämpfen, dreschen auf den Boxsack ein. „Ziemlich alle hier haben eine ADHS-Diagnose, viel erklären ist da nicht“, sagt er und grinst schief. Der 48-Jährige ist Sozialpädagoge, war früher Personalleiter und arbeitet seit 15 Jahren als Coach. Erst für Erwachsene, Führungskräftetraining, Teambuilding, solche Sachen, seit einigen Jahren auch mit Jugendlichen.

Bei einem Workshop zur Selbstverteidigung hat er die Jugendsozialarbeiterin der Karlsfelder Mittelschule getroffen, und sie hat angefragt, ob er nicht auch ein Anti-Gewalt-Training an ihrer Schule anbieten könnte.
Systemisches Sport-Coaching hat René Demin schon früher angewandt, dabei werden körperliche Bewegung und systemisches Arbeiten verbunden. Mit Sport erreiche er auch Menschen, denen der kognitiv-verbale Ansatz nicht so liege, erklärt er. Demin macht selbst seit 20 Jahren Kampfsport, hat eine eigene Form des Box-Coachings entwickelt und betreibt mittlerweile ein Institut.

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Mindestens so wichtig wie das Auspowern sind die Rederunden. „Rollenspiele brauchen wir nicht, es gibt immer einen Konflikt beim Training, den wir besprechen können“, hat Demin vorher erklärt. So auch heute: Einer ist bei einem Übungskampf sauer geworden. Fast hätten sie sich ernsthaft geschlagen, aber eben nur fast. Ein Erfolg. „Zehn ist chillig, 30 auch noch, bei 70 fängt es an, heftig zu werden. Wo warst du?“, fragt Demin ihn nach der Wut-Skala. Bei 70. Also echt ein Grund, stolz auf die Selbstkontrolle zu sein.
„Was wären die Konsequenzen einer Schlägerei?“, dreht Demin die Diskussion weiter. Es kommen Vorschläge: Verweis, die Eltern beschweren sich, von der Schule fliegen. „Was wäre dann?“, hakt der Coach ein und spinnt den Faden weiter: „Andere Schule, das heißt nach München fahren, früher aufstehen, keinen kennen.“ Alle sehen nachdenklich aus. Wie hat Demin vorher erklärt? „Wir versuchen, sie müde zu machen. Wenn sie müde sind, haben sie auch mal das Bedürfnis zu sitzen.“

Später erklärt Amar, 14 Jahre alt, was er am Boxtraining schätzt: „Ich kann mich auf dem Boxsack austoben und ich kann erzählen, was los ist. Die können mir dann sagen, was ich machen soll.“ Auf die entsprechende Frage bestätigt Amar auch Erfolge bei sich: „Wenn einer mich beleidigt, gehe ich nicht gleich drauf. Es kratzt schon mein Ego, aber ich sage: Wieso soll ich die Konsequenzen tragen? Man kann gegen die Aggression kämpfen.“
Wie er dagegen kämpft, verrät der 15-jährige Mario: „Ich mache an meinem Armband rum.“ Er lächelt und fügt hinzu: „Das haben die uns beigebracht: Man muss an seine Ziele denken, was man noch vorhat und so. Das ist wichtiger als Streit.“ Der 13-jährige Mason steht ein Stück beiseite, an der Stelle grinst er und hält seinen Arm hoch, daran glänzt ein silbernes Armkettchen.

„Es wird immer jünger.“
Als die Jugendlichen gegangen sind, erzählen die Coaches von ihren Erfahrungen, an fünf Schulen im südlichen Bayern sind sie derzeit. „Es wird immer jünger, jetzt haben wir schon eher Zwölfjährige, und das Niveau geht nach unten“, beobachtet Demin. Woran es liegt? Er und Schopf zucken die Schultern. Es wirke wohl alles zusammen, sagen sie: Die meisten kommen aus schwierigen Familien, manche erfahren selbst Gewalt, manche haben einen Fluchthintergrund, dazu die Folgen von Social Media.
Für Schulsozialarbeiterin Rodrigues ist die Arbeit der Box-Coaches umso wichtiger. Die beiden nehmen für die Schüler eine ganz besondere Stellung ein: nicht Kumpel, durchaus Respektsperson, aber außerhalb der Schulfamilie. „Es ist wunderbar, die beiden mit den Jungs zu sehen. Das würde ich so nie schaffen“, sagt Rodrigues und meint auch die Körperlichkeit. Demin bestätigt: „Sie suchen Körperkontakt.“ Einmal, erzählt er, habe er an einer anderen Schule einen besonders hibbeligen Buben ein paar Minuten lang festgehalten, eine Art Festhaltetherapie mit Judogriff. „Bis ich geschaut hab’, ist er eingeschlafen.“

