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Kulturfestival Kosmos:"Auch in Deutschland wird der Ton immer rauer"

Kosmos Festival

Im Dialog: Pfarrer Roman Breitwieser, Rabbi Baruch ben Mordechai Kogan, Imam Ahmad Schekeb Popal, Zweiter Bürgermeister Stefan Handl, Chrissi Tsigas (griechisch-orthodoxe Kirche Dachau) und Diakon Josef Enthofer.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Der interreligiöse Dialog auf dem Karlsfelder Kulturfestival Kosmos zeigt, dass die verschiedenen Religionen und Konfessionen mehr Verbindendes als Trennendes haben.

Bereits zwei Tage lang hat Karlsfeld beim Kulturfestival Kosmos gezeigt, wie vielfältig und bunt die Gemeinde ist, als es zum Abschluss des Programms auf dem Bruno-Danzer-Platz um Religionen und deren Verhältnis zueinander geht. Wer dabei eine kontroverse Debatte zwischen katholischen, evangelischen, griechisch-orthodoxen, jüdischen und muslimischen Theologen erwartet hat, wird angenehm überrascht. Karlsfeld Zweiter Bürgermeister Stefan Handl (CSU), der die Podiumsdiskussion leitet, wird am Ende zurecht feststellen, dass es viele Gemeinsamkeiten gebe und dass Nächstenliebe in allen Konfessionen einen herausragenden Wert darstelle.

In seiner Einleitung des Gesprächs verweist er darauf, dass zwar die Religionsfreiheit im Grundgesetz und in der UN-Menschenrechtskonvention verankert ist, dennoch würden immer noch Menschen wegen ihrer Religionszugehörigkeit ermordet. Allein in diesem Jahr Christen in Sri Lanka, Muslime in Neuseeland und Juden in den USA. "Auch in Deutschland wird der Ton immer rauer", sagt er angesichts des zunehmenden Antisemitismus und wachsender Ablehnung des Islam. Wie gehen seine Diskussionsteilnehmer damit um, dass es in allen Religionen radikale Minderheiten gibt und wie ist es in ihren Glaubensgemeinschaften um die "Freiheit der Andersdenkenden" bestellt? Darum werde sich die Debatte drehen.

Unklare Ängste vor Fremden

"Zunächst einmal muss man reden, Kommunikation ist das A und O", erklärt Imam Ahmad Schekeb Popal. Man dürfe gegen die gewaltbereiten Gruppen nicht dieselben Waffen benutzen, sondern müsse "zeigen, dass wir argumentativ stärker sind". In seiner Gemeinde ist Roman Breitwieser, Pfarrer der evangelischen Korneliuskirche, noch keinen Extremisten begegnet, wie er sagt, doch stoße er immer wieder auf "unklare Ängste vor Fremden", wie es sie in den Sechzigerjahren auch schon gegeben habe.

Gegen diese Berührungsängste, die auch Diakon Josef Enthofer vom katholischen Pfarrverband in Karlsfeld in der eigenen Konfession erlebt, helfe allein der Dialog. Chrissi Tsigas von der griechisch-orthodoxen Kirchengemeinde Dachau pflichtet Imam Popal darin bei, dass Gewalt Gegengewalt erzeuge, "die oft lange in Seelen schlummert, ehe sie plötzlich ausbricht". Extremismus gebe es immer dort, "wo der Mensch seine Freiheit auf Kosten anderer auslebt", betont Rabbi Baruch ben Mordechai Kogan.

"Wer garantiert denn die Freiheit, die Religion oder der Staat?", fragt Handl. Einig sind sich hier alle, dass das Grundgesetz die äußere Freiheit garantiere. Nach Ansicht Kogans allerdings gebe es nur einen, der innere Freiheit garantiere - "und das ist Gott". "Das Grundgesetz gibt uns Rechte, die dort begrenzt sind, wo andere ins Spiel kommen", sagt Breitwieser. Sorgen macht es Imam Popal, dass im Bundestag Politiker sitzen würden, die Ausländerhass predigten. Doch halte er es für einen Segen, dass in Deutschland eine gesunde Streitkultur gepflegt werde, "die wir nicht aufgeben dürfen, auch wenn es 10 000 AfDs gibt".

