Süddeutsche Zeitung

Kunstkreis:"Die Kunst hat mich gerettet"

Aysim C. Woltmann hat ihre Trauer und Einsamkeit mit der Malerei und dem Zeichnen überwunden. Ihre farbenfrohen Werke stellt sie nun im Kunstkreis Karlsfeld aus.

Von Anna Schwarz, Karlsfeld

Kaum zu glauben, dass viele dieser Kunstwerke in einer Zeit entstanden sind, in der Aysim C. Woltmann in tiefer Trauer war. An den Wänden der Galerie Kunstwerkstatt in Karlsfeld hängen bunte "Wimmelbilder", wie sie Woltmann nennt, in denen Blumen, Monde, Tiere, Spiralen und Fantasiefiguren aufeinandertreffen. Sie symbolisieren Woltmanns "Durcheinandersein" in der Pandemie. Die 69-Jährige trägt an diesem Tag ein grauweißes Kleid und rote Ohrringe in Tropfenform und erzählt: "Die Kunst hat mich gerettet", als ihr Mann vor vier Jahren plötzlich starb und sie sich während der Pandemie ziemlich einsam fühlte.

Seit ihrer Kindheit habe sie schon immer gezeichnet, rund 6000 Werke gehören mittlerweile zu ihrem Œuvre. Beinahe jeden Tag kämen neue Zeichnungen dazu, sagt Aysim C. Woltmann, die seit elf Jahren Mitglied im Kunstkreis Karlsfeld ist. Für sie ist die Kunst erfüllend - und ein Rettungsanker. Denn nach dem Tod ihres Mannes habe sie ihr dabei geholfen, sich abzulenken, erzählt Woltmann. In ihre Fineliner-Zeichnungen schreibt sie auch ihre traurigen Gedanken hinein, wie: "Manchmal ist alles zu viel", "Man lebt und ist totenstill" oder "Die Trauer verändert mich." In dieser dunklen Zeit habe ihr das Zeichnen und Malen neuen Mut gegeben, denn dabei habe sie gemerkt: "Mein Gott, du kannst ja was", erzählt sie: "Es hat mich einfach aufgeheitert, meinen Pinsel in einen gelben Farbtopf zu tunken und zu sehen: Das ist ja bunt." So schlicht erklärt es die lächelnde Künstlerin mit dem grauen Bob.

Ihre Kunstwerke, die meisten sind Zeichnungen oder Ölgemälde, spiegeln auch ihre Biographie wieder. Da hängt zum Beispiel ein Bild mit dem Titel "Türkischer Sommer", in dem sich bunte Formen miteinander verweben, und das blaue Auge der Fatima zu entdecken ist - das Amulett, das böse Blicke abwenden soll, ist vor allem in Griechenland und der Türkei weit verbreitet. Aysim C. Woltmann ist in Istanbul aufgewachsen. Mit etwa zehn Jahren kam sie nach Deutschland und studierte später wie ihr Vater Architektur. Allerdings sei sie ein Mensch, der immer wieder gerne einen Neubeginn wage: "Sonst wird es mir langweilig", sagt sie.

Deshalb studierte sie an der Hochschule für Fernsehen und Film in München, inszenierte Theaterproduktionen in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft und war Regisseurin für Produktionen des Bayerischen Rundfunks, etwa beim Spielfilm "Eddie, mein Liebling". Ihre Karriere in der Filmbranche hat sie in dem Triptychon "Früher hießen Kinos Lichtspiele" verewigt, in der ein Lichtstrahl zwischen abstrakten, düsteren Formen und Figuren durchscheint.

Teil der Ausstellung sind auch Skulpturen in bunten Kleidern ihres Künstlerfreundes Ferdinand Mödl aus Pleinfeld in Mittelfranken. Seine Figuren haben Woltmann zu ihren farbenfreudigen Kunstwerken inspiriert. Teile davon, wie blaue Blumen, finden sich in ihren Bildern wieder. Die Skulpturen verkauft sie gerne weiter, denn sonst würden sie auch nur in Regalen rumliegen, sagt sie. Die Wimmelbilder hat sie außerdem als Puzzles drucken lassen.

Demnächst feiert die Künstlerin ihren 70. Geburtstag, sie freue sich auf das neue Jahrzehnt. Denn dafür habe sie sich gewünscht, dass sie Teil von vielen Ausstellungen sein darf. Das ist ihr gelungen: Im Oktober stellt sie bei den "Kultüren" in Neuhausen aus und im November wird sie die "riesigen Räume" der Innsbrucker Hofburg mit ihren Werken füllen.

Die Vernissage zur Ausstellung findet am Freitag, 15. September, um 19 Uhr in der Galerie Kunstwerkstatt in Karlsfeld statt. Danach ist die Ausstellung an den Samstagen, 16. und 23. September, und den Sonntagen, 17. und 24. September, jeweils von 14 bis 18 Uhr geöffnet, die Künstlerin ist anwesend.

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