Kosmos Festival

Auf dem Kosmos-Festival in Karlsfeld verwöhnt der italienische Spitzenkoch Guiseppe Carlucci (Mitte) die Gäste mit köstlichen Gerichten.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die griechisch-orthodoxe Theologin Tsigas betont, dass jeder ein Andersdenkender sei und nur gegenseitiger Respekt Freiheit erzeuge. Enthofer verweist auf Christen in China: "Die erleben Freiheit als spirituelle Größe, auch wenn ihnen der Staat diese Freiheit nicht gibt." Wo die Grenzen interreligiöser Freiheit liegen, möchte Diskussionsleiter Handl wissen. Freiheit des Andersdenkenden könne ja auch bedeuten, dass dieser sage: "Es gibt keinen Gott." Das hört Tsigas tatsächlich oft. Dies zu ignorieren hält sie für falsch: "Tolerieren ist ein guter Ansatz, aber überzeugen kann man nur mit seinen Taten."

Auch Enthofer will nicht ignorieren, sondern versuchen zu überzeugen, etwa mit Blick auf die unendlichen Sterne im Weltall, die doch nicht durch Zufall entstanden sein könnten. "Von Gott kann man nicht überzeugen", erklärt hingegen Rabbi Kogan, der sich ebenfalls für Toleranz ausspricht. "Ich toleriere auf jeden Fall die Meinung des Anderen", stimmt der evangelische Pfarrer zu. Tolerieren hält Popal für das falsche Wort, denn das heiße doch erdulden oder ertragen. "Ich will aber respektiert, nicht toleriert werden."

Weltfriedenspfad

Unmittelbar vor Beginn des interreligiösen Gesprächs konnten die Besucher erfahren, wie eine Karlsfelder Initiative in die Welt ausstrahlt. Vor ziemlich genau einem Jahr war am Karlsfelder See der Weltfriedenspfad eingeweiht worden: Eine Reihe von Tafeln mit Gedichten, die von Studenten der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und Geflüchteten aus Karlsfeld verfasst worden sind.

Die Gedichte auf den Tafeln sind jeweils in Deutsch und Englisch sowie in den Muttersprachen der Verfasser zu lesen, insgesamt in 13 verschiedenen Sprachen. Petra Rauschert, Initiatorin des Weltfriedenspfads, ist sowohl Dozentin an der LMU als auch Mitglied im Karlsfelder Helferkreis. Sie konnte am Sonntag berichten, dass es mittlerweile neun Nachfolgeprojekte gibt, unter anderem an der Mittelschule Karlsfeld und am Josef-Effner-Gymnasium in Dachau, aber auch in Indien und Fidschi.

Acht der sehr offenen und anrührenden Gedichte aus dem ersten Projekt und drei neue konnten die Besucher hören, gelesen von jugendlichen Teilnehmern. W.G.

Ganz aktuell spricht Handl die neuesten Zahlen zu Kirchenaustritten an, die zeigen, dass immer mehr Menschen ohne Religion lebten. Seine Frage, wer diese Lücke füllen könne, stößt sogleich auf Widerspruch von Kogan: "Ich sehe diese Lücke nicht, die Werte bleiben lebendig in der Gesellschaft." Niemand, der anderen helfe, frage nach dessen Konfession, sagt er und nennt Karlsfeld als Beweis dafür. Diakon Enthofer hingegen sieht durchaus einen Schwund der christlichen Werte in unserer Gesellschaft und verweist auf den Umgang miteinander in den sozialen Medien. Nach Meinung von Tsigas denken und fühlen viele Menschen trotz der Meldedaten immer noch religiös. Der Grund: "Man wächst in einem Umfeld auf, das die Werte tradiert." Imam Popal zitiert in seiner Antwort Anne Frank, das jüdische Mädchen, das im Februar oder Anfang März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb: "Tief in jedem Menschen gibt es Glauben", hat sie in ihr berühmtes Tagebuch geschrieben. Er hoffe, sagt Imam Popal, dass Anne Frank recht habe.

Nicht ganz so optimistisch wie seine Vorredner äußert sich Breitwieser: "Im normalen Miteinander sind die Werte relativ sicher, aber in den letzten 20 Jahren hat sich durch Digitalisierung und Globalisierung so viel verändert, dass die Menschen nach zusätzlichen Werten suchen." Dabei stießen sie dann etwa auf den Nationalismus, "der uns Deutsche zu den größten Verbrechen geführt hat". Und Rabbi Kogan ergänzt mit einem Zitat von Oscar Wilde: "Die Tugend der Boshaften ist der Patriotismus."